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"Im Museum hat Kunst freie Hand, aber in der täglichen Lebenswelt muss sie sich einigen Herausforderungen stellen", sagt Stadtführer Alexander Press. So entdecken die Besucher unscheinbare Metallskulpturen in Hinterhöfen, in der Fußgängerzone steht "Der Böse". Nach einigen Werken muss man regelrecht suchen, weil der Künstler sie bewusst an "Unorten" wie Straßentunneln oder Parkplätzen versteckt hat.
Den Treffpunkt zur Stadtführung kann man kaum verfehlen: Der aus dunkelrotem Ziegelstein gemauerte Elefant an der Bürgerweide gegenüber dem Hermann-Böse-Gymnasium ist weithin sichtbar. Als Reichskolonialehrendenkmal wurde er 1932 feierlich eingeweiht, und ein paar Jahrzehnte später hätten viele die Frage „Kann das weg?“ nur allzu gerne bejaht. „Aber hier muss man das Wortspiel umdrehen“, sagt der Kunstwissenschaftler Alexander Press, der die Besucher zur Stadtführung empfängt. „So etwas muss auf jeden Fall dableiben.“ Der Elefant wurde 1990 nach der Unabhängigkeit Namibias zum „Anti-Kolonial-Denk-Mal“ umgewidmet, als Mahnmal und zur Erinnerung an die koloniale Vergangenheit Bremens und Deutschlands.
Das nächste Kunstwerk auf der Route der Stadtführung ist schon wesentlich schwerer zu finden. Versteckt zwischen besprühten Plakatwänden und schmutzigen Betonplatten mitten im Gustav-Deetjen-Tunnel findet sich ein Mosaik des Künstlers Norbert Radermacher mit dem Namen „Das Ornament“. Radermacher wählt für seine Kunstwerke bewusst „Unorte“ wie Straßentunnel und Parkplätze aus, wo sie den aufmerksamen Betrachter überraschen – „Stücke für Städte“ heißt die Reihe, zu dem dieses Mosaik gehört. In Ruhe betrachten lässt sich dieses Werk kaum, zu dicht ist der Verkehr durch den Tunnel. Auch die Teilnehmer der Stadtführung können nur einen flüchtigen Blick darauf werfen, während um sie herum Fahrradfahrer verärgert klingeln.
Aufgehender Mond und Affen
Ruhiger geht es beim nächsten Objekt zu, das wohl jeder Bremer schon einmal gesehen hat: Das blaue "Ufo" mit den mikadoartigen Stäben am Eingang zur alten Post am Hauptbahnhof. „Aufgehender Mond“ heißt die Skulptur von Manfred Ortner in Zusammenarbeit mit der Künstlergruppe Haus-Rucker-Co, die eine neue Art von Architektur verbreiten soll. „In dieser Skulptur gibt es keinen einzigen rechten Winkel, weil diese nach Ansicht der Künstler das Denken beschneiden“, erklärt Alexander Press. Einzige Ausnahme ist die Telefonzelle unter der Skulptur, die zum Kunstwerk gehört.
Am Bahnhofsvorplatz findet sich das nächste Kunstwerk, die „Affenskulptur“ von Jörg Immendorff, wie das „Affentor“ vor der Sparkasse Am Brill eine Dauerleihgabe. Wer genau hinsieht, findet in der Skulptur einen Verweis auf Immendorffs Lehrer Joseph Beuys. Die Granit-Skulptur am Hillmannplatz, der nächsten Station der Stadtführung, beeindruckt nicht nur durch die Masse, sondern auch durch den Namen: „Der Böse“ hat Künstler Ulich Rückriem sein 1988 aufgestelltes Werk genannt. Inmitten der Fußgängerzone steht er, umringt von Fahrrädern und Eisständen, klar zu sehen und doch bis jetzt allen Besuchern der Stadtführung verborgen.
Stadtführer Alexander Press regte zur weiteren Kunstsuche an, denn auch Norbert Radermacher hat sich an diesem „Unort“ mit einem Kunstwerk verewigt. Das „Eisengitter“ genannte Werk wird allgemein als Fahrradständer benutzt – wohl durchaus im Sinne des Künstlers, der nach eigener Aussage in der "uneitlen Zurückhaltung" die Chance sieht, "dass ein Kunstwerk im Betrachter seine Deutung erfährt." Die einerseits gefallenen, anderseits durch eine Klammer aufrecht gehaltenen Säulen auf dem Rudols-Hilferding-Platz, genau vor dem 1930 erbauten Haus des Reiches, sind Teile einer Skulptur des Künstlers Hawoli. Sie beziehen sich auf die Säulenarchitektur des Hauses und sollen die Zerbrechlichkeit von Macht symbolisieren.
Rasenmuseum vor dem Konsulat
Schon eher wie ein Museum wirkt die nächste Station der Stadtführung: Auf dem Präsident-Kennedy-Platz vor dem ehemaligen Amerikanischen Generalkonsulat, einem ebenfalls denkmalgeschützten Gebäude, findet sich gleich eine ganze Reihe von Skulpturen. Denn 1974 fand hier die erste öffentliche Bildhaueraktion in Bremen statt, für die Dauer von drei Monaten war der Platz ein öffentliches Künstleratelier. Nicht alle damals entstandenen Werke stehen noch hier, überdauert hat aber die Lichtskulptur "Raupe" des in Bassum geborenen Künstlers Bernd Uiberall. Neue Objekte kamen später hinzu, beispielsweise eine Skulptur des Bildhauer-Ehepaares Matschinsky-Denninghoff. Ein anderes Werk hier gibt selbst dem Kunstprofi Alexander Press Rätsel auf: „Darüber habe ich in keiner Bibliothek, in keinem Archiv etwas gefunden.“ Das Werk heißt "Occasion Dramatique" und ist von Berto Lardera.
Bernd Uiberalls „Boule“-Spiel an der Contrescarpe und die Klanginstallation vor dem Haus des Innensenators waren die letzten Kunstwerke auf dem Weg von „Ist das Kunst oder kann das weg?“. „Gegen Ende der Stadtführung tritt diese Frage immer mehr in den Hintergrund“, berichtet Press. Aber mit diesem Titel ließe sich die Frage nach der Bedeutung von Kunst im öffentlichen Raum wesentlich griffiger diskutieren. „Das ist besser, als wenn man das Ganze immer nur kunstwissenschaftlich sieht.“ Er freut sich über den oft angeregten Meinungsaustausch zwischen den Besuchern – auch wenn für ihn völlig klar ist: „Kunst ist wie Luft zum Leben, natürlich brauchen wir die. Die kann nicht weg.“






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