Stadtmusikantenpreisträger Hape Kerkeling im Interview

 - 20.08.2011

„In Bremen bin ich zu einem Charakter gereift“

Von Thomas Joppig
Bremen. Ob Horst Schlämmer, Uschi Blum oder Siegfried Schwäbli. Auf der Bühne hat Hape Kerkeling viele kuriose Gesichter. Wer ihn zum Interview trifft, erlebt indes einen höflichen und nachdenklichen Menschen, der keineswegs nach Pointen jagt. WESER-KURIER-Online-Redakteur Thomas Joppig hat den diesjährigen Gewinner des Bremer Stadtmusikantenpreises in der Kategorie Medien getroffen.
TV-Kollegen auf der Bühne des Theaters Bremen: Barbara Schöneberger und Hape Kerkeling.
TV-Kollegen auf der Bühne des Theaters Bremen: Barbara Schöneberger und Hape Kerkeling.

Herr Kerkeling, der Stadtmusikantenpreis bringt die Anfänge Ihrer TV-Karriere in Bremen in Erinnerung. Was sind für Sie die prägendsten Erinnerungen aus dieser Zeit?

Ich erinnere mich vor allem an die sympathische Anarchie, die bei Radio Bremen herrschte. Das war ein Lokalsender, ganz klein, ganz überschaubar, allerdings mit der Professionalität der BBC. Das war eine grandiose Verknüpfung. Die Menschen waren besonders. Ich glaube, dass ich wahrscheinlich nie beim Fernsehen gelandet wäre, wenn es Radio Bremen nicht gegeben hätte. Diese Zeit hat mich sehr geprägt, und sie bestimmt bis heute meinen Moderationsstil. Fernsehen habe ich hier gelernt, und die Figur, die ich im Fernsehen darstelle, hat sich hier entwickelt. In Bremen bin ich zu einem Charakter gereift.

Was haben Sie gedacht, als Sie erfuhren, dass Sie den Stadtmusikantenpreis gewinnen?

Ich hab mich sehr darüber gefreut, weil ich eine starke Verbindung zu Bremen habe. Und dass diese Verbindung offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruht, ist schön zu wissen.

Kurz nach Ihrer Bremer Zeit haben Sie den Film „Kein Pardon“ gedreht, der in einer ziemlich behördenhaften Fernsehanstalt spielt. Da liegt der Vermutung nahe, dass Sie auch Erfahrungen bei Radio Bremen verarbeitet haben…

Eindrücke von der Verleihung des Stadtmusikantenpreises.
Martin Reckweg (Chefredakteur Radio Bremen, links) und Helge Matthiesen (Chefredakteur WESER-KURIER, rechts) überreichen den Stadtmusikantenpreis an Hape Kerkeling. Mit ihm freut sich auch Laudatorin Barbara Schöneberger.

Natürlich war und ist Radio Bremen - ich glaube heute noch viel mehr - eine Behörde, eine öffentlich-rechtliche Anstalt. Aber Radio Bremen war, zum Beispiel im Gegensatz zum großen Koloss WDR, immer ein Sender der kleinen Wege. Es ging alles schnell, es gab Flurfunk, und die Redaktionen haben ihre Ideen ausgetauscht. Zwar musste auch der Intendant immer so tun, als sei es eine wichtige Behörde, aber in „Kein Pardon“ habe ich eher meine Erfahrungen beim WDR verarbeitet. Nichtsdestotrotz gibt es die eine oder andere Figur im Film, die ein bisschen an Menschen angelehnt ist, die ich bei Radio Bremen kennen und schätzen gelernt habe.

Zum Beispiel?

Für die Sekretärin, die immer fragt, ob jemand ein Käffchen möchte, gibt es ein Vorbild bei Radio Bremen. Da gab es eine Sekretärin, die sich nie den Mund verbieten ließ und der aufgeregten Redakteurin auch gerne mal die Meinung gegeigt hat. Die war das Vorbild für diese Rolle.

