Appell an Senatorin Jürgens-Pieper

 - 07.01.2012

Ärzte: Huppertz wieder einstellen

Von Wigbert Gerling
Bremen. Kinder- und Jugendärzte haben Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) in einem offenen Brief aufgefordert, "umgehend für eine Rehabilitierung und Wiedereinstellung von Professor Huppertz zu sorgen". Chefarzt Hans-Iko Huppertz war fristlos entlassen worden, nachdem es auf der Frühgeborenen-Intensivstation im Klinikum Mitte drei Todesfälle nach einer Keim-Infektion gegeben hatte.
Hans-Iko Huppertz wurde als Chefarzt der Frühgeborenen-Intensivstation am Klinikum Mitte und der Professor-Hess-Kinderklinik fristlos entlassen.
Hans-Iko Huppertz wurde als Chefarzt der Frühgeborenen-Intensivstation am Klinikum Mitte und der Professor-Hess-Kinderklinik fristlos entlassen.

Dieser Fall beschäftigt derzeit unter anderem auch einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Er wird am Donnerstag, 19. Januar, seine Beweiserhebung fortsetzen und dabei Staatsrat Matthias Stauch anhören, der einen Bericht über die Abläufe in dem betroffenen Klinikum erarbeitet hatte.

In ihrem offenen Brief beklagen die Ärztinnen und Ärzte das "unangemessene Krisenmanagement" der kommunalen Klinik-Dachgesellschaft Gesundheit Nord. Diese Kritik richte sich an Diethelm Hansen, Chef der städtischen Holding, der die Entlassung von Huppertz verfügt habe. "Dieser Akt der öffentlichen Vorführung eines untadeligen Arztes", so heißt es, "stellt eine intolerable Grenzüberschreitung dar." Es sei schwer vorstellbar, dass die Entscheidung ohne politische Rückendeckung getroffen worden sei.

Heidrun Gitter, leitende Oberärztin der Kinderchirurgie am Klinikum Mitte, warb gestern dafür, die Konflikte nicht mit offenen Briefen auszutragen, die der berechtigten Forderung nach sachlicher Aufklärung nicht dienlich seien. Auch aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes dürften derzeit gar nicht alle Fakten öffentlich verbreitet werden. Eine "berufsrechtliche Wertung zum jetzigen Zeitpunkt zum Beispiel" aber würde genau eine solche Detailkenntnis voraussetzen, so die Medizinerin. Ärzte und Pflegende am Klinikum, so Heidrun Gitter, wünschten sich derzeit "nichts sehnlicher", als dass Normalität einkehre und sie wieder das tun könnten, wozu sie angetreten seien: kranken Kindern helfen.

Der Untersuchungsausschuss wird am 19. Januar nicht nur Staatsrat Stauch anhören. Nachmittags werden Experten des Beratungszentrums für Hygiene als sachverständige Zeugen vernommen.






Dossier zum Hygiene-Skandal

Wie Anfang November bekannt geworden ist, sind im Klinikum Bremen-Mitte mehrere Frühchen am sogenannten ESBL-Keim gestorben. In unserem Online-Dossier sammeln wir die Berichterstattung rund um den Hygiene-Skandal.

Chronlolgie: Resistente Keime im Klinikum

30. April 2011: Der multiresistente Keim wird erstmals auf der Intensivstation für frühgeborene Babys entdeckt.

8. August 2011: Ein Frühchen stirbt an der Infektion. Im August und im September wird der Erreger bei weiteren Babys nachgewiesen.

7. September 2011: Die Klinikleitung informiert das Bremer Gesundheitsamt.

16./27. Oktober 2011: Zwei weitere Kinder sterben.

1. November 2011: Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) wird informiert, das Robert-Koch-Institut (RKI) eingeschaltet.

7. November 2011: Die Klinik startet mit der Desinfektion der betroffenen Intensivstation. 15 Babys werden verlegt.

15. November 2011: Der Chefarzt der Kinderklinik wird entlassen.

18. November 2011: Die Bürgerschaft in Bremen setzt einstimmig einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss ein.

1. Dezember 2011: Die RKI-Experten legen ihren Bericht vor. Sie können nicht mehr feststellen, was die tödliche Infektionswelle auf der Frühchenstation ausgelöst hat.

20. Dezember 2011: Auf der Frühchenstation wurde schlampig dokumentiert, Meldepflichten wurden missachtet. Zu diesem Schluss kommt ein Untersuchungsbericht von Staatsrat Matthias Stauch.

9. Januar 2012: Die Klinik eröffnet die Frühchenstation wieder.

23. Februar 2012: Wieder werden Darmkeime bei Frühchen nachgewiesen.

24. Februar 2012: Für die Station gilt ein Aufnahmestopp, Experten des RKI untersuchen die Vorfälle.

28. Februar 2012: Senatorin Jürgens-Pieper lässt prüfen, ob ein anderes Krankenhaus in Bremen für die Intensivbehandlung von Frühchen hergerichtet werden kann.

29. Februar: Zwei Frühchen sterben an Blutvergiftung.

29. Februar: Gesundheitssenatorin Jürgens-Pieper stellt Geno-Chef Diethelm Hansen von seinen Aufgaben frei

01. März: Der Untersuchungsausschuss kündigt an, seine Arbeit fortzusetzen

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