Bürgerengagement in Bremen und Niedersachsen

 - 05.02.2012

Ohne Ehrenamtliche geht in vielen Vereinen gar nichts

Von Frauke Fischer
Bremen. 2,8 Millionen Niedersachsen engagieren sich freiwillig. 198000 Bürger sind in Bremen, 450000 in Hamburg in Vereinen und Verbänden aktiv. Ersetzen sollen sie die Hauptamtlichen zwar nirgends, betonen Behördenvertreter und Politiker. Doch manche Einrichtung ist ohne Ehrenamtliche gar nicht denkbar.
Laura Bellinger engagiert sich bei den Special Olympics für die Reiter.
Laura Bellinger engagiert sich bei den Special Olympics für die Reiter.

Bremen. Sie stehen als Coach am Spielfeldrand, begleiten Hilfsbedürftige bei Behördengängen, gehen als Lesehelfer in Schulen, löschen Brände oder halten die Hand eines Sterbenden im Hospiz. Ohne freiwillig engagierte Bürger wäre das Zusammenleben in Deutschland um etliche Facetten ärmer. "Freiwilliges Engagement trägt zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei", formuliert Andrea Frenzel-Heiduk, Referatsleiterin Bürgerengagement, Selbsthilfe und Familienpolitik in der Bremer Sozialbehörde.

Da lernt der Handwerksmeister im Ruhestand als Mentor die Welt von perspektivlosen Jugendlichen kennen, die Praktika suchen. Die Krankenschwester und der Anwalt gründen gemeinsam eine Nachbarschaftsinitiative zur Einrichtung einer Spielstraße.

So manche Organisation, seien es Elterninitiativen oder Sportvereine, kalkuliert die ehrenamtlich geleisteten Stunden fest ins Budget mit ein, um Angebote aufrechterhalten zu können. Ein Elternverein in Bremen, der die Familien der betreuten Kinder zu je fünf Arbeitsstunden pro Jahr verpflichtet, veranschlagt die Stunde mit zehn Euro. Die fünfstellige Summe für Garten- und Reinigungsdienste, Vorbereitungen von Festen und Renovierungen wäre auf keinen Fall aus Elternbeiträgen und öffentlichen Zuwendungen zu leisten. Die Folge: Verfall und ein deutlich ärmeres Programm.

"Der falsche Weg"

Ähnlich geht es vielen Organisationen. Aus der Summe aller geleisteten Freiwilligenstunden in Deutschland deswegen einen Geldbetrag abzuleiten, den der Staat spart, oder in die Anzahl von möglichen Arbeitsplätzen umzurechnen, "wäre der falsche Weg", sagt Thomas Böhme, Frenzel-Heiduks Amtskollege aus der niedersächsischen Staatskanzlei. Das würde dem Ehrenamt und seiner großen gesellschaftlichen Bedeutung nicht gerecht, meint er.

Ansätze volkswirtschaftlicher Überlegungen zum Ehrenamt habe es in den vergangenen Jahren indes einige gegeben, gibt Andrea Frenzel-Heiduk zu. Doch die Umrechnung freiwilligen Engagements hält auch sie weder für hilfreich noch zulässig. "Es gibt keine Äquivalenz. Für manche Aufgaben gibt es gar keine Hauptamtlichen", sagt Böhme. Im Gegenteil: "Durch Freiwillige steigt in manchen Bereichen der Bedarf an Hauptamtlichen. Dass Ehrenamtlichkeit Hauptamtlichkeit ersetzt, lässt sich nur bedingt behaupten."

Positiver Effekt für Freiwillige

Tatsächlich würde keine Krankenschwester das Vorlesen am Patientenbett übernehmen, wenn es die Grünen Damen nicht mehr gebe. Dem häufig zitierten Vorwurf, es entstehe dort Ehrenamt, wo sich der Staat aus finanziellen Gründen zurückziehen müsse, hält Andrea Frenzel-Heiduk zudem etwas entgegen, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist: "Lebenswelten haben sich verändert. Menschen können heute Bereiche kennenlernen, aus denen sie früher ausgeschlossen waren." Beispielsweise Eltern, die durch Engagement in Kindergärten und Schulen dichter am Alltag ihrer Kinder dran sind. Breit angelegte Befragungen unter Freiwilligen belegen, dass sie dies neben Selbstbestätigung und Freude an den Aufgaben als positiven Effekt wahrnehmen.

Welch wichtige Rolle Freiwillige in der Gesellschaft übernehmen, wie sehr sie für das soziale Miteinander stehen, haben Kommunen und Länder erkannt. 2002 gab es zum Thema eine Enquete-Kommission im Deutschen Bundestag. Behördenabteilungen widmen sich in allen Bundesländern der Betreuung und Rekrutierung von Freiwilligen. Das Referat in Bremen besteht seit 15 Jahren. Ein Vorreiter wie auch die hiesige Freiwilligenagentur als älteste der Republik, so Frenzel-Heiduk.

Ob "Hamburger Nachweis", ein Papier, das freiwillig Engagierten ihre Aufgaben bescheinigt, oder die gemeinsame Ehrenamtskarte von Bremen und Niedersachsen - die Länderbehörden lassen sich etwas einfallen, um Ehrenamt zu würdigen und die Grenzen zwischen Lebenswelten fließender zu machen. "Was sie im Ehrenamt lernen, ist ja nicht nur dafür wichtig, sondern eventuell auch am Arbeitsplatz gefragt", sagt Thomas Böhme. In den USA ist es beispielsweise üblich, im eigenen Lebenslauf auch Ehrenämter aufzuführen, die je nach Art des Engagements soziale Kompetenz, Führungsqualität, Organisationsvermögen oder ähnliche Fähigkeiten belegen.

Durchschnittlich vier bis fünf Stunden pro Woche

Niedersachsen gehört nach Ergebnissen der sogenannten Freiwilligensurveys mit 2,8 Millionen freiwillig engagierten Bürgern, 41 Prozent der über 14-Jährigen, zu den Spitzenreitern in Sachen Ehrenamt neben Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Bremen führt mit 30 Prozent die Stadtstaaten an vor Hamburg (29 Prozent). 71 Prozent der Deutschen im Alter über 14 Jahre sind in Gruppen und Vereinen aktiv, 36 Prozent haben darüber hinaus Funktionen als freiwillig Engagierte übernommen. Sie widmen sich ihnen durchschnittlich vier bis fünf Stunden pro Woche. Sie wollen einerseits Gutes tun, "Defizite in ihrem Lebensumfeld abbauen", wie Thomas Böhme sagt. Andererseits "sind sie sehr pragmatisch und realistisch".

Die Freiwilligen schätzen Spaß, Bestätigung und Anerkennung, die Möglichkeit der Mitbestimmung. "Die Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Umfelds funktioniert", betont Andrea Frenzel-Heiduk den Aspekt gelebter Demokratie.

Mehr über das Engagement von Freiwilligen lesen Sie im KURIER AM SONNTAG





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