Zunehmender Farbvandalismus in Bremen

 - 20.02.2011

Im Viertel gehen die Sprayer um

Von Volker Junck
Bremen. Am Abend haben die Maler das Gerüst abgebaut, und als der Hausbesitzer am Morgen sein frisch gestrichenes Heim betrachtet, kann er es nicht fassen: Auf weißem Grund prangen Sprayer-Buchstaben, als hätten die Täter nur auf ein neues Betätigungsfeld gewartet. Es ist kein Einzelfall im Viertel, dass immer mehr Bürger unter Farbvandalismus zu leiden haben.
Seit 23 Jahren wohnt Musiklehrerin Monika Richters im Ostertor und ärgert sich über die zunehmende Verschmutzung durch Farbvandalismus.
Seit 23 Jahren wohnt Musiklehrerin Monika Richters im Ostertor und ärgert sich über die zunehmende Verschmutzung durch Farbvandalismus.

Garagentore, Mauern, Zäune, Bänke oder Verteilerkästen sowieso. Aber eben auch Privathäuser, Schulen, Restaurants, Büros oder denkmalgeschützte Gebäude. Nichts ist vor optischer Vermüllung sicher. Selbst die Michael-Kirche der Christengemeinschaft beim Rembertikreisel wird immer wieder heimgesucht. Völlig frustriert ist auch Christa Krempel, Pächterin des historischen Torhauses in den Wallanlagen. Ständig wird ihr Bäckerimbiss bemalt. "Ich darf ja nicht einmal etwas machen, das ist Sache des Denkmalschutzes."

Nach subjektivem Empfinden von Bewohnern und Hauseigentümern wird es immer schlimmer. Aber ist dem wirklich so? "Das Viertel zieht die Szene an wie ein großer Magnet", bestätigt Hans-Georg Butt. Er muss es wissen. Jahrelang war Butt bei der sechsköpfigen Sonderkommission Graffiti, und nach deren Auflösung ist er Bremens einziger Polizist, der speziell für dieses weite Feld abgestellt ist. Bei ihm gehen etwa gleichbleibend pro Jahr rund 800 Anzeigen wegen Sachbeschädigung ein. Er archiviert die Abbildungen, und wenn er gelegentlich mal durch Steintor, Ostertor oder Fesenfeld streift, hat er die Tags (persönliche Signaturen) seiner Pappenheimer alle im Kopf. "Ach, der nun wieder. . ."

Im Milchquartier treffen wir Monika Richters, die sich gerade über eine frische Verunzierung an ihrem Wohnhaus ärgert. "Das ist weder originelle Jugendkultur noch witzig, sondern einfach nur blöd", schimpft die Musiklehrerin. "Aber den Hausbesitzer interessiert das ja nicht, der wohnt woanders."

Viele Schäden - wenig Anzeigen

"Wozu noch anzeigen, es passiert ja doch nichts", meint ein paar Ecken weiter Manfred Schomers, dessen denkmalgeschütztes Haus immer wieder Ziel von Sprayern ist. Jetzt hat er resigniert und lebt mit dem Farbteppich an der Front. Wie so viele andere auch. "Die wenigsten Anzeigen kommen aus dem Viertel, obwohl hier am meisten passiert", bestätigt Butt. Eigentümergemeinschaften meldeten sich ohnehin in den wenigsten Fällen.

Immerhin: An einem einzigen Tag vor Weihnachten waren es 27 Anzeigen allein aus der Weber- und Alexanderstraße. Obwohl Bremen seit dem Ende der SoKo Graffiti vor einigen Jahren nicht mehr gezielt gegen die Szene vorgeht, werden nächtliche Farbvandalen doch immer mal wieder von Streifenpolizisten gefasst. Das vorherrschende Täterprofil: Fast 100 Prozent männlich, 14 bis 17 Jahre, oft aus gutem Hause. Motiv: Pubertäre Mutproben, Spaß am Provozieren, Anerkennung in der Gruppe.

Oft stellt die Staatsanwaltschaft die Verfahren gegen erwischte Jugendliche ein. "Nicht als Regel und je nach Einzelfall", erklärt Sprecher Enzo Vial. Was zur Anklage kommt, landet beim Jugendgericht mit etwa 60 Verfahren im Jahr. Richter Karl-Heinz Rogoll: "Allein das juristische Prozedere und das Donnerwetter im Elternhaus sind oft Strafe genug. Wir haben kaum Wiederholungstäter." Wenn die Auflagen - meist einige Stunden gemeinnützige Arbeit - erfüllt sind, bleibt nur ein Eintrag im Erziehungsregister.

Seit 2005 gilt in Bremen verschärftes Recht für Sachbeschädigungen. Farbvandalismus zählt dazu. Die Kosten für die Beseitigung sind oft beträchtlich, können aber Jugendlichen nicht in Rechnung gestellt werden. Den Eltern auch nicht, da es keine Haftung für die Taten des Nachwuchses gibt. So bleibt für Geschädigte nur der Weg, sich im Zivilverfahren einen 30 Jahre gültigen Titel zu erstreiten, der mit Volljährigkeit wirksam wird. Ein langer und oft kostspieliger Weg. Butt kennt einige Fälle, in denen sich Eltern direkt mit Geschädigten in Verbindung gesetzt haben, um den Unfug ihrer Kinder auszubügeln.

Ältere steigen aus, Jüngere rücken nach. Sie machen sich an Autobahnbrücken, in Unterführungen, an Verkehrsschildern oder Fahrzeugen des öffentlichen Nahverkehrs zu schaffen. Die Szene verewigt sich an der Schlachte mit rechten und linken Parolen, die dann den Staatsschutz beschäftigen. Sie ist auch in anderen Stadtteilen wie jüngst am Südbad in der Neustadt aktiv. Warum aber zieht es sie so sehr ins Viertel? "Wegen des hohen Aufmerksamkeitsgrades, den leicht erreichbaren Häusern ohne Vorgärten und weil die vielen Graffiti eine Art Sogwirkung haben", weiß Butt.

Feuerlöscher voll Farbe

Er kennt diverse Internet-Foren, in denen man sich austauscht, wo es die spezielle Ausrüstung gibt: Spraydosen ohne Kugeln, damit es nachts beim Schütteln nicht klötert, extrabreite Marker mit gefederter Spitze, die auch auf holprigem Untergrund schreiben, oder Feuerlöscher, die sich mit Farbe für die Versiegelung großer Flächen füllen lassen. Ein neuer Trend: Große Wasserpistolen, mit denen Farbkleckse bis zu oberen Stockwerken geschossen werden.

"Und wenn ich mal einen erwische, dann . . .", hört Butt immer wieder von erbosten Anrufern. Dann, so kann er ihnen nur raten, dürfen sie ihn bis zum Eintreffen der Polizei zwar festhalten, sollten aber die geballte Faust lieber in der Tasche lassen. Weil sonst schnell die Rollen vertauscht sind. Aus Tätern werden Opfer, und der Geschädigte muss sich wegen Körperverletzung verantworten. "Das lohnt sich nicht", mahnt der erfahrene Polizist.





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