„Kein Pardon“ handelt von einem jungen Mann, der unverhofft TV-Moderator wird und dort all jene Starallüren entwickelt, über die er sich als Aushilfe noch aufgeregt hat. Wie groß ist die Gefahr des Abhebens in Ihrem Beruf?

Dadurch, dass ich bei Radio Bremen angefangen habe, und man in Bremen bescheiden und auf dem Boden der Tatsachen bleibt, ähnlich wie in meiner Heimat, dem Ruhrgebiet, war die Gefahr nie wirklich gegeben. Und wenn es die Momente gab, haben mich sowohl meine Familie als auch Freunde wieder zurückgeholt. Aber Momente des Abhebens gibt’s natürlich, ja. Die sind nicht schön, die stellt man auch nicht unbedingt an sich selbst fest, das sind dann eher die anderen, die einem sagen, dass man sich gerade ein bisschen komisch verhält.

Ihre frühen Filme, aber auch Ihre Bremer Kultsendung „Total Normal“ thematisieren eine Zeit, in der das Fernsehen noch ein großes mediales Lagerfeuer war. Trauern Sie dieser Zeit nach, oder finden Sie das Fernsehen heute angenehmer?

Ich trauere der Zeit nicht hinterher. Ich bin froh, dass sich diese Zeit als Kind erleben durfte. Aber die Zeit ist vorbei. Jetzt kommt was Neues. Und ich glaube nicht, dass die Zukunft für das Fernsehen so rosig sein wird. Internet ist das neue Forum. Ich glaube, Fernsehen wird es immer geben, aber es wird weniger Bedeutung haben.

Die letzte Fernsehshow, die im Ruf steht, ein solches mediales Lagerfeuer zu entfachen ist „Wetten, dass…?“. Sie werden seit Wochen als heißer Anwärter für die Gottschalk-Nachfolge gehandelt… Das müsste Ihnen doch schmeicheln.

Das tut es – egal, wie ernst man diese Umfragen nimmt: Wenn es darin eine Mehrheit der Zuschauer gibt, die sich vorstellen könnte, dass ich das moderiere, dann schmeichelt das der Eitelkeit, ja.

Und würden Sie dem Wunsch der Mehrheit folgen?

Nächste Frage (schmunzelt). Thomas Gottschalk hat seine letzte Sendung noch nicht hinter sich. Deshalb sage ich nichts, solange da nicht die letzte Klappe tatsächlich gefallen ist. Denn ich möchte eine öffentliche Spekulation nicht anheizen, in dem ich „Ja“ oder „Nein“ sage.

Uschi Blum, Horst Schlämmer, Siegfried Schwäbli… Sie haben im Fernsehen viele kuriose Gesichter. Oft überrumpeln Sie Leute auch spontan vor der Kamera: Müssen Sie dabei nicht manchmal selber loslachen?

Wir Hape Kerkeling tatsächlich der neue Gottschalk? Übernimmt er das TV-Unterhaltungsschlachtschiff Wetten, das..?? Glaubt man der Gerüchteküche, sollen die Chancen nicht schlecht stehen. Für den Komiker wäre das eine weiter Rolle, die er seinen zahllosen Alter Egos hinzufügen könnte.Im Folgenden ein kleiner Überblick über Kerkelings bisheriges Schaffen.
Wandlungsfähig: Hape Kerkeling.

Diese Situationen gibt es schon gerade beim Schlämmer. Wobei ich dann nicht über mich lache, sondern über die Reaktionen des Gegenübers. Dann denke ich „Unfassbar, wie kann der das nur alles glauben, was ich da gerade erzähle?“. Ich bin jemand, der sehr leicht lacht, da bin ich sehr unprofessionell.

Davon bekommt man als Zuschauer aber nichts mit…

Ich versuche das dann zu unterdrücken, manchmal müssen wir aber auch Szenen rausschneiden. Ich bin da wirklich eher unprofessionell, und habe auch viel Spaß an dem, was ich da gerade tue.

