„Eine Pflegekraft, die für die Betreuung von mehr als vier Kindern zuständig ist – das ist zu wenig“ – mit diesen Worten kritisierte Klaus-Dieter Zastrow vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) die Personalsituation während des tödlichen Keimausbruchs auf der Frühchenintensivstation im Klinikum Bremen-Mitte.
Der Berliner Hygieneexperte war einer der beiden Sachverständigen, die gestern vom parlamentarischen Untersuchungsausschuss „Krankenhaushygiene“ vernommen wurden. Optimal wäre die Zuständigkeit einer Kraft für zwei bis drei Kinder, damit sie die notwendige Zeit für die Versorgung hätten. Zastrow: „Ist die Zeit zu knapp, steigt das Infektionsrisiko.“ Die Experten des Robert-Koch-Instituts (RKI) hätten in ihrem Bericht ein durchschnittliches Betreuungsverhältnis von einer Pflegekraft für vier Kinder zur Zeit des Keimausbruchs genannt.
Zastrow kritisierte außerdem, dass das Klinikum viel zu spät auf den Keimausbruch reagiert hätte: „Bereits nach der ersten Infektion muss der zuständige Krankenhaushygieniker informiert werden. Mit dem Ziel, die Ursache und den Fehler auf der Station zu finden“, schilderte der Hygienefachmann das empfohlene Vorgehen. „Spätestens nach der dritten Infektion handelt es sich um einen Ausbruch, und das Gesundheitsamt muss informiert werden.“ Dies sei im Infektionsschutzgesetz vorgeschrieben.
Dem Krankenhaushygieniker kommt laut Zastrow die herausragende Rolle zu, er sei für die Organisation und Überwachung der Hygiene zuständig. Im Klinikum Mitte sei diese Stelle aber nicht mit einem wie vom Infektionsschutzgesetz vorgeschriebenen Facharzt besetzt gewesen, sondern mit einen Diplom-Biologen. Dieser sei mit der Situation überfordert, weil er die ärztlichen Behandlungen und bestimmte Ereignisse nicht beurteilen könne. „Da können Sie auch die Stewardess fliegen lassen, weil sie oft genug dabei war.“ Die Verantwortung trage die Klinikleitung.
Kritik übte Zastrow zudem an der Hygienesituation auf der Frühchen-Station. „Es ist absolut tabu, dass das Pflegepersonal Schmuck wie Ringe, Armkettchen oder Uhren an den Händen tragen oder künstliche Fingernägel haben. Dies sind Stellen, wo sich gefährliche Keime ansammeln können, auch eine noch so gründliche Desinfektion ist da wirkungslos.“ Dieses Bild habe sich aber den Experten des Freiburger Hygieneinstituts während einer Begehung geboten, wie in ihrem Bericht zu lesen sei.
Auch den Zehn-Punkte-Plan für mehr Hygiene, den der Klinikbetreiber Gesundheit Nord (Geno) vorgestellt hat, sieht Zastrow kritisch: „Es ist gut, dass die Veränderungen jetzt vorgenommen wurden, aber es handelt sich dabei um Selbstverständlichkeiten und keine Neuerungen.“ Als Beispiel nennt er die baulichen Veränderungen wie das Herausreißen alter Bodenbeläge. Zastrow: „Teppichböden sind schon seit 1976 nicht mehr üblich, außerdem müssen alle Oberflächen desinfizierbar sein.“ Viele Punkte hätten schon vor 20 Jahren umgesetzt werden können.
Keimfälle schneller melden
Dass die Geno Veränderungen vorgenommen hat, bewertete auch Thomas Eikmann, Leiter des Instituts für Hygiene- und Umweltmedizin an der Universitätsklinik Gießen, positiv. Vor allem müssten Keimfunde schneller mitgeteilt werden, sagte er. Eikmann kennt die Vorgänge nur aus den Berichten der Experten des RKI, der Freiburger Experten des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene und des Bremer Justizstaatsrats Matthias Stauch. Und im Bericht des Staatsrats stieß er dann auf etwas, das ihn jetzt das Klinikum Mitte recht deutlich kritisieren lässt.
So habe es bereits von Januar bis März einen anderen multiresistenten Keim auf der Station gegeben. „Schon da wäre die Frage gewesen, ob auf der Station hygienisch alles in Ordnung ist“, sagte Eikmann. Spätestens als dann auf derselben Station Ende April die ersten Fälle von Klebsiella-Befall aufgetreten seien, hätte die Klinik aber anders handeln müssen, als sie es getan habe. „Man hätte schneller und intensiver auf diese Situation reagieren müssen“, erklärte Eikmann – bis hin zur teilweisen oder kompletten Schließung der Station. Seine Einschätzung fiel dementsprechend hart aus: „Aus der Distanz muss man sagen, dass das Handling der Vorfälle nicht sehr professionell war.“
Auch Eikmann hält das Verhältnis von Pflegekräften und Patienten für einen entscheidenden Faktor zur Verhütung von Infektionen. Allerdings ist es für ihn nur ein Faktor unter mehreren in einem komplexen Gebilde. Ein Beharren auf dem Personalschlüssel allein sei ihm zu bürokratisch, erklärte er – und fügte der Debatte um die personelle Ausstattung eine neue Facette hinzu.
Denn er diskutierte mit den Abgeordneten auch den Mangel an qualifiziertem Fachpersonal. „Wir haben bei Weitem nicht genug qualifizierte Fachärzte für Umwelt- und Hygienemedizin“, erklärte Eikmann. Derzeit gebe es Überlegungen, wie man rasch Ärzte entsprechend fortbilden könnte. Eine einheitliche Regelung gebe es aber noch nicht. Ohnehin sei es einerseits Sache der Landesärztekammern, festzulegen welche Anforderungen ein Arzt für die Fortbildungen erfüllen muss. Andererseits müsse die Politik in den Krankenhaushygieneverordnungen der Länder entsprechende Forderungen formulieren. Vor diesem Hintergrund kritisierte auch Eikmann, dass der Krankenhaushygieniker im Klinikum Mitte nur Mikrobiologe war.
Der Untersuchungsausschuss setzt seine Arbeit am 19. Januar mit der Befragung von Staatsrat Matthias Stauch und den Experten des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene fort. Zudem will er sich bei einem Ortstermin einen Eindruck der neueröffneten Frühchenstation verschaffen.





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