Weihnachtsserie "Glaube, Liebe, Hoffnung" - Teil 3: Hoffnung

 - 26.12.2011

"Ohne Hoffnung können wir nicht überleben"

Bremen. Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe, sondern auch der Hoffnung. Doch was ist Hoffnung überhaupt, brauchen wir sie und warum machen sich viele Menschen gerade jetzt gute Vorsätze? Darüber hat Online-Redakteurin Anne-Christin Klare mit dem Hirnforscher Gerhard Roth gesprochen.
Gerhard Roth (69) hat Philosophie, Germanistik, Musik und Biologie studiert; er promovierte in Philosophie und in Biologie. 1976 hat Roth an der Bremer Uni den Lehrstuhl Verhaltensphysiologie und Entwicklungs- Neurobiologie übernommen. Er beschäftigt sich unter anderem mit Fragen der Persönlichkeitsentwicklung und der Motivation.
Gerhard Roth (69) hat Philosophie, Germanistik, Musik und Biologie studiert; er promovierte in Philosophie und in Biologie. 1976 hat Roth an der Bremer Uni den Lehrstuhl Verhaltensphysiologie und Entwicklungs- Neurobiologie übernommen. Er beschäftigt sich unter anderem mit Fragen der Persönlichkeitsentwicklung und der Motivation.

Herr Roth, was ist Hoffnung und wozu brauchen wir sie?

Hoffnung hat mit Motivation zu tun. Motiviert werden wir dadurch, dass wir nach etwas streben, was Gewinn für uns bedeutet, oder, dass wir etwas Negatives zu vermeiden versuchen. Das können materielle, psychische oder soziale Dinge sein. Die Erwartungen darauf motivieren uns, sie machen uns Hoffnung.

Was passiert denn genau im Gehirn, wenn wir hoffen?

Im Hirnstamm werden bestimmte Zentren aktiviert. Wenn wir etwas erwarten oder uns etwas intensiv vorstellen, schütten diese Zentren Opioide, also hirneigene Drogen aus. Die Folge: Wir fühlen uns wohl. Das kann von leichter Zufriedenheit bis zum überschäumenden Glücksgefühl reichen. Das Gefühl des Glücks beruht also auf Hirn-Chemie.

Heißt das, dass die Hoffnung wissenschaftlich schon komplett entschlüsselt ist?

Nein, das ist sie nicht. Die Inhalte der Hoffnung sind sehr komplex und individuell. Der eine hofft auf das Leben nach dem Tod, der andere auf das große Geld…

Wird die Hoffnung also von den individuellen Lebensumständen beeinflusst?

Ja, häufig sind es frühe Schicksale oder Traumatisierungen, die die Hoffnung positiv oder negativ beeinflussen.

Glücksschwein und Kleeblatt sollen Glück bringen. Kurz vor Jahresende machen viele Menschen sich gute Vorsätze und hoffen darauf, dass alles besser wird.
Glücksschwein und Kleeblatt sollen Glück bringen. Kurz vor Jahresende machen viele Menschen sich gute Vorsätze und hoffen darauf, dass alles besser wird.

Können wir demnach aus Hoffnungserlebnissen lernen?

Ja, das Gehirn prüft immer ganz genau, welche Hoffnungen in welcher Weise in Erfüllung gegangen sind. Und dann hängt es von der Persönlichkeit eines Menschen ab, wie er damit umgeht. Es ist tief in unserer Persönlichkeit verankert, ob wir uns bei Enttäuschungen schnell entmutigen lassen oder optimistisch bleiben und weiter hoffen.

Nietzsche hat einmal gesagt, dass die Hoffnung das größte Übel für die Menschheit sei. Stimmen Sie dem zu? Schließlich können enttäuschte Hoffnungen auch heftige negative Gefühle auslösen…

Nein, das kann man so nicht sagen. Der Mensch kann ohne Hoffnung nicht leben. Hoffnungslosigkeit führt zu Depressionen und Selbstmord. Es ist die Aussicht auf Belohnung, die uns voran treibt. Alle Lebewesen hoffen.

Wie alt ist eigentlich die Hoffnung?

Mit der Hoffnung beschäftigen sich Menschen schon seit Jahrtausenden. Die ersten Dokumente, die sich mit dem Thema beschäftigen, sind meist religiöser Art. Die Menschen hoffen auf Gott oder eine höhere Macht, sie beten für Glück oder, dass Unheil sie verschont.

Hat sich denn die Hoffnung über die Jahrtausende verändert?

Ja, die Hoffnung ist extrem kultur- und umweltabhängig. Das, was die Leute seit Jahrtausenden jedoch am meisten umtreibt, ist die Frage, wie es nach dem Tod weitergeht. Ob ich aber auf Sonnenschein oder Reichtum hoffe, hängt von meinem gesellschaftlichen Umfeld und meinen frühkindlichen Erfahrungen ab.

Warum sind viele Menschen in der Weihnachtszeit und zum Jahresende immer hoffnungsvoll und machen gute Vorsätze?

Das ist so konditioniert. Es gehört zum gesellschaftlichen Ritual. Theoretisch könnte man ja jeden Tag hoffen, dass es morgen besser wird. Doch das ist langweilig und man stumpft ab. Deswegen machen das viele Menschen lieber einmal im Jahr – auch wenn es physikalisch wie psychologisch unsinnig ist.

Haben Sie einen Tipp, wie man sich vor übertriebenden Hoffnungen schützen kann?

Zu hoffen ist sehr wichtig, aber die Erwartungen müssen realistisch bleiben. Es gehört dazu, zu wissen, dass nicht jede Hoffnung zu 100 Prozent erfüllt wird und dass auch Dinge schief gehen können.

Wer das Scheitern einkalkuliert ist also am glücklichsten?

Ja. Menschen, die sich vor Enttäuschungen fürchten, haben häufig zu große oder zu geringe Hoffnungen. Unrealistische Erwartungen können krank machen.

Inwiefern?

Studien haben gezeigt, dass zu große und unrealistische Hoffnungen zu Erschöpfung und Burnout führen können. Es ist wichtig, sich Ziele zu setzen. Aber man sieht ja, wie häufig Dinge auch schief gehen können – das sollte man wissen, aber trotzdem optimistisch in die Welt gucken.

Welche guten Vorsätze haben Sie denn für das nächste Jahr?

Ich habe mir vorgenommen, weniger Termine anzunehmen und weniger zu arbeiten.

Dann haben Sie ja die Erfüllung der Hoffnung selbst in der Hand…

Theoretisch schon.

Das Gespräch bildet den dritten und letzten Teil unserer Serie „Glaube – Liebe – Hoffnung“, die WESER-KURIER Online am Heiligabend und den beiden Feiertagen präsentiert. Unsere Redakteure sprechen mit Experten über zentrale Fragen der Feiertage.






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