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Wenn wichtige Bücher nass werden, zählt jede Stunde: Man kann sie weder auswringen, noch einfach auf die Heizung legen. Sie müssen schockgefrostet werden, und das am besten sofort. Was sonst passiert, kennt jeder, dem schon einmal die Wasserflasche in der Büchertasche ausgelaufen ist: Die Seiten quellen auf, die Schrift löst sich ab und Schimmel dringt ein. "Verklebt, verdreht, verwelkt", bringt Konrad Elmshäuser, Leiter des Staatsarchivs, das Drama auf den Punkt. "Die Bücher waren vollgesogen wie ein Schwamm - wenn wir nichts getan hätten, hätten wir sie wegwerfen müssen."
Schuld an dem Dilemma war die kaputte Dichtung einer alten Wasserleitung im Außenlager, die im April 2010 zu lecken begann. "Die Bände, die es nur wenig erwischt hatte, haben wir in der Frühlingssonne zum Trocken aufgestellt", erzählt Elmshäuser. "Doch vier Bände aus den Kriegsjahren 1913 bis 1915 hatte es besonders erwischt." Normalerweise kein unlösbares Problem, denn auch für pitschnasse historische Bücher gibt es Spezialisten.
Kraft Foods springt mit ein
Allerdings: Ein Jahr vorher war das Kölner Staatsarchiv eingestürzt. "Ich war mir sicher, dass sämtliche Firmen vom Rheinland bis nach Bayern, die Bücher restaurieren, tonnenweise Material da stehen hatten", sagt Elmshäuser. "Ich ahnte also schon: Das wird grausam." Doch er erinnerte sich, das einst bei einer ähnlichen Panne im Archiv des Übersee-Museums ein Gefriertrockner von Kraft Foods nasse Papiere gerettet hatte.
Und wandte sich hoffnungsvoll an Bärbel Kern, Leiterin des firmeneigenen Archivs von Kraft Foods. Sie fand eine Lösung: Im Elmshorner Werk, wo löslicher Kaffee hergestellt wird, gab es neben den riesigen Gefriertrocknern für die Massenproduktion auch einen kleinen, feinen Versuchstrockner, der dazu dient, die Verfahren weiter zu verbessern. Kompakt, aber doch groß genug, um ein Buch zu bergen.
Dorthin sollte die Reise für die nassen Bände gehen. Das Staatsarchiv orderte ein Taxi, Direktor Elmshäuser fütterte das Navigationsgerät des glücklichen Taxifahrers mit der Adresse in Elmshorn und dieser kutschierte die Bücher ins Kaffee-Werk. Doch Werksleiter Norbert Verhaagh und seine Kollegen waren zunächst ratlos: "Wir hatten natürlich erstmal keine Ahnung, was wir mit den nassen Büchern machen sollten", sagt Verhaagh. Um Zeit zu gewinnen, wurden die Bände also erst einmal bei minus vierzig Grad schockgefrostet. Mit einigen vorsätzlich angefeuchteten Ausgaben des Hamburger Abendblattes tüftelte man tagelang und fand heraus: Kaffee braucht im Gefriertrockner vier bis fünf Stunden, ein Buch sechs bis acht Tage.
Anstatt zuerst zu schmelzen und erst später beim Erwärmen zu verdunsten, geht Eis bei der Gefriertrocknung direkt vom festen in den gasförmigen Zustand über. Das ist nur bei starkem Unterdruck möglich. Bei löslichem Kaffee wird dieses Verfahren angewandt, um den gemahlenen Bohnen behutsam das Wasser zu entziehen - ein Prinzip, das die Aromastoffe schont. Bei einem gefrorenen Buch dagegen werden die Seiten und ihre Inhalte geschont.
Die können als unbedingt erhaltenswert gelten. Die Weser-Zeitung wurde 1844 gegründet und war ein liberales Handelsblatt, das über die Bremer Stadtgrenzen hinweg wahrgenommen wurde: "Zur Zeit des Deutschen Bundes wurde vom ganzen Land aus auf die Bremer Zeitungsszene geguckt, weil hier die Zensur weniger streng war", sagt Elmshäuser. Dreimal täglich erschien die Weser-Zeitung damals, und informierte über die neuesten Börsennotierungen - und über die Ereignisse an den Kriegsschauplätzen. 1934 ging sie in den Bremer Nachrichten auf. In den Bänden von einst lässt sich jetzt wieder lesen.



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