„Es ist ein leidvoller und trauriger Triumph von Kohn, der das Andenken an die Toten nicht zertrampelt“, sagt Elvira Noa, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde im Land Bremen. „Es ist kein glücklicher Dorftanz, Tanzen kann auch Ausdruck des Leidens sein. Auf den Köpfen der Toten zu tanzen, ist eine falsche Interpretation, die ich nicht nachvollziehen kann.“ Noa hat bei jüdischen Festen mehrfach Tänze ehemaliger KZ-Insassen gesehen und hatte immer Tränen in den Augen: „Es ist der Ausdruck ihrer Freude, dass sie noch leben.“
Das Video, in dem Adolek Kohn, seine fünf Enkelkinder und seine Tochter tanzen, drehte Tochter Jane Korman vor den Konzentrationslagern in Auschwitz, Theresienstadt und Dachau, aber auch vor der Maisel-Synagoge in Prag, im Ghetto von Lodz und auf Bahngleisen, über die Juden zur Zeit des Nationalsozialismus in die Lager gelangten – wie auch Kohn. Dazu ertönt Gloria Gaynors Hit „I will survive“. Auf dem Internetportal Youtube wurden die verschiedenen Videos bislang von rund 200.000 Usern angeklickt.
Jane Korman bezeichnet das Projekt als Kunst. Für einige Mitglieder der Internetgemeinde ist das Video Provokation. Auf einem Massenfriedhof dürfe man keine Show abziehen, es sei pietätlos von Korman, ihren Vater zu missbrauchen, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, so die Vorwürfe. Die Bundeswehrakademie wirft ihr Selbstvermarktung und Geschmacklosigkeit vor.
Verharmlosung oder Sieg des Lebens?
Es helfe niemandem, wenn die „Nazis entdämonisiert“ würden, schrieb einer, der das Video gesehen hat. „Was nützt es der Menschheit, wenn über Nazis nur noch gelacht wird? Der Holocaust muss für immer ein großer Schrecken bleiben.“
Es gibt aber auch junge und ältere Menschen, denen Kormans Projekt gefällt. Die in diesem Video einen Sieg des Lebens über den Tod sehen. Die finden, es könne keine bessere Art geben, das Leben darzustellen.
Für den polnischstämmigen Juden Kohn, der nun Australier ist, ist das Video ein Ausdruck der Freude über das Leben: „Wer hätte gedacht, dass ich 65 Jahre später mit meinen Enkelkindern hierherkommen würde? Die meisten können es nicht mehr, nicht einmal ein halbes Prozent derer, die hier saßen, kann das. Sie sind alle tot“, sagt er in dem Video.
Kohn selbst verlor seine Mutter in Auschwitz, seine Tochter wollte ein starkes Bild dafür schaffen, dass die Nationalsozialisten es nicht geschafft haben, auch ihren Vater umzubringen. Zaghaft bewegt dieser 89-Jährige sich mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Survivor“ unter dem Schild „Arbeit macht frei“. Es wäre Hohn für jeden Nazi, wie Kohn dort mit den Generationen nach ihm tanzt.


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