Hochwasserschutz: Behörde hält Bremer Deiche für sicher

 - 05.03.2010

Im Notfall liegen Tausende Sandsäcke bereit

Von Christian Weth
Bremen. Warum Orkantief 'Xynthia' vor wenigen Tagen in Frankreich so verheerend wüten konnte, darüber kann Wilhelm Koldehofe nur spekulieren. Was er mit Bestimmtheit sagt: 'Unsere Deiche sind gut.' Und was gut sei, werde noch besser - wenn die Schutzwälle erhöht sind. Koldehofe muss es wissen: Er ist der Mann, bei dem im Ernstfall die Fäden zusammenlaufen, noch bevor der Innensenator einen Krisenstab einberuft.
Wilfried Döscher vom Deichverband rechts der Weser hat den Verlauf des Bremer Schutzwalls stets vor Augen. Insgesamt misst er rund 150 Kilometer.
Wilfried Döscher vom Deichverband rechts der Weser hat den Verlauf des Bremer Schutzwalls stets vor Augen. Insgesamt misst er rund 150 Kilometer.

Koldehofe - Referatsleiter für Hochwasserschutz bei der Umweltbehörde - bildet die Vorhut, wenn es brenzlig zu werden droht. Sein Lagezentrum ist das erste, das eingerichtet wird. So steht es im Katastrophenschutzplan. Dort steht auch, wann das Lagezentrum gebildet werden muss: 'Bei zweieinhalb Metern über dem Mittleren Tiedehochwasser wird es ernst.' Koldehofe musste diesen Wert nachschlagen. Schließlich ist es lange her, dass es eine solche Anlaufstelle brauchte, um die Deichverteidigung zu koordinieren. In Koldehofes Amtszeit war es kein einziges Mal nötig.

Auch in diesem Frühjahr wird es ohne gehen - 'aller Voraussicht nach'. Zwar steigt das Wasser im niedersächsischen Umland immer noch, doch sieht Koldehofe keinen Grund zur Sorge: 'Alle Pegel sind im grünen Bereich.' Dem diesjährigen Winterhochwasser drückt er den Stempel 'normal' auf. Dass vom Harz noch mehr nachkommen könnte als die Messstellen prognostizieren, glaubt er nicht. Und wenn doch, sei das ebenfalls nicht weiter wild. 'Die Talsperren sind bislang nicht mal bis zur Hälfe vollgelaufen.'

Ein Lager voller Sandsäcke: Rolf Dülger vom Deichverband steht hinter 2000er-Bündeln.
Ein Lager voller Sandsäcke: Rolf Dülger vom Deichverband steht hinter 2000er-Bündeln.

Kontrolliert wird trotzdem, sogar mehrmals am Tag. Koldehofe ruft die Wasserstände sowohl von der Küste als auch aus dem Binnenland ab. Schließlich müsse Bremen mit beidem rechnen: mit einer Sturmflut von der See und mit Hochwasser aus den Mittelgebirgen. Zwei Szenarien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im ersten Fall erreicht das Wasser mitunter binnen Stunden die Stadt, im zweiten Fall in Tagen. Dass die Deiche halten werden, egal was kommt, dafür könne niemand garantieren, aber: 'Wir tun, was wir können.'

Ein Versprechen, das auch andere geben. Wilfried Döscher und Rainer Suckau zum Beispiel. Döscher führt die Geschäfte des Bremischen Deichverbands rechts der Weser, Suckau den Verband links der Weser. Zusammen wachen sie über Schutzwälle von rund 150 Kilometern Länge. Und beide sind die Ersten, die Koldehofe alarmiert, wenn es hart auf hart kommt. Sie bilden wie er die Vorhut - nur sind sie nicht drinnen, sondern draußen: unmittelbar an der Deichverteidigungslinie. 'Dort, wo es zur Sache geht', wie es Döscher nennt.

Darum verwalten beide auch das technische Rüstzeug für den Ernstfall: Generatoren, Pumpen, Fülltrichter und vor allem Säcke, viele Säcke. Allein auf seiner Weserseite liegen nach Suckaus Zählung 120000 Stück bereit. 'Natürlich ungefüllt.' Anders ließen sie sich ja nicht im Nu transportieren. Amtskollege Döscher kommt noch mal auf die doppelte Menge, fein säuberlich gebündelt zu 2000er Ballen. Ob das reicht, um für jedes Hochwasser gewappnet zu sein, lässt sich ihm zufolge schwerlich sagen: 'Fürs Erste sollte das langen.'

Die Schaufeln zum Füllen hängen gleich daneben - zwar nicht gebündelt, aber an einem Stahlgerüst, an dem sich mehrere Dutzend Helfer gleichzeitig bedienen können. Schnell muss es schließlich gehen, wenn ein Deich erste Anzeichen dafür liefert, den Wassermassen nicht mehr standhalten zu können. 'Sind erst Risse da, lässt eine Bruchstelle nicht mehr lange auf sich warten', weiß Döscher. Darum proben beide Verbände einmal im Jahr das Stopfen. Manchmal jeder auf seiner Weserseite, manchmal auf einer und zusammen.

Wie im Sommer 2008, als 400 Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks, der Bundeswehr, der Polizei und der Deichverbände eine fiktive Lücke im Schutzwall schlossen. Auch die Berufsfeuerwehr war dabei. Sie steht nämlich ebenfalls ganz oben auf der Liste, die Referatsleiter Koldehofe im Ernstfall abtelefoniert, denn: 'Wir verfügen über Technik, die eine Nummer größer ist als die des Deichverbands', sagt Feuerwehr-Sprecher Michael Richartz. Er nennt vor allem Pumpen, die 8000 Liter und mehr pro Sekunde aufnehmen können. 'Das ist schon eine Hausnummer.'

Rolf Dülger setzt weniger auf Geräteleistung als vielmehr auf einen intakten Schutzwall insgesamt. Und der Bremer Deich sei intakt, wie der technische Leiter des Deichverbands rechts der Weser sagt. 'Schwachstellen gibt es nicht mehr.' Die letzten wunden Punkte - zu steile Hänge, zu geringe Distanz zum Wasser - seien bereits ausgemerzt worden, bevor die Erhöhung der Wälle in Angriff genommen wurde. Das 200-Millionen-Euro-Projekt sieht er als einen Beleg dafür, dass Hochwasserschutz von der Politik ernst genommen wird - ernster zumindest als noch vor Jahren.




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