„Sie haben ihr Leben stellvertretend für jeden von uns gegeben“, sagte die Vorsitzende Richterin Barbara Lätzel gestern bei der Urteilsbegründung im Prozess um den Doppelmord in Findorff. Hintergrund: Der psychisch kranke Täter und seine Opfer kannten sich nicht. Die 58 und 59 Jahre alten Frauen starben, so unfassbar das ist, zufällig. Es hätte jeden treffen können, der am 11. Januar den Weg des 41-Jährigen kreuzte. Auf Anordnung des Gerichts ist der Mann in einer psychiatrischen Klinik untergebracht worden.
Barbara Lätzel sprach von „einem sinnlosen Tod“, für den es weder Trost noch Erklärung gebe. Es gibt nur die Erkenntnis: Der Täter ist psychisch so schwer krank, dass er zur Tatzeit schuldunfähig war und deshalb nicht bestraft werden kann. Aufgabe der Justiz sei es, sagte die Richterin, „so gut wie möglich dafür zu sorgen, dass der Beschuldigte nicht mehr töten kann“. Und Aufgabe der Psychiatrie sei es, dem 41-Jährigen therapeutische und medizinisch zu helfen – und die Gesellschaft vor ihm zu schützen.
Anwalt und Staatsanwalt einig
Nach der Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen, den die Ermittler hinzugezogen hatten, hat der 41-Jährige einen langen Aufenthalt in einer geschlossenen Abteilung vor sich. Wie lange, das hängt davon ab, wie gut sich seine Schizophrenie behandeln lässt und ob der Mann weiter als gefährlich gilt. Das wird von Fachleuten regelmäßig überprüft.
Sowohl Verteidiger Udo Würtz als auch Staatsanwalt Uwe Picard hatten in ihren Plädoyers die Unterbringung des 41-Jährigen beantragt. Auch deshalb war das Urteil keine Überraschung. Der Staatsanwalt hatte zudem auf die Situation der Angehörigen hingewiesen. Für beide Familien hat der 11. Januar schlagartig das ganze Leben verändert – und zu einem großen Teil zerstört. Die 59-Jährige, sagte Picard, habe ihre Familie geliebt und sei stolz auf ihren Sohn gewesen. Der Täter habe nicht nur sie getötet, sondern auch das Leben ihres Ehemanns ruiniert. Der Mann der 58-Jährigen hatte dem Staatsanwalt eine E-Mail geschickt und darin seine Frau beschrieben. Picard zitierte daraus: „Wenn Not am Mann war, packte sie ohne zu zögern zu.“
So auch an jenem Tag im Januar, als die zwei Frauen, die sich gerade an der Haustür der 59-Jährigen unterhielten, von dem Täter angegriffen und ins Gebäude gedrängt wurden. In der Küche attackierte der Täter zunächst die 59-Jährige; ob er erst zuschlug oder sofort zustach, konnte nicht geklärt werden. Klar ist jedoch: Die 58-Jährige lief auf die Straße, um Hilfe zu holen, kehrte aber sofort zurück, um ihrer Freundin beizustehen – und wurde ebenfalls niedergestochen.
Bis zu jenem Tag war der Mann nicht durch schwere Straftaten aufgefallen. Er lebte auf einer Parzelle in Findorff, nicht weit vom späteren Tatort entfernt. Außerdem hatte er eine Wohnung, in der er mit erheblichem technischen Aufwand Cannabis-Pflanzen züchtete – für seinen eigenen Konsum. Fast 25 Jahre lang hat er intensiv gekifft; offenbar, um seine psychischen Probleme zu überdecken.
An jenem 11. Januar litt der Mann unter einer akuten Psychose. Die Stimmen, die schon seit einiger Zeit sein Leben bestimmt hatten, sagten ihm, er müsse zwei Frauen töten. „Um 11.21 Uhr ging der ganze Film los“, so hatte sich der 41-Jährige gegenüber dem psychiatrischen Gutachter über den Tattag geäußert, sagte Barbara Lätzel. „Ich bin losgezogen wie ferngesteuert.“
Mehrere Zeugen bestätigten das auffallend merkwürdige Verhalten des Mannes. Nach der Tat an jenem bitterkalten Wintertag zog er sich scheinbar völlig ruhig den größten Teil seiner Oberbekleidung aus, warf sie weg und ging mit dem Messer in der Hand in Richtung Brixener Straße. Dass ihn mehrere Menschen beobachteten, schien ihn nicht weiter zu stören. Dann waren in der Ferne die Sirenen der Einsatzfahrzeuge zu hören. Erst in diesem Moment begann er zu laufen.
Die Polizei entdeckte den 41-Jährigen kurz darauf im verschneiten Vorgarten eines Hauses in der Brixener Straße. Dort lag er mit geschlossenen Augen auf dem Bauch, zitterte stark und machte einen apathischen Eindruck. Auch in der Psychiatrie – dort ist der Mann seit dem 12. Januar – sei der 41-Jährige tagelang völlig verwirrt gewesen, sagte die Richterin. Anfangs verweigerte er Essen und Trinken: „Er wollte die Stimmen nicht verlieren.“ Die seien, so die Auskunft des psychiatrischen Gutachters, inzwischen etwas abgeklungen.
Der Täter hatte in seinem letzten Wort, das jedem Angeklagten beziehungsweise Beschuldigten vor der Urteilsverkündung eingeräumt wird, gesagt : „Es tut mir leid.“ Barbara Lätzel wandte sich gestern an ihn: „Das glaube ich Ihnen.“


Regenwahrscheinlichkeit:


