Bremer Kulturzentrum Belladonna

 - 18.07.2011

Archiv gilt in Europa als einmalig

Von Frauke Fischer
Bremen. Superlative vermutet gewiss kaum jemand hinter der Fassade eines Altbremer Hauses. Nun gut, die hohen Räume mit Stuckdecken und knarrenden Holzböden mögen sich für Ausstellungen eignen, für Vorträge vielleicht. Dass die Sonnenstraße acht Schätze auf Papier beherbergt, die ihresgleichen suchen, wissen indes nur die Mitarbeiterinnen des Kultur-, Kommunikations- und Bildungszentrums für Frauen sowie all jene, die auf der Suche nach Informationen im Belladonna-Archiv gestöbert haben. Das übergeordnete Thema liegt auf der Hand: Frauen.
Geschäftsführerin Maren Bock (r) und Bibliothekarin Katharina Braun sorgen dafür, dass das Frauenarchiv in der Sonnenstraße ständig größer wird
Geschäftsführerin Maren Bock (r) und Bibliothekarin Katharina Braun sorgen dafür, dass das Frauenarchiv in der Sonnenstraße ständig größer wird

Einmal den Originalbrief des 1. Deutschen Frauenkongresses in Berlin von 1905 ansehen? Sich über afrikanische Filmemacherinnen informieren, die in Bremen und anderen deutschen Städten ihre Arbeiten vorgeführt haben? Oder eine Präsentation über Wahrnehmung von Frauen-Armut und sozialer Ausgrenzung in den achtziger Jahren vorbereiten? Wer Themen rund um Frauen bearbeiten möchte, hat im Bremer Frauenarchiv und Dokumentationszentrum bei Belladonna seit knapp 25 Jahren eine Anlaufadresse.

Zu den inzwischen 750.000 systematisierten Artikel aus deutschen Zeitungen und Magazinen kommen wöchentlich neue hinzu. Ein Team von Ehrenamtlichen sitzt jeden Mittwochnachmittag am großen Tisch im ersten Stock zusammen, um von hiesigen Tageszeitungen bis zu wichtigen politischen Magazinen die Ausgaben nach Frauenthemen durchzuschauen. Gibt es eine Reportage über weibliche Obdachlose? Ist - ganz aktuell - die WM-Torschützin Celia Okoyino da Mbabi porträtiert worden? Hat sich irgendwo in Afrika eine neue Frauenbewegung gegründet? Das Gefundene wird ausgeschnitten, Schlagworten zugeordnet und archiviert.

Um eine große Bandbreite zu haben, ist Belladonna auf Zeitungsspenden angewiesen. Ob Tageszeitungen oder Magazine, regelmäßig wandern ausgelesene Exemplare von Unterstützern ins Haus. Katharina Braun hat noch zwei Zeitungen auf der Wunschliste: "Die Neue Züricher Zeitung und die Jüdische Allgemeine".

Ein paar Hundert Schlagworte

Schon die Anordnung des Archivs ist beeindruckend. Vom Fußboden bis unter die Decke reichen die Reihen mit ordentlich beschrifteten Ring-Ordnern in Regalen. Im nächsten Stockwerk noch einmal dasselbe Bild. Ein paar Hundert Schlagworte und Unterschlagworte katalogisieren die Informationsmassen: Frauen und Abtreibung, Arbeit, Frauenbewegungen in Deutschland nach 1949, Frauenbewegungen in anderen Ländern, Gewalt gegen Frauen...

"Dieses Pressearchiv ist einmalig in Nordeuropa", sagt Maren Bock, Geschäftsführerin von Belladonna. Und wer vermeintlich schlau wissen will, warum die Daten althergebracht auf Papier sortiert und nicht als digitalisierte Datensätze archiviert worden sind, kann aus berufenem Munde gleich noch Wissenswertes mit nach Hause nehmen. "Der Datenträger Papier ist der haltbarste in der Langzeitarchivierung", sagt Katharina Braun. Die diplomierte Bibliothekarin hat nicht nur den Online-Gang der Belladonna-Bibliothek mit dem besagten Archiv mit auf den Weg gebracht. Sie hat auch die Vernetzung mit bedeutenden deutschsprachigen Archiven in ganz Europa vorangetrieben. "An der Langzeitarchivierung digitaler Daten wird überall gearbeitet. Sie ist ein großes Problem der Archive und Verbünde", sagt sie. Die elektronischen Datenträger wie CDs halten nur zehn bis 15 Jahre, danach müssten sie erneuert werden. "Papier hält Hunderte von Jahren, wenn es fachgerecht aufbewahrt wird", sagt Braun.

So mancher Schatz findet sich in Schubladen und Ordnern. Da sind allein die vielen Plakate, Aufrufe zu Demonstrationen, Einladungen zu Frauenveranstaltungen und Protestposter, die seit bald einem Vierteljahrhundert zusammengetragen werden. Aus Afrika, Arabien und Asien sind Exponate dabei, viele Unikate, Zeugnisse in Bild und Schrift von Wandel und Vielfalt der Frauenbewegungen und ihrer Belange in den verschiedenen Teilen der Welt.

Zielgruppe sind Schulklassen

Im Bibliotheksbestand gibt es außer den Artikeln gut und gern 10.000 Fachbücher, dazu Dokumentationen, Videofilme, Tonkassetten, frauenpolitische Fachzeitschriften sowie Diplom- und Examensarbeiten zu Frauenthemen. So sind es vielfach Studentinnen und Studenten, auch Hochschullehrer, Buchautorinnen und vermehrt Schulklassen, die bei Belladonna recherchieren. Letztere sind eine Zielgruppe, die Maren Bock gern noch häufiger in der Sonnenstraße sehen würde. "Mädchen und Jungen, die das Frauenwahlrecht in der Schule durchnehmen, sitzen dann hier und forschen gemeinsam", freut sie sich.

Seit April ist Belladonna zumindest mit Teilen von Archiv und Bibliothek auch online. Außerdem ist die Bremer Einrichtung gut vernetzt mit anderen ähnlichen Archiven und Bibliotheken im deutschsprachigen Europa. Die Vernetzung hält Katharina Braun für ungemein wichtig. "Damit können wir uns in nationale und internationale Portale einklinken", sagt sie.

Auch Krimis sind im Angebot

Wer lieber per Hand stöbert statt im Internet zu surfen, kann Archiv und Bibliothek in der Sonnenstraße zu den Öffnungszeiten nutzen. "Wir sind ein Informations- und Dienstleistungspool und nicht nur ein historisches Archiv", betont Katharina Braun den Anspruch der Einrichtung. Auch wer einfach einen Frauenkrimi oder einen historischen Roman lesen möchte, wird bei Belladonna fündig. "Eine ganze Reihe Bücher können ausgeliehen werden", sagt Maren Bock. Das gilt für Belletristik ebenso wie für Ratgeber und Fachbücher rund um Existenzgründungs- und Wirtschaftsfachliteratur. "Das wird viel genutzt, weil solche Bücher sehr kostspielig sind", meint die Belladonna-Geschäftsführerin.

Ein Ereignis im September passt nur allzu gut zum guten Ruf hiesiger Einrichtungen. Vom 21. bis 24. September wird der Verband deutscher Archivarinnen und Archive den 81. Deutschen Archivtag in Bremen im Congress Centrum und der Messe abhalten.





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