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Wer in seiner Freizeit Eidechsen züchtet, Kakteen sammelt oder am liebsten kongolesische Musik hört, kennt das Problem: Nicht immer gibt es im persönlichen Umfeld Menschen, die die eigenen Interessen teilen. Deshalb schließen sich Freizeitspezialisten gerade in den Großstädten gerne zusammen und verabreden sich via Internet zu gemeinsamen Unternehmungen.
Nun ist Theater kein seltenes Orchideen-Hobby. Dennoch scheut mancher den Bühnengang, weil ihm die passende Begleitung fehlt. Für alle, die gerne öfter im Parkett statt im Fernseh-Sessel sitzen würden, hat sich das Bremer Theater deshalb etwas ausgedacht: Die Mitgehzentrale. Auf der Webseite des Theaters können Kulturinteressierte zueinander Kontakt aufnehmen. Ein Plausch in der Pause, ein gutes Gespräch nach dem Stück – hier können sich Opernliebhaber, Tanztheaterfans oder Allesgucker gezielt für gemeinsame Theaterbesuche verabreden.
Nie mehr einsam in der Pause
„Wir haben eine Art private Feldforschung betrieben und uns umgehört, warum Leute, die eigentlich gerne ins Theater gehen, trotzdem oft zuhause bleiben“, sagt Christopher Braun, Marketingchef des Bremer Theaters. „Dann haben wir überlegt, wie man die Hindernisse aus dem Weg räumen kann, die einen Theaterbesuch verhindern.“ Den Menschen, denen andere Theaterbegeisterte im Familien- und Freundeskreis fehlen, könne geholfen werden, sagt Braun: „Theater ist ein kommunikatives Erlebnis, da möchte man sich vielleicht in der Pause nicht alleine an seinem Sektglas festhalten, während alle anderen sich unterhalten.“
Mit der Mitgehzentrale setzt das Bremer Theater eine Idee um, die bereits einzelne deutsche Theater ausprobiert haben: In einem Kultur- und Kontaktgesuch kann man Alter, Geschlecht und bevorzugte Sparten angeben und kurz beschreiben, was für eine Art Begleitung man sucht. Als Singlebörse ist die Mitgehzentrale nicht gedacht: „Man kann sich kennen lernen, aber das ist hier nicht ,Herz beißt Haifisch‘“, sagt Braun.
„Meine Kollegen gehen nicht in die Oper“
Ein begeisterter Theatergänger, der seinen Namen nicht nennen möchte, hat auf sein Mitgeh-Gesuch schon fünf bis sechs Zuschriften bekommen. Er ist ein Kenner, ein Mann, der selbst schon Drehbücher für Inszenierungen geschrieben hat: „Ich fliege auch nach Moskau, um mir ein Stück anzusehen“, sagt er über sich selbst. Dabei ist der Kulturkenner beruflich in völlig anderen Gefilden unterwegs: Er prüft Flugzeugpiloten. Vor einem Dreivierteljahr zog der 65-Jährige nach Bremen. „Meinen Freundeskreis habe ich nicht mitgenommen“, sagt er. „Die meisten meiner Kollegen gehen nie in die Oper oder ins Programmkino.“
Der Theaterliebhaber findet es gar nicht so schwer, in der Pause mit anderen ins Gespräch zu kommen: „Bei vielen Menschen sind in der Vorstellung alle Sinne geöffnet, und das ist oft auch in der Pause so“, sagt er. „Man hat Blickkontakt, sagt: ,Ja, hat sie das auch so gestört?‘ – und schon ist man im Gespräch.“
Faust-Fans im Zug nach Süddeutschland
Dennoch hat ihm die Mitgehzentrale schon zu besonderen Erlebnissen verholfen, die er wohl verpasst hätte, wenn er sich nur auf den Zufall verlassen hätte. Mit einer Frau, die er über die Mitgehzentrale kennen lernte, fuhr er sogar bis ins südthüringische Staatstheater in Meiningen, weil dort der komplette Faust aufgeführt wurde. „Da hing gerade die Aschewolke über Europa und alle mussten auf den Zug umsteigen“, erzählt der Theaterbegeisterte. „Wir haben zwölf Stunden gebraucht." Dennoch fand er die Reise sehr angenehm: "Es war wunderbar." Inzwischen ist seine neue Kulturbekanntschaft allerdings aus beruflichen Gründen nicht mehr in Bremen.
Sneak-Preview mit einem Unbekannten
Eine andere Theaterbegeisterte lebt schon lange in Bremen. Auch sie hat die Mitgehzentrale genutzt. Die Landschaftsgärtnerin liebt Tanztheater und Opern, doch ihr Mann arbeitet an den Wochentagen in Magdeburg – das erschwert den gemeinsamen Theaterbesuch. „Ich habe nur eine Freundin, die ich nach so etwas überhaupt fragen kann“, erzählt sie. „Aber ich gehe eben auch gerne mit verschiedenen Leuten ins Theater.“ Der Begleiter, den sie über die Mitgehzentrale kennen gelernt hat, habe einen ähnlichen Geschmack wie sie: „Zufällig passte das.“ Das gemeinsame Interesse geht sogar über das Theater hinaus. Sie gehen auch zusammen ins Konzert oder ins Kino. „Wir waren zum Beispiel in einer französischen Sneak-Preview – das ist nicht für jeden etwas.“
Inzwischen hat auch der Pilotenprüfer weitere Kulturkontakte gemacht: Gerade hat ihm eine Frau geantwortet, die schreibt: „Es gibt kein schlechtes Theater.“ Die Unbekannte wünscht sich, nach der Vorstellung noch gemeinsam bei einem Glas Wein zu reflektieren, was einem an der Inszenierung gefallen hat und was nicht. Das klingt in den Ohren des Kulturkenners wie Musik.



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