Untersuchungsausschuss Klinikkeime

 - 17.02.2012

Staatsanwaltschaft wird zum Frühchen-Tod befragt

Von Matthias Lüdecke
Bremen. Der Untersuchungsausschuss "Krankenhauskeime" hat sich am Donnerstag auch mit den Befunden der mit einem multiresistenten Darmkeim infizierten Frühchen beschäftigt. Die Abgeordneten hörten dazu unter anderem die Geschäftsführerin und ärztliche Leiterin des Bremer Zentrums für Laboratoriumsmedizin, Mariam Klouche. Das Zentrum ist ein Gemeinschaftsunternehmen des Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno), der auch das Klinikum Bremen-Mitte betreibt, und des Laborarztverbundes LADR. Das Zentrum führt die gesamte Labormedizin für das Klinikum Mitte durch.

In dieser Funktion hatte die Einrichtung auch mit den ESBL-Klebsiella-Keimen zu tun, mit denen sich von April bis Oktober 2011 mindestens neun Frühchen auf der Frühgeborenen-Intensivstation des Klinikums infizierten, drei von ihnen starben an den Folgen. Den Nachweis des Keims hat in diesen Fällen das Zentrum für Laboratoriumsmedizin erbracht. Die Klärung der Frage, ob es zu einem Ausbruch des Keims gekommen ist und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden müssen, liege jedoch nicht in der Verantwortung des Labors, betonte Klouche. Dort würden die Proben untersucht und an die Station, aus der sie kommen, zurückgeschickt.

In bestimmten Fällen unterliege das Labor selbst einer gesetzlichen Meldepflicht an das Gesundheitsamt. In anderen Fällen liege die Meldepflicht bei der Station. Die Befunde seien dann mit einem entsprechenden Hinweis versehen und würden automatisch als Kopie an die Hygienefachkräfte geschickt. Ob dann Maßnahmen eingeleitet würden, könne das Labor aber nicht überprüfen, sagte Klouche auf Nachfrage und verwies auf die gut 1000 erfassungspflichtigen Befunde pro Jahr - und die strikte Aufgabentrennung zwischen Klinik und Labor.

Eine interessante neue Facette fügte Klouche aber der Frage hinzu, ob und wann es sich um einen Ausbruch des ESBL-Keims gehandelt hat. In den Details der Befunde nämlich finden sich Hinweise darauf, dass es nicht immer derselbe Bakterienstamm gewesen sein muss. Denn die Mediziner im Labor untersuchen nicht nur, welcher Art der Keim ist. Sie untersuchen auch, auf welche Antibiotika er resistent ist. Das dient auch der weiteren Therapie, denn so können die Mediziner im Krankenhaus auch sehen, welche Medikamente gegen den Keim noch wirksam sind. Das Labor teilt den Keim dazu in drei Kategorien ein.

Bei Frühchen, die sich im Zeitraum von August bis September auf der Station im Klinikum Mitte mit ESBL-Klebsiellen infiziert haben wurden im Labor nun unterschiedliche Resistenzen festgestellt. Und diese Unterschiedlichkeit in der Resistenz bei einem bestimmten Antibiotikum deutet zumindest darauf hin, dass der Keim nicht demselben Stamm entsprechen könnte.

"Man muss in diesen Fällen die DNA der Stämme untersuchen, um die Aussage treffen zu können, dass es zum Ausbruch eines Keims mit demselben Stamm gekommen ist", sagte Klouche - und lässt damit die Auffassung des ehemaligen Leiters der Station und der Professor-Hess-Kinderklinik zumindest wieder diskutabel erscheinen. Huppertz hatte in einer Mail geschrieben, er halte es noch für zu früh von einem Ausbruch zu sprechen - einen Tag bevor eine Kollegin das Gesundheitsamt informierte. (mit Material von dpa)






Dossier zum Hygiene-Skandal

Wie Anfang November bekannt geworden ist, sind im Klinikum Bremen-Mitte mehrere Frühchen am sogenannten ESBL-Keim gestorben. In unserem Online-Dossier sammeln wir die Berichterstattung rund um den Hygiene-Skandal.

Chronlolgie: Resistente Keime im Klinikum

30. April 2011: Der multiresistente Keim wird erstmals auf der Intensivstation für frühgeborene Babys entdeckt.

8. August 2011: Ein Frühchen stirbt an der Infektion. Im August und im September wird der Erreger bei weiteren Babys nachgewiesen.

7. September 2011: Die Klinikleitung informiert das Bremer Gesundheitsamt.

16./27. Oktober 2011: Zwei weitere Kinder sterben.

1. November 2011: Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) wird informiert, das Robert-Koch-Institut (RKI) eingeschaltet.

7. November 2011: Die Klinik startet mit der Desinfektion der betroffenen Intensivstation. 15 Babys werden verlegt.

15. November 2011: Der Chefarzt der Kinderklinik wird entlassen.

18. November 2011: Die Bürgerschaft in Bremen setzt einstimmig einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss ein.

1. Dezember 2011: Die RKI-Experten legen ihren Bericht vor. Sie können nicht mehr feststellen, was die tödliche Infektionswelle auf der Frühchenstation ausgelöst hat.

20. Dezember 2011: Auf der Frühchenstation wurde schlampig dokumentiert, Meldepflichten wurden missachtet. Zu diesem Schluss kommt ein Untersuchungsbericht von Staatsrat Matthias Stauch.

9. Januar 2012: Die Klinik eröffnet die Frühchenstation wieder.

23. Februar 2012: Wieder werden Darmkeime bei Frühchen nachgewiesen.

24. Februar 2012: Für die Station gilt ein Aufnahmestopp, Experten des RKI untersuchen die Vorfälle.

28. Februar 2012: Senatorin Jürgens-Pieper lässt prüfen, ob ein anderes Krankenhaus in Bremen für die Intensivbehandlung von Frühchen hergerichtet werden kann.

29. Februar: Zwei Frühchen sterben an Blutvergiftung.

29. Februar: Gesundheitssenatorin Jürgens-Pieper stellt Geno-Chef Diethelm Hansen von seinen Aufgaben frei

01. März: Der Untersuchungsausschuss kündigt an, seine Arbeit fortzusetzen

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