| Das Wilhelm Kaisen-Quiz » |
Es geht nicht nur um Sex und Beziehungen, sondern auch um Cliquen-Stress, Mobbing oder Schulprobleme. Also um all das, was den Schülern gerade auf der Seele liegt und wofür im Unterrichtsalltag oft die Zeit fehlt - und die vertrauliche Atmosphäre. Doch dabei werden die Erwartungen an Frauen und Männer und alle, die sich irgendwo dazwischen befinden, offen thematisiert.
Michael Schmidt sieht sich nicht als Gender-Trainer. „Ich benutze den Begriff nicht, denn er ist so weit weg von den Schülern“, sagt er. „Ich würde eher sagen, dass ich politische Bildungsarbeit mache, denn ich arbeite ja zum Beispiel auch gegen Rassismus.“ Dennoch hat sich der 29-jährige Jugendarbeiter auf Geschlechterthemen spezialisiert – und bringt das auch in gezielt in die Arbeit mit den Schülern ein.
Frauen und Männer und alle dazwischen
Er und seine Kollegen trennen die Klassen nach Jungen und Mädchen, um freier über sensible Themen sprechen zu können. „Ohne die Mädchen lässt der Profilierungsdruck bei den Jungs sofort nach, und sie müssen nicht mehr so den Macker raushängen lassen“, sagt Micha, der mit den Jungen-Gruppen arbeitet.
Doch schon bei der Teilung der Klasse greift der geschlechtersensible Ansatz: „Wir sagen nicht ,Jungs nach rechts, Mädchen nach links‘, sondern: ,Alle, die als Jungen aufgewachsen sind, gehen bitte in die Gruppe von Micha“, erklärt Schmidt. „Man kann nicht davon ausgehen, dass sich alle klar als Mädchen oder als Junge definieren – und ich habe auch schon manche Leute falsch zugeordnet.“
„Wie werden Menschen heterosexuell?“
Diese auf besondere Weise formulierte Aufforderung sorgt natürlich schon für erste Verwirrung bei den Schülern – die die Jugendarbeitern später gerne aufgreifen. „Ein bisschen Irritation finde ich ganz gut“, sagt Schmidt. Manche Fragezeichen löst er gezielt aus – zum Beispiel in einem Quiz, das nicht Wissen, sondern Meinung abfragt.
„Was sind eigentlich Heterosexuelle und was machen die?“ – Diese Frage stellt Schmidt seiner Gruppe gerne. „Gut ist auch immer: Wie werden Menschen heterosexuell?“ Von den Jugendlichen kommen darauf diverse Reaktionen: „Sind das nicht die, die mit Männern und Frauen gleichzeitig Sex haben?“. Bis ein Schüler die Kurve kriegt und die Wahrheit erahnt: „Mann, WIR sind heterosexuell!“ Und damit trotzdem Widerspruch erntet: „Hey, Deine Mutter is‘ heterosexuell!“
Schwierige Männer-Ideale
Schmidt lacht, als er von der Episode erzählt. Die Schüler sind daran gewöhnt, dass sexuelle Orientierung nur dann benannt wird, wenn es um Minderheiten geht, aber selten, wenn ein Junge auf Mädchen steht – und also heterosexuell ist. Bei den Projekttagen geht es Schmidt auch darum, vielfältige Geschlechter-Identitäten zu benennen. „Es gibt kaum Lehrerinnen und Lehrer, die sich geoutet haben, und gerade über männliche Homosexualität wird sehr verdreht geredet“, sagt Schmidt. Er will den Jungen vermitteln, dass man auf ganz verschiedene Arten Junge oder Mann sein kann. „Man muss nicht dem vorherrschenden Männer-Ideal gerecht werden, das ist unheimlich anstrengend, und man schafft es auch nicht“, sagt er.
Nachfragen bringt viel
Zur Jugendarbeit kam Schmidt über eine Freundin, die ihm erzählte, dass in Bremen noch Leute in dem Bereich gesucht würden. „Ich hatte das Gefühl, das mein Blick durch die Uni-Theorien zuerst eher eingeschränkt war“, sagt Schmidt selbstkritisch. „Man kommt mit dieser Haltung ,Jetzt gehe ich mal dahin und sage denen, warum Sexismus ätzend ist.‘“ Seine Ansprüche musste er erst einmal ganz schön herunterschrauben. „Drei Tage Seminar können nicht 14 Jahre Sozialisation verändern.“
Inzwischen lässt er harmlosere Sprüche der Jugendlichen stehen und fragt lieber nach, statt Verbote auszusprechen. „Was heißt eigentlich ,schwul‘ oder ,Hurensohn‘ für Dich? – Dieses Nachfragen bringt unheimlich viel, da kommen viele dann schnell ins Stottern.“ Andere reagieren nicht darauf - aber der Begriff fällt dann später oft trotzdem nicht mehr. „Manche Sachen kann ich auch heute nicht stehen lassen, vor allem wenn es sehr sexistisch oder rassistisch wird“, sagt Schmidt. „Da sage ich dann schon: ,Ich habe keine Lust, das zu hören‘.“
In der Jugendarbeit wollte sich Michael Schmidt anfangs vor allem neben dem Studium ausprobieren. Inzwischen liegt sein Abschluss drei Jahre zurück, und er führt die Projekttage für drei verschiedene Träger durch: Den DGB, das Lidice-Haus auf der Werderinsel und das Landesinstitut für Schulen. Finanziert werden die Seminare aus verschiedenen Töpfen. Die Stadt und der Stadtjugendring geben Zuschüsse, und manchmal müssen auch die Eltern der Schüler einen Teil der Seminarkosten mitfinanzieren.
Selbstausdruck jenseits der Playstation
Drei Tage dauern die meisten Seminare, drei Tage lang soll es darum gehen, die eigenen Gefühle zu benennen und auch zu sagen, wenn einem etwas nicht passt. „Wir wollen die Kommunikation und den Selbstausdruck stärken“, sagt Schmidt. „Viele Jungen fällt es schwer, sich miteinander über sich selbst auszutauschen - vor allem, wenn es nicht um das neue Spiel für die Playstation geht.“ Er will die Fähigkeit fördern, sich in andere hineinzuversetzen und Verantwortung zu übernehmen. Auch auf die Beratungsangebote des Jungenbüros wird hingewiesen, denn immer wieder kommen Missbrauchserfahrungen zur Sprache. Ohne Notendruck und feste Hierarchie, in lockerer, herzlicher Atmosphäre kann vieles besprochen werden –wenn sich die Jugendlichen darauf einlassen.
„Dass wir unter Jungs so voll offen über das alles reden konnten, auch über Sex, das habe ich so noch nie gehabt.“ Wenn ein Schüler am Ende so über die Projekttage spricht, dann ist Michael Schmidt zufrieden.



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