Untersuchungsausschuss zu Klinikkeimen in Bremen

 - 08.02.2012

Debatte um Angaben auf Totenscheinen

Von Sabine Doll
Bremen. Der Untersuchungsausschuss "Krankenhauskeime" hat sich am Mittwoch mit der Frage beschäftigt, ob es sich bei dem Tod der Frühchen auf der neonatologischen Intensivstation im Klinikum Bremen-Mitte um eine nicht-natürliche Todesursache handelte und ob bei anderen Angaben die Ausbreitung des gefährlichen Keims hätte verhindert werden können. Wie berichtet, waren zwischen April und November vergangenen Jahres drei Kinder an einer Infektion mit einem Keim der Gattung Klebsiella gestorben, die Staatsanwaltschaft untersucht drei weitere Todesfälle.
Gerichtsmediziner Michael Birkholz wurde als einer von vier Experten gehört.
Gerichtsmediziner Michael Birkholz wurde als einer von vier Experten gehört.

Bei allen Fällen war von den Ärzten auf der Station eine natürliche Todesursache auf dem Totenschein angegeben worden. "Wenn man von einem Einzelfall ausgeht, ist es plausibel, dass eine natürliche Todesursache angekreuzt wurde", sagte Klaus Junker vom Institut für Pathologie am Klinikum Mitte auf die Frage der Ausschussmitglieder.

Diese Einschätzung sorgte für Nachfragen, da das Gesundheitsamt am 8. September über den Keimausbruch - der Erreger war zu diesem Zeitpunkt bei mehreren Kindern nachgewiesen - und einen Todesfall von der Klinik informiert wurde. Am 1. November verhängte die Gesundheitsbehörde einen Aufnahmestopp für die Station und die Öffentlichkeit wurde über drei Todesfälle informiert.

Junker hatte Gewebeproben von vier Kindern untersucht, bei zwei weiteren nahm er zur Klärung der Todesursache eine Obduktion vor. Lediglich bei dem am 27. Oktober gestorbenen Kind sei von den Ärzten eine bakterielle Sepsis aufgrund einer Keim-Infektion angegeben worden.

An die Frage, ob es sich bei einem Keimausbruch um eine nicht natürliche Todesursache handelt, knüpfte Michael Birkholz, Leiter des Instituts für Rechts- und Verkehrsmedizinin Bremen, einige Voraussetzungen: Grundsätzlich existiere keine Meldepflicht. Es sei denn, es gebe Hinweise für "schuldhaftes Verhalten". Dabei reichten bereits geringe Anhaltspunkte aus. "Dies kann sein, wenn etwa die Hygiene vernachlässigt, oder darauf aufmerksam gemacht wird, dass sie durch Personalengpässe nicht geleistet werden kann", gab Birkholz an. In Brandbriefen hatten bereits im Frühjahr Ärzte und Pfleger der Station auf Personalprobleme hingewiesen. Birkholz plädierte dafür, dass es sich bei dem mit der Leichenschau betrauten Mediziner und dem behandelnden Arzt nicht um ein- und dieselbe Person handeln dürfe: "Der Gesetzgeber lässt dies zu."






Dossier zum Hygiene-Skandal

Wie Anfang November bekannt geworden ist, sind im Klinikum Bremen-Mitte mehrere Frühchen am sogenannten ESBL-Keim gestorben. In unserem Online-Dossier sammeln wir die Berichterstattung rund um den Hygiene-Skandal.

Chronlolgie: Resistente Keime im Klinikum

30. April 2011: Der multiresistente Keim wird erstmals auf der Intensivstation für frühgeborene Babys entdeckt.

8. August 2011: Ein Frühchen stirbt an der Infektion. Im August und im September wird der Erreger bei weiteren Babys nachgewiesen.

7. September 2011: Die Klinikleitung informiert das Bremer Gesundheitsamt.

16./27. Oktober 2011: Zwei weitere Kinder sterben.

1. November 2011: Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) wird informiert, das Robert-Koch-Institut (RKI) eingeschaltet.

7. November 2011: Die Klinik startet mit der Desinfektion der betroffenen Intensivstation. 15 Babys werden verlegt.

15. November 2011: Der Chefarzt der Kinderklinik wird entlassen.

18. November 2011: Die Bürgerschaft in Bremen setzt einstimmig einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss ein.

1. Dezember 2011: Die RKI-Experten legen ihren Bericht vor. Sie können nicht mehr feststellen, was die tödliche Infektionswelle auf der Frühchenstation ausgelöst hat.

20. Dezember 2011: Auf der Frühchenstation wurde schlampig dokumentiert, Meldepflichten wurden missachtet. Zu diesem Schluss kommt ein Untersuchungsbericht von Staatsrat Matthias Stauch.

9. Januar 2012: Die Klinik eröffnet die Frühchenstation wieder.

23. Februar 2012: Wieder werden Darmkeime bei Frühchen nachgewiesen.

24. Februar 2012: Für die Station gilt ein Aufnahmestopp, Experten des RKI untersuchen die Vorfälle.

28. Februar 2012: Senatorin Jürgens-Pieper lässt prüfen, ob ein anderes Krankenhaus in Bremen für die Intensivbehandlung von Frühchen hergerichtet werden kann.

29. Februar: Zwei Frühchen sterben an Blutvergiftung.

29. Februar: Gesundheitssenatorin Jürgens-Pieper stellt Geno-Chef Diethelm Hansen von seinen Aufgaben frei

01. März: Der Untersuchungsausschuss kündigt an, seine Arbeit fortzusetzen

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