Staubwolke

 - 30.04.2010

Bremer Stahlwerke wirbeln wieder Staub auf

Von Michael Brandt
Bremen. Die Stimmung in Seehausen ist nach Schilderungen der Anwohner 'katastrophal'. Im Ortsamt laufen die Protestnachrichten zusammen. Der Grund: Vor wenigen Tagen ist erneut eine Staubwolke von den Stahlwerken aus über die Weser geweht. Nicht zum ersten Mal in diesem Jahr. Ortsamtsleiterin Eva Thiemann spricht von 'etlichen Störfällen', die die Bürger bei ihr gemeldet hätten.
Ein Bild, das in Seehausen für Empörung sorgt: Nach einem Störfall weht eine Eisenstaub-Wolke über die Weser.
Ein Bild, das in Seehausen für Empörung sorgt: Nach einem Störfall weht eine Eisenstaub-Wolke über die Weser.

Das Bild ist in Seehausen und Hasenbüren - den Ortsteilen gegenüber dem Stahlwerk - hinlänglich bekannt. Am Sonnabendmorgen wehte der Nordostwind eine bräunliche Staubwolke übers Wasser in Richtung Yachthafen. Anwohner haben das Ereignis mit dem Fotoapparat festgehalten. Schuld war diesmal ein Störfall im Abgas-Reinigungssystem des Stahlwerks, genau um 7.10 Uhr, erklärt AreclorMittal-Sprecher Dirk Helm. Der Betrieb sei, nachdem der Störfall bemerkt wurde, eingestellt und die Rohre seien repariert worden. Laut Helm ein Einzelfall.

Aber auch sonst sieht die Staub-Statistik für das Werk in diesem Jahr nicht so aus, wie von den Beteiligten links und rechts der Weser erhofft. Bei Druckschwankungen im Hochofen 2 öffnet sich ein Sicherheitsventil und entlässt in mehr als 100 Metern Höhe schwarze Wolken - im Fachjargon heißt das 'Durchbläser'. Im vergangenen Jahr hatte es davon zehn gegeben.

Den Monatsschnitt von 0,9 würden die Stahlwerke künftig gerne auf 0,25 senken. In diesem Jahr klappt das aber nicht mehr. An Hochofen 2 und Hochofen 3 mussten seit Neujahr acht Mal die Ventile geöffnet werden. Kommentar von Dirk Helm: 'Die Zahl ist viel zu hoch.' Während im vergangenen Jahr die Produktionsschwankungen infolge der Wirtschaftskrise die Ursache waren, sind es jetzt schwankende Rohstoff-Qualitäten, mit denen das Stahlwerk in der Produktion zu kämpfen hat.

Beiratssprecher ist sauer

Beiratssprecher Ralf Hagens ist sauer: 'Es kann nicht sein, dass uns alles versprochen wird und dann nichts besser wird. Das Thema schläft nicht ein', verspricht er. Ende Mai soll eine öffentliche Beiratssitzung stattfinden, um mit Vertretern der Stahlwerke und der zuständigen Behörden über den Sachstand zu diskutieren. Es werde Zeit, so Hagens abschließend, dass die versprochene Abhilfe seitens der Stahlwerke auch tatsächlich geschaffen werde.

Die Stahlwerke haben Investitionen in Millionenhöhe angekündigt und zum Teil auch bereits umgesetzt. Vor wenigen Tagen sind tonnenschwere Abzugshauben an den Stichlöchern des Hochofens installiert worden und auch in Betrieb. Helm: 'Die Emissionen an den Stichlöchern werden sehr gut aufgefangen.'

Die größeren Investitionen aber betreffen nicht den Hochofen, sondern das Stahlwerk selbst. Hier sind eine Absaug-Anlage für 16 Millionen Euro und eine Anlage zur Gasnutzung für 50 Millionen Euro geplant. Die Projekte lägen, hieß es gestern, im Zeitplan und könnten Ende des ersten, Anfang des zweiten Quartals 2011 in Betrieb genommen werden.

Der Streit zwischen Anwohnern und Stahlwerken kocht seit Jahren immer wieder hoch, hatte aber im vergangenen Jahr seinen bisherigen Höhepunkt erlebt. Angefangen hatte alles mit einer rostroten Staubwolke, die im Juni 2009 über die Ortschaften zog, Schiffe, Gartenmöbel und Autolacke in Mitleidenschaft zog. In der Folge kam es zu einer Vielzahl weiterer Ereignisse, der Zorn der Bürger nahm mit jedem Vorfall zu. Wissenschaftliche Untersuchungen zu der Frage, ob von den Staub-Belägen in den Gärten eine Gesundheitsgefahr ausgehe, brachten kein Ergebnis. Schließlich kündigte ArcelorMittal die genannten Investitionen zur besseren Luftreinhaltung an.

Anwohner Klaus-Dieter Murken kann hingegen seine ganz eigene Geschichte zu den Stahlwerke-Emissionen erzählen. Als er im Januar das Haus verließ, war der Schnee vor seiner Tür strahlend weiß. Als er nur drei Stunden später wieder nach Hause kam, war die Pracht schwarz gesprenkelt. Das hat den Seehauser so empört, dass er den Schnee in eine Tüte gepackt und tiefgefroren hat. Das frostige Beweisstück lagert bis heute in seiner Kühltruhe.






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