Hildegard Lenz aus Schwachhausen berichtet in der Remberti-Gemeinde über ihre Hilfmission im Westjordanland

 - 09.02.2012

Bremerin im Einsatz für Frieden in Nahost

Von YaNNIC WITTENBERG
Ein Leben voller Angst und Gewalt - für die Palästinenser im Westjordanland, die unter der militärischen Unterdrückung durch die Israelis leiden, ist das Realität. Um dagegen etwas zu tun, war Hildegard Lenz aus Schwachhausen im vergangenen Jahr für drei Monate mit dem Ökumenischen Friedensdienst im Krisengebiet, um sich für die Rechte der Einheimischen einzusetzen. In einem Vortrag berichtete sie nun von ihren Erlebnissen und Eindrücken aus dieser Zeit.

Schwachhausen. Den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern kennen viele Menschen nur aus Fernsehberichten oder Zeitungen. Wie dramatisch die Situation vor Ort wirklich ist, können TV-Bilder, Artikel und Fotos aber oft nicht transportieren. Hildegard Lenz aus Schwachhausen war von September bis Dezember des vergangenen Jahres mit dem Ökumenischen Friedensdienst (EAPPI) in der Krisenregion und machte sich in dieser Zeit ihr eigenes Bild von der Situation. Nach ihrer Rückkehr musste sie zunächst die Eindrücke auf sich wirken lassen und lud nun zu einem Vortrag ins Gemeindehaus der Remberti-Gemeinde ein.

Vor 28 interessierten Besuchern berichtete sie über viele schöne, aber auch zahlreiche erschreckende Erfahrungen, die sie während ihrer Zeit im Nahen Osten gemacht hatte. Seit 1967 ist das palästinensische Gebiet von israelischem Militär besetzt. Durch den Bau einer Mauer, mit der kurzerhand die Landesgrenze verändert und sich ein Teil des Landes einverleibt wurde, und aufgrund der wachsenden israelischen Siedlungen hat das Militär den Lebensraum der Palästinenser immer mehr eingeengt. "Es ist nach internationalem Recht eigentlich illegal, Siedlungen auf besetztem Gebiet zu errichten", berichtete die Bremerin.

Zudem kenne die gegenseitig ausgeübte Gewalt und die Unterdrückung des einheimischen Volkes offenbar keine Grenzen. Wahllos gefasste israelische Beschlüsse führten dazu, dass Häuser von Palästinensern zerstört oder besetzt würden, so Lenz. Ganze Familien stünden plötzlich ohne Dach über dem Kopf da. "Ich habe alte Menschen getroffen, die mir erzählten, dass sie sich nicht trauen, aus dem Haus zu gehen. Sie haben zu viel Angst, dass sie wiederkommen und ihre Wohnung in der Zwischenzeit besetzt würde", sagt Hildegard Lenz und berichtet von zahlreichen solcher Vorfälle. Auch vor Kindern mache die Gewalttätigkeit des Militärs nicht halt. In einem Video, das die Bremerin den Zuhörern zeigte, war zu sehen, wie Kinder beim Fußballspielen auf der Straße plötzlich in einen Militärwagen gezerrt und verschleppt werden. "Das konnte auch ich selbst erst nicht glauben", erzählt Lenz, als sie in die geschockten Augen ihrer Zuhörer blickt.

Diese durch Gewalt geprägte Situation zu ändern und friedlich zwischen Israelis und Palästinensern zu vermitteln ist das Ziel des Ökumenischen Friedensdienstes EAPPI. "Oftmals reicht schon die Präsenz von uns Helfern, um Gewalt zu verhindern. Wir können keine Wunder bewirken, aber wir können helfen, das Leid der einheimischen Menschen etwas zu lindern", sagt die freiwillige Helferin. "Die Menschen versprechen sich viel von dieser Hilfe und glauben an uns. Deshalb muss und wird diese Mission auch weitergehen."

Von dem Programm hatte Lenz während eines Aufenthalts in Südafrika erfahren. Die gebürtige Frankfurterin war im Jahr 1987 nach Bremen gezogen und arbeitete hier zunächst noch kurz als Lehrerin. Nachdem sie den Schuldienst beendet hatte, war sie noch einige Jahre für das Bremer Informations-Zentrum (BIZ) tätig und war in dieser Zeit unter anderem auch an der Vorbereitung der Städtepartnerschaft zwischen Bremen und Durban beteiligt.

Nach ihrer Pensionierung verschlug es sie durch den evangelischen Entwicklungsdienst nach Südafrika, wo sie zehn Jahre lebte und arbeitete. Eine ihrer Aufgaben war hier auch die Rekrutierung von Freiwilligen für den Friedensdienst in Palästina. "Während dieser Tätigkeit habe ich mir fest vorgenommen, auch selbst dort hinzugehen, wenn ich wieder in Deutschland bin." Zwar brauchte die heute 67-Jährige nach ihrer Rückkehr im Jahr 2000 noch einige Zeit, um sich wieder einzuleben, und sie verschob ihre Pläne zunächst, setzte sie aber im vergangenen Jahr schließlich in die Tat um.

In einer kleinen Gruppe von sechs Menschen war sie während ihrer Hilfsmission in Ost-Jerusalem im Westjordanland stationiert. Insgesamt ist der Ökumenische Friedensdienst, der vom Ökumenischen Rat der Kirchen geleitet wird, mit 41 Freiwilligen in Palästina im Einsatz. "Über 30 Länder sind am ökumenischen Rat beteiligt. In meiner Gruppe waren bei sechs Personen sechs unterschiedliche Nationen vertreten", erzählt Lenz. Sie und ihre freiwilligen Kollegen gaben nicht nur ihre Zeit und Mühe, sondern verzichteten während der Hilfsmission auch auf jeglichen Luxus. Ein Bett und ein Schrank, so sah während der drei Monate in Palästina das Zuhause der Bremerin aus. "Vor dem Fenster habe ich immer meinen Laptop aufgeklappt und gearbeitet, obwohl es da eigentlich viel zu kalt war", sagt Lenz.

Doch hauptsächlich war sie draußen bei den Menschen im Einsatz: Sie beobachtete Demonstrationen, geleitete Kinder zur Schule, um sie vor gewalttätigen Übergriffen zu schützen und überwachte die tägliche Situation an den vielen sogenannten Checkpoints, die Grenzübergänge zwischen den palästinensischen Gebieten und den zahlreichen israelischen Siedlungen, die mittlerweile über das ganze Westjordanland verstreut sind.

"Nur wenige Palästinenser mit besonderer Genehmigung dürfen die Checkpoints passieren", berichtet Lenz, "das Militär kennt keine Gnade. Ich habe erlebt, wie Arbeiter, die sich ihre Hand verbrannt haben und ihr Fingerabdruck sich dadurch verändert hat, wieder weggeschickt wurden, obwohl sie bereits seit Jahren jeden Tag kommen."

Zum Abschluss erzählt sie noch von einem sehr schönen Erlebnis: "Wir waren dabei, als ein inhaftierter Palästinenser nach jahrelanger Haft zu seiner Familie zurückkehrte." Die ganze Straße habe ein riesiges Fest gefeiert und viele Menschen hätten extra Kuchen gebacken, um damit die Rückkehr zu feiern.

Hildegard Lenz: "Das sind die Situationen, aus denen nicht nur die betroffenen Menschen, sondern auch wir als Helfer unsere Motivation nahmen, immer weiterzu- machen, auch wenn es manchmal sehr anstrengend war."





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