Für viele Menschen sind Graffiti nichts anderes als Schmierereien. Dabei hat die Graffiti-Bewegung nicht die Absicht eine Stadt zu verdrecken, sondern das Stadtbild zu prägen. Mit ihrer Straßenkunst wollten einige Künstler schon damals auf Probleme oder die politische Situation im Land aufmerksam machen.
Mitte der 80er schwappte die erste große Hip Hop Welle von Amerika nach Deutschland über. Filme wie „Wild Style“ oder „Subway Art“ lösten den neuen Kult aus. „1989 hat selbst der „Stern“ über die deutsche Graffiti-Szene berichtet“, erzählt „Kenmo“, ein bekannter Bremer Graffiti-Künstler. Auch die Hansestadt wurde in den Bann der Straßenkunst gezogen. Anfangs wurden Botschaften oder Künstlernamen an Zügen oder U-Bahnen gesprayt. Der Trend zog quasi mit den Regionalbahnen durch das Land.
Die „BGA“-Crew sind, laut Kenmo, die ersten bekannt gewordenen Sprayer in Bremen. Sie sprühten die „Hall of Fame“ an die Wand der BTS-Turnhalle in der Neustadt. Außerdem sprühte die „TAG“-Crew Werke für Hansa-Bowling oder verschönerte Holzwände rund um die Skater-Anlage am Hauptbahnhof. Die Skate-Anlage in der Neustadt war ein Treffpunkt für die aufkommende Sprayer-Szene in Bremen. Einige Sprayer oder „Writer“, setzten mit ihren „Styles“ Trends für junge Nachahmer.
Künstler aus Bremen
Der Hang zum Sprayen beginnt bei vielen während der Pubertät. „Mit 20 hören sie dann meistens auf oder betreiben es nur noch als Hobby“, sagt Kenmo. Einige entwickeln sich aber weiter und steigen zu anerkannten Künstlern und Designer auf.
So wie Adem Sahantürk, Inhaber des ATX-Stores. Seit zehn Jahren sprüht der Bremer alles an, was sich seine Kunden wünschen. So war er unter anderem für Beck’s tätig, wo er eine Leinwand mit dem Firmen-Logo gestaltet hat. Der 34-Jährige ist Besitzer des ATX- Stores in der Östlichen Vorstadt. Hier verkauft er alles, was mit dem Sprühen von Bildern zu tun hat.
Johann Büsen ist ebenfalls ein junger Künstler aus Bremen, der bereits an über 35 Ausstellungen teilgenommen hat. Noch bis zum 12. Mai stellt er seine eigenen Kunst „Fasten Seat Belts“ im Kulturverein Achim aus.
Kunstwerke in Bremen
In Bremen sind aber nicht nur Graffiti an Wänden, sondern auch zahlreiche bemalte Bunker zu finden. So im Pastorenweg. Die Wände des Bunkers erzählen die Geschichte des Stadtteils Gröpelingen. Menschen die bei der AG-Weser arbeiten sind ebenso darauf gemalt worden, wie die geschundenen Menschen zur Zeit Deutschlands während des Nationalsozialismus.
An der Hans-Böckler-Straße hat der portugiesische Künstler Victor Ash eine eigenwillige Kreation geschaffen. An den vier Wänden des 25 Meter hohen Bunkers malte er einen Mann, der durch ein Fernglas schaut. Kaum zu übersehen ist der schwarz weiße Anzugträger, den Ash zuvor nachts, mit der Hilfe von Lichtprojektoren und dem Einsatz von Acryl-Farben skizziert hatte. Das Motto „Look at me, look at you“ sollte die Besucher des Kirchentages zum Nachdenken anregen. „Mural Art“ nennen sich riesige Kunstwerke an Gebäuden.
Solche Aufträge entsprechen allerding nicht der Regel. Es gibt nur wenige legale Plätze, wo sich die Writer austoben und ausprobieren können. „Die meisten einzelnen Sprayer besitzen die Genehmigung für Wände, freie Flächen sind sehr rar“, sagt Kenmo.
Jungendlichen wird die Möglichkeit gegeben in Workshop an ihren „Styles“ zu arbeiten. An einigen Bremer Schulen gibt es sogar Graffiti-Projekte, in denen Schülern das Sprayern und seine Herkunft nähergebracht werden.
