Bremer Airbus-Werkleiter Kai Brüggemann berichtet im Focke-Museum über Visionen der Ingenieure

 - 06.02.2012

Wie das Fliegen komfortabler werden soll

Von Jutta Barth
Der Flugverkehr hat sich in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt, und Experten sagen eine weitere erhebliche Zunahme voraus. Was unternehmen die Flugzeugbauer, um immer mehr Passagieren immer mehr Komfort zu bieten - und gleichzeitig die Lärmbelästigung, den Kraftstoffverbrauch und den CO2-Ausstoß zu verringern? Kai Brüggemann, Standortleiter von Airbus Bremen, ging darauf ein, als er anlässlich der Sonderausstellung "Voll abgefahren!" im Focke-Museum über die Anfänge der Luftfahrt, den heutigen Stand und die Zukunft des Fliegens berichtete.

Schwachhausen. Das Unternehmen Airbus hat für das Fliegen im Jahr 2050 ein futuristisches Konzept entworfen. Dafür durften sich Designer und Ingenieure den Traum erfüllen, jenseits eingefahrener Maßstäbe zu denken und verwegene Ideen umzusetzen, die das Fliegen komfortabler machen. So soll der Passagier von morgen beispielsweise durch eine teilweise durchsichtige Flugzeug-Hülle die Umgebung besser betrachten und während der Flugreise virtuell Golf spielen können. Das berichtete der Bremer Airbus-Werkleiter Kai Brüggemann in einem Vortrag im Focke-Museum.

Künftige Passagiersitze könnten verformbar sein, sich an den Körper anschmiegen und zudem Akupressur-Behandlungen ermöglichen. Mit Energierückgewinnungssystemen, dem sogenannten Energie-Harvesting ("Energie-Ernte"), sollen kleinste Bewegungen der Passagiere in Energie umgesetzt werden, um den Treibstoffverbrauch des Flugzeugs zu senken.

Von solchen Ideen war man noch sehr weit entfernt, als im Jahre 1907 mit dem Bau des Bremer Flughafens begonnen wurde. Damals waren die in der Hansestadt geborenen Brüder Wilhelm und Henrich Focke gerade dabei, Flugzeuge zu entwickeln. Mit ihrer "Bremer Ente" unternahmen sie 1910 die ersten Flugversuche auf dem Neuenlander Feld. Lärm und CO2 spielten damals noch keine Rolle.

Heute, ein Jahrhundert später, ist Reisen ohne Flugzeug für viele kaum noch denkbar. Hatten die ersten Flugzeuge noch Namen wie "Ente" oder "Stieglitz", so heißen sie heute A320 oder A380. Das sind die Flugzeuge, die Airbus baut. "In den vergangenen 40 Jahren ist es den Technikern unter anderem gelungen, den Lärm um 75 Prozent zu reduzieren", so Kai Brüggemann.

Aber es hat sich noch viel mehr getan. Anhand eines Films zeigte Brüggemann den Besuchern, wie sich die Produktpalette von Airbus im Laufe der Jahrzehnte verändert und verbessert hat. Angefangen vom A300 in den 70er-Jahren bis hin zum neuesten und zurzeit größten Passagierflugzeug der Welt, dem A380. Bei der Flugschau zum 100-jährigen Bestehen des Bremer Flughafens sei er kaum zu hören gewesen, berichtete Brüggemann. Der A380 mit 460 bis 850 Passagierplätzen sei extrem leise, habe gegenüber anderen Flugzeugen einen geringeren CO2-Ausstoß und biete "höchsten Kabinenkomfort". Der Kraftstoffverbrauch sei geringer als drei Liter pro 100 Kilometer je Sitzplatz. "Im letzten Jahr sind 26 Flugzeuge dieses Typs ausgeliefert worden, für dieses Jahr erwartet Airbus eine deutlich höhere Anzahl", sagte Brüggemann. Das meistverkaufte Flugzeug von Airbus sei allerdings der A320, von dem bisher mehr als 5000 Flugzeuge ausgeliefert wurden, wobei weitere 4000 Bestellungen vorlägen. "Die

Auftragsbücher sind voll", resümierte Brüggemann. Die Auslastung des Werkes sei bis 2019 gewährleistet.

Welche Herausforderungen birgt die Zukunft des Fliegens, und wie kann sich Airbus ihnen stellen? Auch das erfuhren die Zuhörer von Brüggemann. "Die Anzahl der Passagiere steigt stetig, die Menschen werden älter und auch dicker, und sie wollen während des Fluges Internetanschluss haben", berichtete er. Zugleich gebe es Forderungen nach weniger Lärm, reduziertem Treibstoffverbrauch, weniger CO2-Ausstoß sowie nach Verbesserung und Nutzung von kostengünstigerem und alternativem Treibstoff. Um all dem gerecht zu werden, sind weltweit rund 56000 Mitarbeiter bei Airbus beschäftigt. Sie gehören 88 Nationalitäten an und sprechen über 20 verschiedene Sprachen, wobei die Werkssprache Englisch ist. In Bremen beschäftigt Airbus davon rund 3000 Mitarbeiter und ist damit in der Hansestadt nach Daimler-Benz einer der größten Industrie-Arbeitgeber.

Neu gebaut wird zur Zeit der A320neo (new engine), dessen Auslieferung 2015 erfolgen soll. Die Kombination neuer Triebwerke mit einer neuen Flügeltechnologie bei diesem Flugzeugtyp soll den Treibstoffverbrauch gegenüber der bisherigen A320-Reihe um bis zu 15 Prozent senken. Dies entspricht laut Airbus einer jährlichen Verringerung des CO2-Ausstoßes um 3600 Tonnen pro Flugzeug.

"Es hat sich viel getan in den vergangenen 40 Jahren", meinte Zuhörer Joachim Schmidt. Er war von 1964 bis 1996 als Konstrukteur beim Flugzeugbauer VFW, Vereinigte Flugtechnische Werke, beschäftigt und hat alle damaligen Flugzeuge mit gebaut. "In den 70er-Jahren wurden zwei Flugzeuge pro Monat gebaut, heute sind es 40 Stück", stellte er fest. Die 1971 gebaute VFW 614, das erste Serien-Düsen-Flugzeug, steht heute auf dem Dach des Bremer Flughafengebäudes und soll demnächst einen neuen Platz erhalten.

Die Sonderausstellung "Voll abgefahren" im Focke-Museum ist noch bis zum 15. April zu sehen. Der Eintritt beträgt sechs, ermäßigt vier Euro. Die begleitende Vortragsreihe wird morgen, 7. Februar, um 19 Uhr im Museum fortgesetzt: Kerstin Homrighausen, Geschäftsführerin der Cambio Stadtauto Carsharing GmbH, skizziert die Entstehung und Entwicklung des Carsharings in Bremen. Dabei geht sie auch auf die technische Entwicklung und die Veränderung in der Mobilität seit den 1990er- Jahren ein. Der Eintritt beträgt sechs Euro, ermäßigt vier. Eine Anmeldung unter Telefon 69960050 wird empfohlen.





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