Ergebnis einer Untersuchung der Verbraucherzentrale Bremen

 - 24.08.2011

"Kinderlebensmittel sind überflüssig"

Von Simone Gorecki
Bremen. Zucker und Fett – das sind die Inhaltsstoffe, aus denen die meisten Lebensmittel für Kinder hauptsächlich bestehen. Geworben wird allerdings mit Vitaminen, Milch und Vollkorn. Die Bremer Verbraucherzentrale wirft den Unternehmen Augenwischerei vor und appelliert an ihr Verantwortungsbewusstsein.

In der Milchschnitte stecken Milch und Honig, das Getränkepulver Kaba versorgt mit Vitaminen und Traubenzucker, und die Bärchenwurst beinhaltet „nur das Beste für Ihr Kind“. So steht es groß auf der Vorderseite der Verpackungen und wird von der Verbraucherzentrale Bremen heftig kritisiert. „Das ist eine bewusste Irreführung und Täuschung“, sagt Geschäftsführerin Irmgard Czarnecki. Denn erst im Kleingedruckten erfahren die Verbraucher, wie viel Zucker und Fett drin sind. Und das ist laut Czarnecki oftmals ein Vielfaches der gesunden Inhaltsstoffe, mit denen das Produkt beworben wird.

So habe die Untersuchung von 39 verschiedenen Kinderlebensmitteln wie Milchprodukten, Fertiggerichten, Wurst, Getränken und Keksen ergeben, dass über die Hälfte (51 Prozent) zu viel Zucker, fast ein Drittel (32 Prozent) zu viele gesättigte Fettsäuren und über ein Viertel (27 Prozent) zu viel Fett enthalten. Künftig verpflichtet eine EU-Vorschrift die Hersteller, eine übersichtliche Tabelle mit Informationen zu Energiegehalt, Zucker, Fett, Salz abzudrucken.

Doch das werde nicht davor schützen, dass Kinder im Supermarkt nach den Packungen geifen und ihre Eltern schließlich überreden, ihnen die Kekse in Tierform oder die Packung mit bunten Sammelbildern kaufen. „Es sind nicht die Eltern, die primär diese Lebensmittel in den Einkaufswagen packen." Vielmehr seien es die Kinder, die von der Werbung angesprochen werden“, erklärt Dr. Matthias Gruhl, Abteilungsleiter des Bremer Gesundheitsressorts, das die Studie in Auftrag gegeben hatte.

Reaktionen aus der Lebensmittelindustrie

Das schätzt man bei Kraft Foods ganz anders ein. Das Unternehmen mit Sitz in Bremen erklärt auf Nachfrage von WESER-KURIER Online:" Im Fall von Kaba ist die Mutter diejenige, die entscheidet, ob sie ein kakaohaltiges Getränkepulver für ihre Familie einkauft oder nicht. An sie richten wir auch unsere Kommunikation", so Sprecherin Heike Hauerken. Offenbar ist man sich recht sicher, dass der lustige Bär auf der Packung weder Kinder noch Väter zum Kauf animiert. Weiter erklärt Hauerken: "Es ist allgemein bekannt und auch deutlich auf der Packung gekennzeichnet, dass ein kakaohaltiges Getränkepulver Zucker enthält. Dies ändert auch der Zusatz von Vitaminen nicht."

Auch bei Dr. Oetker ist man sich keiner Schuld bewusst. Auf der Verpackung von Paula-Pudding steht "mit dem Besten aus der Milch" und "laut Gesetz ohne Konservierungsstoffe". Pressesprecherin Christina Krumpoch stellt dann auch fest, dass das Dessert zu 85 Prozent aus Vollmilch besteht. Das Fett komme zu 97 Prozent aus der Milch und aus dem Kakaopulver. "Wir setzen dem Produkt also keine anderen Fette oder gesättigten Fettsäuren und auch keine Konservierungsstoffe zu", schreibt Krumpoch in einer Stellungnahme. Von der Verbraucherzentrale werden in diesem Fall auch nicht der Fettgehalt, sondern viel mehr die 13 Gramm Zucker pro 100 Gramm Pudding bemängelt, deren Angabe sich nur bei genauem Hinsehen findet.

