Der Brustkorb des kleinen Jungen hebt und senkt sich in schnellem Rhythmus. „Da ist alles in Ordnung“, sagt die Schwester. „Er schläft.“ Erstaunlich. Denn dieser zweite Tag in seinem Leben spielt sich gewissermaßen unter medialer Beobachtung ab. Grund dafür ist der Ort, an dem der Säugling in seinem Bettchen liegt – die Frühchen- und Neugeborenen-Intensivstation im Klinikum Bremen-Mitte. Es ist die Station, auf der seit April vergangenen Jahres 25 Säuglinge mit einem gefährlichen Darmkeim in Kontakt gekommen sind, neun Kinder erkrankten und drei von ihnen an den Folgen starben.
Der kleine Junge in Zimmer 1 ist der erste und bislang einzige Patient auf der neuen Frühchen-Intensivstation, die gestern nach zwei Monaten wiedereröffnet wurde. Seit Anfang November gab es einen Aufnahmestopp, den die Gesundheitssenatorin nach Bekanntwerden des tödlichen Keimausbruchs vor zwei Monaten verhängt hatte.
„Wir sind erleichtert, dass jetzt wieder Kinder aufgenommen werden können“, sagt Thorsten Körner, der die Station zunächst kommissarisch leitet, bis ein neuer Chefarzt gefunden ist. Die Erleichterung über den Neuanfang ist gepaart mit Anspannung. Das Medieninteresse ist riesig: Im Halbstundentakt werden Kamerateams, Fotografen und Journalisten durch die Patientenzimmer geführt. Hier also sind die winzigen Babys gestorben. Hier hat sich der tödliche Keim ausgebreitet. Ein Zehn-Punkte-Plan für mehr Hygiene, der von Experten des Robert-Koch-Instituts in Berlin und Spezialisten aus Freiburg entwickelt wurde, soll künftig die Wiederholung dieses Szenarios verhindern.
Im Zentrum standen der Umbau der Station sowie die gründliche Desinfektion aller Räume und Oberflächen. Körner: „Decken, Wände und Böden wurden komplett erneuert, alte Schränke und Regale herausgerissen, potenzielle Keimquellen entfernt“, beschreibt Körner die Arbeiten der letzten zwei Monate.
Neu ist auch eine Schleuse am Eingang der Station, wo sich Pflegepersonal, Ärzte und Eltern vor dem Betreten die Hände gründlich desinfizieren müssen. Überall auf der Station hängen Desinfektionsspender, daneben ein Plakat, auf dem in sechs Schritten erklärt ist, wie die fachlich korrekte Desinfektion abläuft. „Ohne regelmäßige Händedesinfektion bringen alle organisatorischen und räumlichen Veränderungen nichts“, stellt der Neonatologe klar. Nach jedem Kontakt mit den winzigen Patienten, die künftig hier wieder versorgt werden sollen, ist die Desinfektion vorgeschrieben. Um die Übertragung von Keimen auf andere Säuglinge zu verhindern.
Aus diesem Grund wurden auch die Durchgänge zwischen den Patientenzimmern geschlossen und die Zahl der Betten von 16 auf 14 reduziert. Auf diese Weise soll mehr Platz zwischen den einzelnen Inkubatoren, den Brutkästen, geschaffen werden. Für jedes Kind gibt es außerdem einen eigenen sogenannten Visitenwagen, in dem sich sämtliches medizinisches Material für einen Tag befindet. „Vorher wurde es zentral in einem Schrank gelagert. Das war unter hygienischen Gesichtspunkten ungünstig“, erklärt Körner.
Ebenso ungünstig war es dem Chefarzt zufolge, dass der Intensivbereich auch über einen weiteren Zugang zur Wochenbettstation verfügte. Über ihn konnten die Mütter direkt und ohne Umwege ihre Kinder erreichen; dieses potenzielle Einfallstor für Keime wurde auf Empfehlung der Hygieneexperten geschlossen.
Zehn-Punkte-Plan für mehr Hygiene
250.000 Euro haben Umbauarbeiten und Desinfektion laut Körner gekostet. „Mit diesen Maßnahmen sind wir besser gegen die Ausbreitung von gefährlichen Klinikkeimen gewappnet. Ganz verhindern können wir sie nicht; aber wir müssen sie schnell erkennen und dafür sorgen, dass sie nicht von einem auf den anderen Patienten überspringen.“ Der Umbau ist Bestandteil eines Zehn-Punkte-Plans für mehr Hygiene, den der Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) im Dezember vorgestellt hatte.
Ein weiterer zentraler Punkt ist laut Körner die Einrichtung eines elektronischen Frühwarnsystems, das künftig sofort Alarm schlagen soll, wenn bestimmte Keime gehäuft auftreten. Körner: „Dieses System ersetzt zeitaufwendiges und umständliches Wälzen von Aktenordnern, in denen solche Befunde aus dem Labor bislang abgeheftet wurden.“ Nach Angaben des Klinikverbundes soll das System bis Ende des ersten Quartals zur Verfügung stehen und demnächst auch in den drei anderen Geno-Kliniken installiert werden.
Mit dem Neustart der neonatologischen Intensivstation hofft der Klinikverbund darauf, verloren gegangenes Vertrauen wiederzuerlangen. Werdende Eltern haben seit Bekanntwerden des Skandals einen Bogen um die Klinik gemacht. „Im November und Dezember hatten wir rund 100 Geburten weniger als sonst“, bestätigt Geno-Sprecher Daniel Goerke. „Gab es vorher vier Geburten an einem Tag, ist es heute eine.“ Auf rund zwei Millionen Euro beziffert der Klinikverbund den bisherigen finanziellen Verlust.
„Wir haben sehr harte Wochen hinter uns“, sagte Geno-Geschäftsführer Diethelm Hansen bei der offiziellen „Wiedereröffnungsfeier“, zu der der Klinikverbund gestern Nachmittag eingeladen hatte. „In dieser Zeit mussten wir feststellen, dass wir nicht alles richtig gemacht haben. Dies hat leider auch der Bericht des Robert-Koch-Instituts bestätigt.“ Die Wiedereröffnung der Station bezeichnete er als wichtiges Signal.





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