Die Mobbing-Website isharegossip ist in diesem Jahr mehrfach in die Schlagzeilen geraten, weil auf der Plattform vor allem Jugendliche beleidigt werden. Mitschüler können anonym beschimpft werden und es können Gerüchte über sie verbreitet werden. Anfang dieser Woche ist das Portal offenbar von unbekannten Hackern lahmgelegt worden. Die Angreifer forderten die Betreiber des Läster-Portals dazu auf, sich binnen einer Woche der Polizei zu stellen – ansonsten würden ihre Namen, Zugangsdaten und Mail-Adressen veröffentlicht. Die Site, die seit März auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien steht, ist zurzeit offline.
Cyber-Mobbing in gängigen Sozialen Netzwerken
Cyber-Mobbing findet aber nicht nur auf offensichtlich jugendgefährdenden Seiten statt. Gängige Soziale Netzwerke wie facebook, youtube, Habbo Hotel, knuddels und schuelerVZ oder studiVZ bergen ein großes Mobbing-Potential. Der Medienpädagoge Markus Gerstmann vom Bremer „Servicebureau Jugendinformation“ beobachtet seit etwa vier Jahren ein immer größer werdendes Mobbing-Problem im Netz. Insbesondere unter Jugendlichen finden Diffamierungen, Beleidigungen und Demütigungen im Internet statt.
„Ein Viertel der Jugendlichen werden dabei von ‚Freunden‘ angegriffen“, sagt der Medienpädagoge. Personen, die als Freunde deklariert sind, haben erweiterte Zugriffsmöglichkeiten auf das Profil. „So können böse Schreiben auf den von allen einsehbaren Pinnwänden wie auf schuelerVZ veröffentlicht werden. Hass-Gruppen gegen einzelne Personen werden gegründet oder Fake-Profile erstellt, über die anonym über Mitschüler gelästert wird“, zählt Gerstmann Mobbing-Möglichkeiten auf. Auch das Tauschen von Passwörtern, unter Schülern oft als Vertrauensbeweis angesehen, sei ein Mittel, wodurch Seiten von Mitschülern manipuliert werden, sei es durch beleidigende Texte oder erniedrigende Fotos.
Am häufigsten Sechst- und Siebtklässler betroffen
Die häufigsten Mobbing-Fälle beobachtet Gerstmann bei Sechst- und Siebtklässlern. „In dieser Altersgruppe suchen die Schüler nach ihrer eigenen Identität. Dafür grenzen sie sich ab, lehnen alles, was anders ist, ab“, erklärt er. Dabei würden keine neuen Mobbing-Arten oder neue onlinespezifische Opfer-Gruppen entstehen. Es werden die gleichen Schüler belästigt, die bereits auf dem Schulhof angepöbelt werden. Aber der Raum ist ein anderer. Die Beleidigungen und Demütigungen bleiben nicht auf dem Schulhof, sie verfolgen die Opfer bis nach Hause auf den eigenen Computerbildschirm und sind lange im Netz einzusehen. Zudem können sie auch von Jugendlichen aus benachbarten Schulen gelesen und kommentiert werden.
Die Hemmschwelle scheint viel geringer zu sein, Beleidigungen im Netz auszusprechen, da die meisten Mobber anonym bleiben. Es steckt aber noch mehr dahinter, weiß die Bremer Kriminaloberkommissarin Petra Rump: „Jugendliche geben zu, dass sie im Internet fieser sind, als wenn ihnen ein Mitschüler gegenüber steht“, erzählt Rump, die im Rahmen des "Präventions-Projektes Internet" viele Bremer Schulen besucht. „Die Jugendlichen trauen sich im Internet viel mehr, andere zu diffamieren, da sie die Gemobbten nicht sehen. Sie sehen nicht, ob das Gegenüber traurig oder verletzt guckt“, so die 48-Jährige weiter. Natürlich habe es Lästereien und Hänseleien unter Schülern damals wie heute gegeben, allerdings hätten sich die Beleidigungen heutzutage ins Internet verlagert und werden durch virtuelle Plattformen intensiviert, davon ist Rump überzeugt.
Zahl der Schulvermeider steigt
Dass Cyber-Mobbing ein immer größeres Problem ist, merkt Petra Rump daran, dass immer häufiger Schulen in der Bremer Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle nach Präventions-Workshops zum Thema fragen. Andererseits verzeichnet die Beratungsstelle immer mehr sogenannte Schulvermeider. Das sind Schüler, die aufgrund von massivem Cyber-Mobbing aus Angst vor weiteren Hänseleien nicht mehr zur Schule gehen wollen. Mit entsprechenden Workshops für Jugendliche und Lehrer will die Bremer Polizei Cyber-Mobbing an Schulen präventiv entgegenwirken. Zudem soll nach dem Umzug des Kino46 in die Bremer Innenstadt der SWR-Jugendkrimi „Netzangriff“ in Kooperation mit dem Landesinstitut für Schule Schulklassen inklusive anschließender Diskussionsrunden gezeigt werden.
