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Oral History, mündlich überlieferte Geschichte: Unter diesem Begriff wird innerhalb der Geschichtswissenschaft eine Forschungsmethode gefasst, bei der Zeitzeugen zu Wort kommen. Einer, der diese Methode seit langem anwendet, ist der Historiker Achim Saur vom Geschichtskontor Brodelpott.
Seit rund zehn Jahren arbeitet Sauer, der vom damaligen Kulturladen Pusdorf nach Walle kam, im Kulturhaus Brodelpott. Regelmäßig interviewt er Zeitzeuginnen und Zeitzeugen - "mit dem alten Manko der Oral History", wie er selbst einschränkt: "dass Zeitzeugen nach dem Interview meist nur entseelt in verschriftlichter Form zu Wort kommen".
Das soll sich jetzt ändern, denn Achim Saur will ab sofort ein weiteres Medium nutzen, um Geschichte "von unten" zu erzählen: "Digitales Heimatmuseum Bremen" nennt sich die von ihm aufgebaute Internetplattform, die O-Töne, historische Fotografien, Texte und filmische Collagen aus Walle und anderen Stadtteilen zusammenführt und einer weltweiten Öffentlichkeit die Möglichkeit bietet, per Mausklick in die bremische Geschichte einzutauchen.
Im Digitalen Heimatmuseum werden Zeitzeugen nun unmittelbar wahrnehmbar: "Mit Beständen aus unserem Bildarchiv und Hintergrundrecherche entstehen multimediale Short Storys", sagt Achim Saur. Die Nutzer können sich historische Bilder angucken, während ein Zeitzeuge etwas zu den näheren Umständen erzählt. "Darin steckt einerseits Alltagsgeschichte oder Mikrogeschichte - also ?meine Geschichte' - und andererseits auch Makrogeschichte, also bremische Stadtgeschichte, etwa zum Thema Weservertiefung", sagt der Historiker.
Zugang zu dem Erzählten bekommen die Besucher der Webseite etwa über die Suche nach einzelnen Themen wie "Maritimes", "Arbeitswelten" oder "Krieg", aber auch über einen interaktiven Stadtplan, auf dem derzeit rund 70 verschiedene Punkte angeklickt werden können. "Meine These ist, dass die Karte das Medium ist, über das die meisten sich orientieren werden", sagt Achim Saur, "wir haben aber auch die Volltextsuche. Und wir haben hier die Möglichkeit gefunden, populärer zu werden. Die Spur für das Digitale Heimatmuseum wurde bei dem gelegt, was wir zusammen mit Frauke Wilhelm gemacht haben." In den filmischen Collagen wie "Walle Blues" hat das Team Töne und Bilder zusammengebracht. Zwei Stunden Interview-Aufzeichnung für 30 Sekunden O-Ton im Film - damals schon war Achim Saur klar: "Da ist neben der Kernepisode mehr drin." Vier Jahre lang hat er gemeinsam mit Sabine Murken, Christine Spiess, Helge Bazak, Birgitta Herzer und Sigrid Bauermeister an der Internet-Plattform getüftelt , die
jetzt im Kino 46 freigeschaltet wurde.
Achim Saur freut sich schon darauf, allen, die sich für Bremer Geschichte interessieren, diese neue Art des Zugangs zu ermöglichen. "Der historische Stoff ist noch da - man muss ihn aber immer wieder aktualisieren."
Cecilie Eckler-von Gleich, die Geschäftsführerin des Brodelpott, ist froh darüber, dass die Zeit des endlosen Vor- und Rückspulens vorbei ist und per Knopfdruck geschnitten werden kann. Denkbar wäre für sie, zukünftig auch Dokumente anderer Einrichtungen über die neue Internet-Plattform zugänglich zu machen.
In einigen Fällen ist dies sogar schon geschehen - so hat etwa Heinz Rolappe von der Geschichtswerkstatt Gröpelingen dem Digitalen Heimatmuseum Beiträge über die AG-Weser zur Verfügung gestellt. "Das hier ist die Chance, auch mal einen Schnellschuss zu machen", sagt Cecilie Eckler-von Gleich, "denn sonst arbeitet man zum Beispiel drei Jahre lang an einer Publikation. Es ist toll, dass das Digitale Heimatmuseum den Fundus dieser langen Arbeit mal präsentiert, denn die ist nicht immer sichtbar."
Achim Saur und Cecilie Eckler-von Gleich sind überzeugt davon, dass das Digitale Heimatmuseum eine große Chance für Bremen ist. Wer sich letztlich daran beteiligt, bleibt abzuwarten. Aktuell jedenfalls suchen die beiden "Leute, die was über den Schwarzmarkt in der Nachkriegszeit erzählen können".


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