Überangebot an Heimplätzen

 - 03.02.2012

Bremen besitzt 1000 Pflegeplätze zuviel

Von Rainer Kabbert
Bremen. Pflegeheime im Land Bremen geraten in Schieflage, melden Insolvenz an, werden verkauft. Jüngst ist die "Pension Horn" in Schwierigkeiten geraten. Die AOK spricht von einem Überangebot von Plätzen, der Vorstandsvorsitzende der Bremer Heimstiftung wird drastischer in seiner Aussage: "Seit Jahren erleben wir ein Pflegeheim-Monopoly." Treibende Kraft ist für Alexander Künzel die Immobilienwirtschaft.
Alexander Künzel von der Bremer Heimstiftung fordert Umdenken in der Pflege älterer Menschen.
Alexander Künzel von der Bremer Heimstiftung fordert Umdenken in der Pflege älterer Menschen.

Die Pflegelandschaft in Bremen und Bremerhaven gerät in Unordnung. Über 120 Einrichtungen der voll- und teilstationären Pflege teilen sich das Geschäft mit dem Alter. "Doch das Marktsegment wird schmaler", beobachtet Hannelore Bitter-Wirtz vom Verband privater Anbieter sozialer Leistungen. Uwe Schneider, bei der AOK zuständig für Vertragsmanagement / Pflege geht denn auch von zu vielen Pflegeplätzen in Bremen aus: "Es gibt einige Einrichtungen, die Probleme mit der Auslastung haben." Rolf Specht, geschäftsführender Gesellschafter der Bremer Residenz-Gruppe, bestätigt: "Es gibt in gewissen Stadtteilen sicherlich Überhänge an Pflegeplätzen."

Ist die tatsächliche Belegung der Heime geringer als jene der Kalkulation, kann es schwierig werden. 2010 hat etwa die Hansa-Gruppe mit 1600 Mitarbeitern Insolvenz angemeldet, Anfang 2011 die Arbeiterwohlfahrt. Ende 2011 haben die Seniorenzentren Findorff und Weidedamm einen neuen Betreiber bekommen. Der neue Träger könne "sich den komplexen Herausforderungen der Zukunft besser stellen", heißt es in der Begründung des früheren Besitzers. Der neue Besitzer aus Bayern ist börsennotiert, betreibt fast 80 Seniorenresidenzen sowie Pflegeeinrichtungen und ist auf Expansionskurs.

Alexander Künzel, Vorstandschef der Bremer Heimstiftung, schätzt die Zahl verwaister Pflegeplätze in Bremen auf rund 1000. Mit Konsequenzen für die Bilanzen: Rote Zahlen schreiben nach seiner Schätzung fast alle Pflegebetriebe in Bremen. Für Künzel das Ergebnis einer Fehlentwicklung: "Es ist ein gesellschaftlicher Irrweg, auf Pflege als Motor für Wachstum, Beschäftigung und Rendite zu setzen." Ein spekulationsbetriebener Markt mit Immobilienfonds als treibende Kraft habe sich herausgebildet, durch den immer neue Pflegeheime entstehen würden. "Doch es ist verrückt, auf Pflegewachstum statt auf Pflegevermeidung zu setzen", argumentiert Künzel, "denn es werden auch in Zukunft Pflegekräfte fehlen und Pflegekosten werden immer höher."

"Die Wirtschaft entdeckt die Gesundheitsimmobilie", beobachtet auch Specht, "viele wollen da auf den fahrenden Zug aufspringen." Allerdings ist der Chef von über 30 Häusern auch überzeugt, dass niemand am Markt vorbei produzieren könne.

Was wäre die Alternative zum Motor Rendite durch Pflege? Künzel fordert Pflegevermeidung durch mehr Rehabilitation älterer Menschen, den Aufbau von Netzwerken der Zivilgesellschaft, etwa durch Familien, Nachbarn und Ehrenamtliche, die sich um Ältere kümmern. "Wie wollen wir das Älterwerden organisieren", fragt er, und plädiert für eine "Renaissance des Gemeinwohls."

Eine These, die in der Bremer Pflegebranche nicht allseits geteilt wird. Manche sehen in Appellen ans Gemeinwohl und die Einbeziehung von Ehrenamtlichen in den Pflegeprozess den Versuch des Staats, die eigenen Kassen zu entlasten. Ehrenamtliche würden ja nichts kosten, und überhaupt würde die Gesellschaft zu wenig Geld für die Pflege alter Menschen bereitstellen.

Das Geld kommt von Kostenträgern. Das sind in aller Regel Krankenkassen und Kommunen. Die handeln Verträge über Pflegesätze mit den Pflegeeinrichtungen aus. Künzel von der Bremer Heimstiftung berichtet davon, wie die Preise von den Kostenträgern gedrückt würden. Die Inflationsraten lägen höher als die Steigerung der Pflegesätze. Folge sei ein "brutaler Kostendruck", der sich auch auf die Beschäftigten auswirke.

Geringe Anpassung

Specht von der Residenz-Gruppe drückt sich moderater aus, erwähnt Vergütungen für die Pflegeleistungen, die nur "gering angepasst" seien an steigende Energie- und Personalkosten. Da müsse man das Unternehmen schon "betriebswirtschaftlich sehr eng führen". Bitter-Wirtz vom Verband privater Anbieter sozialer Leistungen spricht von "Kämpfen mit den Kostenträgern", wenn es um die Aushandelung von Verträgen gehe. Wobei die Bremer Sozialsenatorin ein besonderes Vetorecht hat, wenn die Aushandlung der verschiedenen Posten auf der Tagesordnung stehen, etwa Unterkunft und Verpflegung pro Tag oder die einzelnen Pflegesätze für die Pflegestufen 1 bis 3. Das Sozialressort gilt denn in der Branche auch als das Nadelöhr, durch das manche Forderungen der Pflegeunternehmen nicht durchkommen.

Doch sind die Pflegesätze in Bremen nach Einschätzung von Bitter-Wirtz nicht so, dass jetzt Insolvenzen drohen würden. Die ihre Häuser auslasten können, kämen durch, meint sie. Wobei die Vergütungen in Bremen deutlich über den Sätzen in Niedersachsen liegen.

Künzel geht es aber nicht allein ums Geld, sondern um den Einsatz von mehr "intelligentem Geld". Der Staat sollte neue Akzente setzen und beispielsweise mehr Geld in die ambulante statt in die stationäre Pflege stecken: "Die finanziellen Mittel sind dramatisch falsch verteilt", kritisiert er. Und, hier kommt er wieder auf sein Kernthema zurück: Die Gesellschaft sollte mehr Ressourcen in die Rehabilitation stecken. Pflege würde sich dann in vielen Fällen vermeiden lassen.





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