Vor kurzem ist ein Buch über Sie erschienen. Es heißt „Hape - auf den Spuren des lustigsten Deutschen“. In welchen Situationen nervt Sie diese Erwartungshaltung?

Ohne Ihnen jetzt zu nahe treten zu wollen: Das ist eigentlich eine Vorstellung von Journalisten. Sie wird mir oft gestellt, diese Frage, und sie ist auch berechtigt. Aber dass Leute erwarten, dass es automatisch ganz schnell brüllend komisch wird, wenn sie mir begegnen, das erlebe nicht so, nein. Deswegen setze ich mich da auch nicht unter Druck, wenn ich privat unterwegs bin. Manchmal ist es komisch. Und manchmal nicht.

Keine Ihrer Figuren hat einen so großen Kultstatus erreicht wie Horst Schlämmer. Sie haben ihn aus Rache an nervigen Journalisten entwickelt. Welches war Ihre schlimmste Erfahrung?

...Hape Kerkeling in der Rolle des Horst Schlämmers.
...Hape Kerkeling in der Rolle des Horst Schlämmer.

Na ja, es gibt Journalisten, die, im Gegensatz zu Ihnen, extrem schlecht vorbereitet sind. Da wiederholt man in Prinzip seinen eigenen Wikipedia-Eintrag und fragt sich nachher, was eigentlich der Sinn des Gesprächs war. Es hätte auch gereicht, wenn dieser Mensch sich diesen Eintrag einfach ausdruckt. Und dann gibt es da die unterschiedlichsten Spielweisen: So was Verbrüderndes, angetrunken beim Interview, durchzechte Nacht hinter sich - da gibt’s die tollsten Sachen. Da hab ich gedacht: So, das Ganze retour, der schlimmste Alptraum muss jetzt mal auf die Bühne gebracht werden, und den lass ich jetzt auf die Menschheit los. Diese Mischung aus all den Schrecken, die ich im Laufe der Jahre erlebt habe.

Sie selbst waren nach den großen Horst-Schlämmer-Boom zur Bundestagswahl 2009 genervt von ihm. Immerhin haben Sie schon mal mit dem Gedanken gespielt, ihn sterben zu lassen. Bringen Sie das wirklich übers Herz?

Ich hatte überlegt, ihn vor 'nen Bus zu schmeißen, den Schlämmer, hab’s dann aber doch nicht geschafft. Mal sehen. Vielleicht kommt er wieder, vielleicht auch nicht. Im Moment ist nicht wirklich was geplant. Ich neige nicht dazu, meine Figuren so weit auszulutschen, dass Sie keiner mehr sehen kann. Wenn ich merke, dass es anfängt, mir weniger Spaß zu machen, diese Rollen zu spielen, dann muss ich damit aufhören, sonst ist das auch dem Zuschauer gegenüber nicht fair.

Ihr Millionen-Bestseller „Ich bin dann mal weg“, hat zu einem regelrechten Pilger-Boom auf dem Jakobsweg geführt. Haben sich der Vatikan und das spanische Fremdenverkehrsamt eigentlich mal bei Ihnen bedankt?

Der Vatikan hat sich nicht bedankt, er wird sich auch mit großer Sicherheit nicht bei mir bedanken. Ich wäre irritiert, um nicht zu sagen entsetzt, wenn er sich bei mir bedanken würde. Aber das spanische Fremdenverkehrsamt hat sich sehr, sehr herzlich bei mir bedankt. Ich wurde von der spanischen Regierung sogar mit einem Orden ausgezeichnet.

Ihr Buch zeigt eine nachdenkliche, tiefsinnige Seite von Ihnen, die der Fernsehzuschauer zuvor so nicht kannte. Inwiefern hat sich ihr Bild in der Öffentlichkeit durch das Buch verändert?

