Religionsgemeinschaft

 - 19.02.2012

Familie Bergmann gehört zu den Mormonen

Bremen. Kerstin und Ingo Bergmann sind Mormonen. Mit der Religion verbindet hierzulande kaum jemand mehr als Männer mit mehreren Ehefrauen, junge Missionare in dunklen Anzügen oder den US-Politiker Mitt Romney.

Am auffälligsten sind die vielen Kinder. Alle tragen Sonntagskleidung, einige quengeln, andere klettern auf den Holzbänken mit den blauen Bezügen herum. Die Kapelle des Gemeindehauses der Kirche der Heiligen der Letzten Tage in Findorff ist spärlich dekoriert. An den weißen Wänden hängen keine Bilder, auf dem Rednerpult steht eine einzelne rosa Orchidee. Rechts und links davon zwei etwas künstlich aussehende Topflanzen. Kerstin Bergmann sitzt mit Luis, Zoe, Kimberley, Amelie und Jonas auf den beiden hintersten Bänken. Ihr Mann Ingo muss arbeiten, er ist Fluglotse. „Nein, sehr viel bekomme ich vom Gottesdienst zur Zeit nicht mit“, erzählt sie später. „Unser Jüngster ist 13 Monate alt und kein Kind, das still sitzt.“ Nach etwa 20 Minuten Gottesdienst packen viele der Eltern die mitgebrachten Bilderbücher aus. „Ich hätte auch dann viele Kinder haben wollen, wenn ich nicht gläubig gewesen wäre“, sagt Kerstin Bergman. Eine „Familienkirche“ sei die Kirche der Heiligen der Letzten Tage trotzdem: „Wir glauben, dass Familie im Mittelpunkt steht.“ Kerstin und Ingo Bergmann sind seit zwölf Jahren verheiratet. Beide sind in mormonischen Familien aufgewachsen. Nach Bremen sind sie wegen seines Berufs gezogen. Kerstin Bergmann hat damals ihren Job als Arzthelferin aufgegeben, um sich um die Kinder zu kümmern.

Die Wurzeln der Mormonen liegen in den USA. Dort veröffentlichte Joseph Smith im 19. Jahrhundert das Buch Mormon, das zusammen mit der Bibel die theologischen Grundlage der Kirche der Heiligen der Letzten Tage bildet. Eine amerikanische Kirche ist sie aber nicht, betont Jens Stelter, der Bischof der Gemeinde: „Die Mehrheit der Mormonen lebt heute außerhalb der USA.“ In Deutschland ist die Kirche schon lange vertreten. Die Bremer Gemeinde existiert seit 1882. Heute hat sie rund 400 Mitglieder, von denen etwa 150 regelmäßig den Gottesdienst besuchen. Die meisten Menschen hierzulande wissen allerdings wenig über diese Religionsgemeinschaft, die sich selbst als christliche Kirche versteht, von der katholischen und evangelischen Kirche aber nicht als solche akzeptiert wird.

„Die drei Themen, auf die ich immer wieder angesprochen werde, sind unser Verzicht auf Bier, Zigaretten und Kaffee, die Vielehe und Mitt Romney“, erzählt Ingo Bergmann. Viel zu sagen hat er dazu nicht. Alkohol, Nikotin und Koffein sind tatsächlich tabu. Mitglieder der Kirche der Heiligen der Letzten Tage sind keine Polygamisten. Und der US-Präsidentschaftskandidat in spe? „ Ich finde es gut, dass Herr Romney versucht, christliche Werte in die Politik zu bringen.“

Die auffälligsten Vertreter der Mormonen sind wohl die Missionare – meist junge Männer, immer zu zweit und mit Namensschild am dunklen Anzug. Der Dienst ist freiwillig. Für Männer dauert er zwei Jahre, für Frauen 18 Monate. Auch Ingo und Kerstin Bergmann waren nach der Schule auf Mission: er in den USA, sie in Großbritannien. Diese Monate waren für beide prägend. „Wenn man sich so lange von morgens bis abends mit dem Evangelium beschäftigt, stärkt das den Glauben“, erzählt sie. Die Zeit im Ausland hat auch ihr Verhältnis zu anderen Glaubensauffassungen verändert: „Wenn die Zeugen Jehovas an meiner Tür klingeln, bitte ich sie immer herein.“ Die Bergmanns kennen die Situation der Missionare aus eigener Erfahrung: „Es ist eine Erleichterung, wenn nach 20 bis 50 Türen, an denen man umsonst geklingelt hat, eine aufgeht und man einfach über Gott reden kann.“

Zeit, sich von morgens bis abends mit dem Evangelium zu beschäftigen, bleibt heute nicht mehr. Trotzdem nimmt Religion einen wichtigen Teil im Leben der Familie ein. „Unsere Kirche ist nicht nur eine ’Sonntagskirche’“, sagt Kerstin Bergmann. Sie und ihr Mann tun viel für die Gemeinde. Elf Jahre hat sie die religiöse Bildung der Kinder betreut. Er hat seit sieben Jahren das Amt des Ersten Ratgebers des Bischofs, eine der wichtigsten Positionen in der Gemeinde. Zu den wöchentlichen Kirchenbesuchen und der Sonntagsschule im Anschluss kommen kirchliche Freizeitaktivitäten, die organisatorische Arbeit in der Gemeinde und die, wie viele Einrichtungen der Mormonen etwas sperrig betitelte, Heim- und Besuchslehrarbeit. Einmal im Monat wird jede mormonische Familie von zwei Gemeindemitgliedern besucht. Heimlehrarbeit nennt sich das, wenn Männer die Familie besuchen, Besuchslehrarbeit, wenn Frauen ihre „Schwestern“, wie es im Sprachgebrauch der Mormonen heißt, treffen. Vor Kurzem hat die Bremer Gemeinde Formulare eingeführt, mit denen der Erfolg der Besuche messbar gemacht werden soll. „Wie geht es der Familie, was ist neu?“ heißt es darin zum Beispiel, „Welche Botschaft haben Sie mitgeteilt?“ oder „Was sind die zukünftigen Pläne in Bezug auf die Familie?“. „Nur wo Leistung gemessen wird, kann sich Leistung steigern" drückt es ein Mitglied des Gemeinderats bei der Vorstellung der Bögen aus.

Auch im Familienalltag der Bergmanns spielt ihre Religion eine große Rolle. Die Eltern beten mit ihren Kindern, lesen mit ihnen die Bibel und das Buch Mormon. Trotzdem haben die Kinder auch Freunde außerhalb der Kirche, sagt Ingo Bergmann: „Nur so lernen sie, ihren Glauben zu vertreten." Das ist nicht immer einfach. „Man wird belächelt“, erzählt seine Frau. „Gerade als Teenager ist es schwer, weil es einem da wichtig ist, Leuten zu gefallen.“ Ob die Kinder Mormonen bleiben werden? „Jeder muss das selbst für sich herausfinden. Aber natürlich hofft man immer, dass sie das weiterführen.“





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