Ortsamtsleiterin rügt "interessengeleitetes" Schallgutachten für Kraftanlage / Hansewasser sieht sich im Recht

 - 26.09.2011

Seehausens Kampf gegen Windmühlen

Von Jean-Charles Fays
Seehausen. Die Fronten im Kampf gegen Windräder in Seehausen sind verhärtet. Nachdem Hansewasser das Schallgutachten der Windkraftanlage in der Seehauser Beiratssitzung vorgestellt hat, kritisiert die Seehauser Ortsamtsleiterin Eva Thiemann das Ergebnis, da es von Hansewasser in Auftrag gegeben wurde und "interessengeleitet" sei. Auch SPD-Beiratsmitglied Linda Warnken fordert ein neues, "objektives Gutachten" über einen längeren Zeitraum von der Umweltbehörde.

Das Gutachten spricht eine eindeutige Sprache. "In einem aufwändigen siebenwöchigen Verfahren wurden an sieben Punkten die Dezibelzahlen gemessen und an keinem dieser Punkte sind die Messwerte überschritten worden", sagt Hansewasser-Sprecher Oliver Ladeur. Deshalb sieht er auch überhaupt keinen Grund, warum der Betreiber der Windräder die Anlage drosseln sollte. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht", sagt Ladeur. Bewusst rage die Windkraftanlage mit ihren Rotorblättern nicht - wie ursprünglich geplant - 153 Meter hoch, sondern nur 142,5 Meter. Unerwähnt lässt er, dass nicht die Rücksichtnahme von Hansewasser, sondern Anwohnerproteste und ein Konflikt zwischen SPD und Grünen dafür gesorgt haben, dass das am 17. Dezember 2010 größte Windrad Bremens nicht noch größer ausfiel.

Die Dankbarkeit der Seehauser über diese Rücksicht ist dementsprechend gering. Anwohner wie Warnken klagen über ein ständiges, monotones Surren. "Das macht mich wahnsinnig", sagt Warnken, die in der Interessengemeinschaft Seehausen/Hasenbüren gegen die vier Riesen-Windräder kämpft. Viele Anwohner fühlten sich nicht nur vom Lärm, sondern auch von den Schallwellen genervt. Der führe zu Schlaflosigkeit und zu "innerer Unruhe". Außerdem sei Bremen das einzige Bundesland, in dem nicht mindestens 500 Meter Abstand vom Windrad zu den Wohngebieten vorgeschrieben sei. In Seehausen hätten die Windkraftanlagen einen Abstand von nur 400 Metern.

"Und 400 Meter ist wirklich kein Abstand", findet Ortsamtsleiterin Eva Thiemann. "Das muss ja keine gesundheitsschädigenden Auswirkungen haben, aber es kann." Daher will sie nicht länger hinnehmen, dass Seehausen "100 Meter unter der bundesweiten Norm liegt". Außerdem fordert sie die Umweltbehörde auf, ein Langzeitgutachten über mindestens ein halbes Jahr zu führen. Der bisherige Untersuchungszeitraum von Mitte März bis Anfang Mai sei nicht ausreichend, weil die jahreszeitlichen Unterschiede gar nicht berücksichtigt wurden. "Im Sommer weht weniger Wind als im Herbst", führt sie aus. Außerdem habe nicht nur die Stärke des Windes, sondern auch die Windrichtung Einfluss auf das Gutachten. Das alles komme in der aktuellen Untersuchung zu kurz. Daher solle die Behörde ein neues Gutachten in Auftrag geben.

Dem erteilte die Sprecherin der Gesundheitssenatorin, Karla Götz, auf Nachfrage dieser Zeitung bereits eine Absage: "Dafür ist gar kein Geld da." Außerdem sei der Vorhabenträger - sprich Hansewasser - gesetzlich dazu verpflichtet, dieses Gutachten machen zu lassen und nicht die Umweltbehörde oder das Gesundheitsressort. Außerdem sei das Gutachten bei der Seehauser Beiratssitzung zwar kritisiert worden, es hätten aber auch nicht alle angezweifelt. Gegenüber der Behörde habe die Ortsamtsleiterin, die Initiative oder der Beirat diese Forderung auch noch nicht gestellt. Die bei der Beiratssitzung vertretene Verwaltungsexpertin zur Umwelthygiene, Sabine Luther, habe Hansewasser auf der Beiratssitzung außerdem gebeten, zu prüfen, ob der Geräuschpegel der Windkraftanlagen noch gesenkt werden könne. Götz: "Seitdem warten wir auf Antwort."

"Wir haben noch keine offizielle Anfrage erhalten", sagt hingegen Hansewasser-Sprecher Ladeur. "Wenn die Umweltbehörde will, dass da was passiert, dann muss sie auch eine konkrete Anfrage stellen." Sabine Luther habe zwar gefragt, ob es möglich sei, an dem Geräuschpegel etwas zu ändern. "Ob man grundsätzlich etwas ändern kann, überlegen wir aber ständig", sagt Ladeur und wertet diese Frage daher nicht als offizielle Anfrage. Er habe zur Kenntnis genommen, dass es Beschwerden gab. Zur Klärung dieser Fragen sei aber nicht Hansewasser zuständig, sondern das Hauptgesundheitsamt. "Wir können uns nur an die Vorschriften halten. Und das haben wir getan", so Ladeur. Schließlich sei der Betreiber auch ein Unternehmen, das wirtschaftlich denken müsse.

Warnken widerspricht Ladeur. Hansewasser habe sich nicht an die Vorschriften gehalten, weil die Messungen, die ihre Interessengemeinschaft seit einem halben Jahr vornehme, "die zulässigen Grenzwerte unter bestimmten Bedingungen überschreiten". Die Ergebnisse hätten gezeigt, dass die vorgegebenen Richtwerte besonders bei Westwind und einer Luftfeuchtigkeit von über 80 Prozent überschritten werden. "Nachts lagen die Werte zeitweise zwischen 50 und 60 Dezibel und haben die zulässigen Grenzwerte somit um fünf bis 15 Dezibel überschritten", sagt das Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft Seehausen/Hasenbüren.

"Wir werden mit dem Betreiber über die unterschiedlichen Ergebnisse unserer Messungen und des Hansewasser-Gutachtens sprechen", sagt Warnken. "Wir versuchen eine Lösung zu finden, damit Hansewasser die Leistung der Windräder in der Nacht drosselt." Die stellvertretende Seehauser Beiratssprecherin Warnken hält erneuerbare Energien zwar "für dringend erforderlich". Die Lebensqualität und Gesundheit der Anwohner dürfe darunter aber nicht leiden. Gerade die Seehauser seien ohnehin schon genug gebeutelt. Seit Jahren gebe es Probleme mit den Emissionen der Stahlwerke auf der anderen Weserseite. Zudem würden die Kläranlage und die Baggergutdeponie die Anwohner belasten. Und dann gebe es da noch das leidige Thema des A 281-Wesertunnels. Auch hier fühlen sich die Seehauser von der Politik nicht verstanden und klagen über die vom Senat geplante verkürzte Tunnel-Lösung.





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