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Ein Weinfest soll es geben, eine Jubiläumsfeier im Rathaus und noch einiges mehr: „Wir stecken noch mitten in den Planungen“, sagt Gabriele Brünings aus der Senatspressestelle. Klar sei schon jetzt, dass die meisten Veranstaltungen im April stattfinden werden, das Weinfest solle Ende Mai / Anfang Juni folgen, sagt Brünings. Die Bremer Touristik-Zentrale bietet ab 28. April spezielle Führungen zur Geschichte und Symbolik der Rathausfassade an.
Zu erzählen gibt es eine Menge. Zum Beispiel die Geschichte von der Henne und den Küken über dem zweiten Arkadenbogen. Die erwähnen viele Bremer gern, wenn sie ihren Gästen zeigen wollen, dass es sich in ihrer Stadt schon immer gut leben ließ. Der Erzählung nach weisen die Figuren auf die Gründung Bremens hin. Arme Fischer, so heißt es, hatten die Glucke einst im Schutz einer Uferdüne an der Weser entdeckt, als sie eine neue Bleibe suchten. "Das ist ein guter, geschützter Platz, lassen wir uns nieder", sollen sie gesagt haben.
Die Baumeister der Rathausfassade hatten vor 400 Jahren allerdings anderes im Sinn, als sie die Henne in den Stein meißelten: Eine junge Frau hält ihren Arm um die Glucke und das Kükennest. "Hier geht es um wachenden Schutz", erklärt Bremens Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki. Das Relief symbolisiert eine von vielen Tugenden, die über den elf Rathausbögen dargestellt werden. "Da geht es um Gerechtigkeit, Treue, Hoffnung, Liebe, Weisheit oder Mäßigung", sagt der Denkmal-Experte. "Die Ratsherren wollten damit zeigen, dass sie ihre Entscheidungen auf einem großen Fundament von Werten treffen."
Hanseatisch freizügig
Langweilig sollte die Darstellung dieser Werte jedoch nicht daher kommen. Meist sind es junge attraktive Frauen, die die einzelnen Tugenden und ihr Gegenteil repräsentieren. Die lockige Sanftmut zum Beispiel streichelt leicht bekleidet ein Lamm und sitzt dabei ganz gelassen auf der wilden Wut mit der Löwenmähne. Und die nackte Enthaltsamkeit hält den Bremer Schlüssel empor, während sie sich vom Betrachter abwendet und ihm ihren wohlgeformten Po zeigt.
"Die Freizügigkeit der Darstellungen hatte auch mit dem neu gewonnen Selbstbewusstsein der Menschen in der Renaissance zu tun", sagt Landesdenkmalpfleger Skalecki. "Dennoch hätten viele Figuren damals sicher als anstößig gegolten, wenn nicht jede von ihnen etwas symbolisiert hätte."
Als die prachtvolle Fassade unter der Leitung des renommierten Bildhauers und Stadtbaumeisters Lüder von Bentheim zwischen 1608 und 1612 entstand, war das Repräsentationsbedürfnis der Bremer gewachsen. Bremen wollte endlich freie Reichsstadt werden. Doch dieses Privileg konnte nur der Kaiser der Stadt verleihen. "Umso wichtiger war es den Bremern, sein Vertrauen zu gewinnen", sagt Skalecki. "Man wollte selbstbewusst und zugleich gebildet auftreten – und die Fassade sollte genau diese Haltung symbolisieren."
Führungen richten sich nach der Klientel
Seit 30 Jahren zeigt Eva Rogge Touristen die Stadt. "Die Pracht der Rathausfassade löst bei den Gästen jedes Mal Staunen aus“, weiß sie. Auf ihren Rundgängen muss sie sich auf einige wenige Besonderheiten konzentrieren. Kunstinteressierten zeigt sie gern die Symbolik der Fassade. Gäste, die es weniger bildungsbürgerlich mögen, bekommen mehr Anekdoten zu hören. Bei katholischen Reisegruppen spart sie in jedem Fall das Relief über dem siebten Rathausbogen aus.
Dort hält ein Mann eine Weltkugel mit einem Kreuz darauf in der linken Hand. Er steigt über den am Boden kriechenden Papst und entwendet diesem mit der Rechten sein Schwert. Der Pontifex ist als solcher unschwer zu erkennen. Er trägt eine Tiara auf dem Kopf – und den Papststab im Hintern. Ein symbolisches Aufbegehren gegen die katholische Kirche und ihren Machtanspruch. Knapp 100 Jahre nach Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg hatte die Reformation also auch an der Bremer Rathausfassade ihre Spuren hinterlassen.
Seit 2004 gehört das Gebäude zusammen mit dem Roland zum Weltkulturerbe der Unesco. Seither ist das Interesse am Rathaus noch einmal deutlich gestiegen, weiß Maike Lucas, Sprecherin der Bremer Touristik-Zentrale. Wer wissen möchte, wie es im Inneren des Bauwerks aussieht, kann dafür bei der Touristik-Zentrale eine spezielle Führung buchen. Ein Angebot, das immer mehr Bremen-Besucher nutzen, seit das Gebäude auf der Welterbe-Liste steht: "2004 hatten wir rund 10.000 Gäste bei den Führungen, 2010 waren es doppelt so viele", sagt Lucas. "Für uns als Touristik-Zentrale ist es natürlich toll, dass das Bremer Rathaus von der Unesco nun auf derselben Liste geführt wird wie das Taj Mahal oder die Pyramiden von Gizeh."
Thematische Führungen zur Bremer Rathausfassade finden vom 13. April bis 28. Oktober jeweils freitags, sonnabends und sonntags statt, ausgenommen sind der 7. und 27. Oktober. Treffpunkt ist jeweils um 10 Uhr an der Tourist-Information in der Obernstraße. Die Teilnahme an der einstündigen Führung kostet drei Euro, Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren dürfen in Begleitung Erwachsener kostenlos mitkommen, Anmeldungen sind unter der Telefonnummer 0421 / 30 800 10 möglich.