Nach Auskunft einer Sprecherin von Danone hat die Verbraucherzentrale Hamburg bei ihrer Untersuchung andere Maßstäbe angesetzt als es die Bremer Kollegen getan haben. "In Hamburg wurde der Milchzucker herausgerechnet. Dadurch sind wir nicht im roten, sondern im orangefarbenen Bereich. Ich verstehe gar nicht, warum die Verbraucherzentrale in Bremen anders rechnet", wundert sich die Sprecherin, die anonym bleiben möchte.

Verschrien sind die Fruchtzwerge seit Jahren als Zuckerbombe. Eine Kritik, die sie so nicht stehen lassen will. Immerhin habe man in den vergangenen 30 Jahren den Zuckergehalt deutlich reduziert. Dass sich das Produkt mit bunten Tierfiguren in seiner Werbung direkt an Kinder richtet, könne man Danone nicht vorwerfen, denn: "Wir haben eine Selbstverpflichtung abgegeben, dass wir uns mit der Werbung nur an Kinder richten, wenn das Nährwertprofil stimmt." Das sei bei den Fruchtzwergen der Fall. Es würde aber beispielsweise in der jüngsten Zielgruppe nie Werbung für ein Produkt wie Dany Sahne geben.

Industrie in der Verantwortung

Bei der Vermarktung spielt nach Auskunft der Verbraucherzentrale in letzter Zeit das sogenannte Clean Labeling eine immer größere Rolle. Die Unternehmen versuchen damit den Eindruck zu erwecken, die Produkte seien gesund. Vor allem das Wort „ohne“ findet sich häufig auf Verpackungen. Ohne Fett oder ohne Geschmacksverstärker steht da. Dafür dann aber mit ganz viel Zucker oder Hefeextrakt, der zum Großteil aus Glutamat besteht – einem Geschmacksverstärker. „Die Lebensmittelindustrie hat eine Verantwortung für ihre Werbestrategien, insbesondere wenn diese an Kinder und Jugendliche gerichtet sind“, gibt Gruhl zu bedenken.

Zudem gebe es, im Gegensatz zu Säuglingsnahrung, gar keine Lebensmittel, die speziell für Kinder sind. Durch die große Menge an Zucker und Fett seien sie sogar schädlich, da sie in der Folge Krankheiten förderten. „Verbraucher sollen sich nur an der Verpackung orientieren und nicht an den Inhaltsstoffen“, ärgert sich Czarnecki. Darum wird nun gefordert, die Produktinformationen auf die Vorderseite zu schreiben und lesbar abzudrucken. Ziel ist ein ehrlicher Umgang des Vermarkters mit den Verbrauchern.

Die große Resonanz auf das Mitte Juli gestartete Online-Portal lebensmittelklarheit.de erklärt man sich bei der Verbraucherzentrale damit, dass sich viele Menschen von Lebensmittelkonzernen getäuscht fühlten und verärgert seien. Auf dem Portal können irreführende Kennzeichnungen von Lebensmitteln gemeldet werden. In den ersten Tagen seien über 2500 Nachrichten eingegangen. „Wir wollen mit unserer Untersuchung Verbraucher in ihrer Kritik bestätigen und anregen, weiterhin genau hinzuschauen“, so Czarnecki. Lebensmittel verbieten wollen weder die Verbraucherzentrale noch das Gesundheitsressort. „Die Irreführung soll durch Eigenverantwortung der Unternehmen oder durch eine Gesetzesänderung beendet werden“, fordert Gruhl. „Da lobe ich mir das gute alte Überraschungsei. Das war eine klare Ansage, man wusste, dass es aus Schokolade besteht und ein kleines Spielzeug drin ist“, stellt Czarnecki am Ende der Präsentation ihrer Ergebnisse schmunzelnd fest.






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