Streetart als Gesellschaftskritik
Wie das klassische Graffiti ist Streetart, also Straßenkunst, auch in den 70ern entstanden. „Kunstwerke werden im Rahmen von Installationen zweckentfremdet“, sagt Jan Bullwinkel von „streetart“. Alltagsgegenstände werden plakatiert oder mit Postern beklebt. Schablonenarbeiten, so genannte Stencil gehören ebenfalls zur Streetart.
Die Motivation der Künstler ist unterschiedlich begründet. „Es ist häufig eine themen- und umgebungsbezogene Kunstform, die versucht gesellschaftlich diskutierte Themen wie Konsum oder Religion zu transportieren“, erklärt Bullwinkel. Er fügt hinzu, dass „der Künstler auf diese Weise an gesellschaftlichen Prozessen teilnimmt“. In vielen Fällen ist es auch so, dass Streetart einfach unterhaltsam ist. „Graffiti und Streetart bieten die Möglichkeit, sich künstlerisch mit der eigenen Identität und gesellschaftlichen Rolle auseinanderzusetzten“, so der Experte.
Nicht jeder ist erfreut
Sprayer verrichten ihre Werke überall in Bremen. „Tags“ oder „Bombings“, dieses sind Graffitis ohne klassische Ausarbeitung, bei die oft nur zwei bis drei Farben verwendet werden, sind an viele Häuser gesprüht worden. Besonders wenn es um besprühte Grab- oder Denkmäler oder Kunstgegenstände geht, bleibt bei vielen ein Zweifel an dem Sinn von Graffiti bestehen.
Nicht jeder Bremer ist erfreut über mutwillig angebrachte „Tags“ an der eigenen Wänden. Anzeigen sind oftmals ein Weg, um sich gegen Graffiti zur Wehr zu setzen. „2009 lagen bei uns 711 Strafanzeigen gegen Graffiti und Schmierereien vor“ sagt Franka Haedke von der Polizei Bremen. Dem Künstler drohen in diesem Fall Strafen wegen Sachbeschädigung.
Bernd Richter, Geschäftsführer des Haus und Grundverbands in Bremen, fügt hinzu, dass die Welle der Graffitis abgenommen hat. „Graffiti sind ein uraltes Thema. Vor zehn oder zwölf Jahren, war die Anzahl der besprühten Wände höher“. Heutzutage gibt es weitere Formen von Vandalismus, in Form von Aufklebern oder so genanntes Scratching in Bussen und Bahnen. Seiner Meinung nach, lässt das Interesse der Sprayer nach, sofern die besprühten Flächen immer wieder gesäubert werden. Auch wenn es Initiativen gibt, um besprühte Flächen wird man in Bremen nicht herumkommen.
Aus dem Stadtbild wegzudenken sind Graffiti ohnehin nicht. So lange es Städte gibt, wird es auch Sprayer geben. Einige Firmen nutzen heutzutage die Dosenkünste, um ihre Bekanntheitsgrad zu erhöhen und sich von anderen abzusetzen. Zweifelsohne würde Bremen ohne Graffiti und Streetart einen unterhaltsamen, sowie diskutierbaren Punkt weniger haben.
Führung zeigt verschiedene Facetten
Die Veranstalter von „Rosige Zeiten – Bremen und mehr“ bieten Rundgänge durch das Viertel an, bei denen die Sprühdosen-Kunst erklärt wird. „Graffiti sind nicht feststehend, deshalb sieht es hier fast wöchentlich anders aus“, sagt Alexander Press, Leiter der Führung. Neben den Eindrücken erklärt er die Begriffe aus der Sprayer-Szene, wie „Bombing“, „Throw up“ oder „Stencil“. Zum Stadtbild gehören auch die unterschiedlichen Sprayer-Pseudonyme – meist Initialen die, mal mehr und mal weniger bunt verziert, an unterschiedlichsten Ecken hinterlassen werden.
In keinem Bremer Stadtteil gibt es mehr Graffiti auf einmal. „Das liegt zum einen daran, dass es ein Studentenviertel ist und hier viel linkes Publikum lebt“, erklärt Press. Im Vergleich zu anderen Städten hat Bremen eine sehr hohe Qualität guter Graffiti. Die 90-minütige Tour zeigt, warum es sich lohnt bei einigen gesprühten Werken genauer hinzuschauen. Denn: oft sind es nicht nur bloße Schmiererei, sondern Kunst und Unterhaltung.





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