Jugendliche oder Eltern, denen sich Kinder anvertraut haben, dass sie im Internet gemobbt werden, können sich in der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle melden. Viele scheuen die Hilfe der Polizei, da sie fürchten, gleich eine Anzeige aufgeben zu müssen. Dem sei nicht so, beruhigt Rump. „Wir legen nicht gleich los“, sagt die Kriminaloberkommissarin. Die Polizei geht in betreffende Schulen und führt sogenannte normenverdeutlichende Gespräche mit den Mobbern, soweit sie denn bekannt sind. Dabei werden die Schüler aufgeklärt, dass zum Beispiel Beleidigungen, üble Nachrede und Verleumdungen verboten sind, was für Jugendliche ab dem 14. Lebensjahr zu Anzeigen führen kann.
Hilfreich seien für die Polizei außerdem Kopien der Mobbing-Einträge, die man als Screenshot schnell und einfach anfertigen kann. "Jedes Kind sollte eine Anleitung, wie Screenshots gemacht werden, griffbereit neben dem Computer liegen haben oder auswendig kennen", rät Petra Rump.
Einheitliches Konzept für Umgang mit Cyber-Mobbing in Bremen geplant
Wer nicht gleich zur Polizei gehen will, kann sich an das Bremer „Servicebureau Jugendinformation“ wenden. Medienpädagoge Markus Gerstmann ist zusammen mit seinen Kollegen auf das Thema Cyber-Mobbing spezialisiert. Die Berater kennen Ansprechpartner in entsprechenden Stadtteilen, können Psychologen vermitteln und haben Kontakte zu den Schulen. Zudem arbeiten sie zusammen mit der Bremer Polizei, dem Jungen-Büro, dem Mädchenhaus, mit der Beratungsstelle für sexuellen Missbrauch für Mädchen „Schattenriss“ und der „Wilden Bühne Bremen“, die theaterpädagogische Sucht- und Gewaltprävention anbietet. Mit diesem Netzwerk will die Bremer Jugendberatungsstelle perspektivisch ein einheitliches Konzept für den Umgang mit Cyber-Mobbing in Bremen etablieren.
Wenn sich Mobbing-Opfer im Bremer ServiceBureau Jugendinformation melden, und die Mobbing-Täter bekannt sind, dann gehen die Medienpädagogen an die betreffende Schule und arbeiten gezielt mit den mobbenden Jugendlichen. Die Schüler sollen beispielsweise Referate über den Umgang mit Sozialen Netzwerken vorbereiten, sich somit Medienkompetenzen aneignen, sie an andere vermitteln und sich der Cyber-Mobbing-Auswirkungen bewusst werden. Zudem bietet die Jugendinformation Projekttage in Schulen an, bei denen Leitlinien für Mediennutzung entwickelt werden und Schüler selbst zu Experten werden.
Eltern für Medienkompetenz der Kinder verantwortlich
Dennoch ist Markus Gerstmann eines wichtig: Neben Jugendberatungsstellen, Schulen und Polizei stehen heute die Eltern in der Pflicht, sich um die Medienkompetenz ihrer Kinder zu kümmern. Wenn Kinder und Jugendliche sich ein Profil im sozialen Online-Netzwerk einrichten wollen, sollten Eltern mit ihren Kindern besprechen, wie der Nachwuchs im Internet für sich Öffentlichkeitsarbeit betreiben sollte. Es sei wichtig zusammen abzuwägen, welche Informationen, Bilder und Videos man ins Netz stellt, erklärt Gerstmann.
Zudem sollte ein verantwortungsvoller Umgang mit den Passwörtern besprochen werden, wie auch der Zugang des Profils für ausgewählte Personen. Außerdem empfiehlt Gerstmann, dass Eltern ihre Kinder unbedingt dazu ermutigen sollten, sie zu informieren, wenn Inhalte auf den Profilen auftauchen, die die Kinder beleidigen oder demütigen.
Informationen und Beratung zu Cyber-Mobbing in Bremen:
Bremer ServiceBureau Jugendinformation, Kalkstraße 6, medien@jugendinfo.de oder 0421/330089-15/19, www.jugendinfo.de
Bremer Kriminalpolizeiliche Beratungsstelle, Am Wall 196a, beratungsstelle@polizei.bremen.de oder 0421/362-19003


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