Das kann ich nicht wirklich beurteilen, ich merke das nur daran, wie mir die Leute entgegentreten. Das mag aber auch mit meinem Alter zu tun haben. Gegenüber jemandem, der Ende 20 ist verhält man sich nun mal anders, als gegenüber jemandem, der schon fast auf die 50 zugeht. Ich hab das Gefühl, dass da so ein bisschen Respekt mitschwingt, wenn Leute mich ansprechen.

"Kein Pardon“ wird demnächst als Musical aufgeführt. Was für ein Gefühl ist das, wenn die eigenen Filme zu Klassikern werden?

Ein komisches Gefühl. In dem Moment, in dem man es macht, denkt man ja nicht, dass man da einen Klassiker produziert. Man hofft es vielleicht in der stillsten Kammer seines Herzens, dass es vielleicht mal ein Klassiker wird. Aber wenn es dann so ist, und so ist es ja scheinbar, dann berührt mich das sehr.

Die unterschiedlichsten Menschen lieben Ihre Filme und Sketche. Was macht Ihren Humor so konsensfähig?

Es ist eine Mischung aus nicht zu doof und nicht zu schlau, sondern irgendwo dazwischen. Es darf ruhig auch mal doof sein, es darf auch mal schlau sein, aber es darf eben nicht nur doof und nicht nur schlau sein. Diesen Weg versuche ich zu gehen, weil das eben auch meinem Geschmack entspricht. Ich hab’s gerne doof, aber nicht zu doof, ein bisschen schlau, aber nicht zu schlau. Das entspricht mir, weil ich vielleicht nicht wirklich doof und nicht wirklich schlau bin.

Hat Ihre Beliebtheit vielleicht auch damit zu tun, dass Sie die Leute, die Sie in Ihren Sketchen überraschen, nie wirklich bloß stellen?

Hape Kerkeling als Schlagersängerin Uschi Blum.
Hape Kerkeling als Schlagersängerin Uschi Blum.

Ich habe nie versucht, Leute wirklich bloß zu stellen, Das finde ich auch nicht witzig, wenn jemand im übertragenen Sinne mit heruntergelassenen Hosen da steht. Deshalb habe ich versucht, soweit ich das konnte, mein Gegenüber immer zu schützen. Bei Prominenten habe ich das allerdings nicht gemacht.

Vor zwei Jahren haben Sie angekündigt, Ihre TV-Karriere mit 50 zu beenden. Wenn Sie das wahr machen, hätten Sie noch gut drei Jahre Zeit. Was haben Sie sich bis dahin vorgenommen?

Ne ganze Menge (lacht). Irgendwann um diesen Zeitraum soll es soweit sein. Ob das genau mit Schlag 50 der Fall sein wird, kann ich so genau nicht sagen. Aber die Zeit bis dahin werde ich hoffentlich zu füllen wissen. Ab September läuft im ZDF eine Sendereihe im Format „Terra X“, da darf ich für das ZDF in der Weltgeschichte unterwegs sein. Ich glaube, es wird ein ganz schönes Format. Dann kommt das „Kein Pardon“-Musical, das läuft ab November im Düsseldorfer Capitol-Theater. Unter dem Motto „Unterwegs in der Weltgeschichte“ habe ich ein Hörbuch gemacht, und ein Buch schreibe ich noch, aber das dauert noch.

Worum wird’s da gehen?

Das verrate nicht nicht, weil sich das beim Schreiben auch immer noch ändert (lacht).

Andere Komiker füllen große Arenen? Wäre das auch etwas für Sie?

Ich hab einmal ein Open-Air gespielt, in Leverkusen, vor 15.000 Menschen, das hat mir gereicht. Das war eine tolle Erfahrung, ich möchte sie nicht missen, aber mein täglich Brot ist das nicht. Wenn mehr als 1000 Menschen im Publikum sind, hab ich das Gefühl, dass das nur noch eine Masse ist. Ich sehe kein Individuum mehr. Dann macht mir das keinen Spaß. Ich bin kein Rock’n’Roller. Ich bin eher Kleinkünstler.






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