Stadtführungen durch Bremen (Teil 18)

 - 16.09.2011

Rundgang zeigt Bremens erotische Seiten

Von Barbara Debinska
Bremen. Seriös aber ungeniert zeigt der Historiker Andreas Calic auf seinem Rundgang die erotischen Seiten Bremens. Nackte Wesen am calvinistischen Rathaus, Sex-Spielzeug vor dem Hochzeitshaus, der Schwule Karl Heinrich Ulrichs, nach dem im Viertel ein Platz benannt worden ist, und die Helenenstraße sind nur einige der Stationen auf der Tour „Liebe, Lust und Leidenschaft“.
Am Bremer Rathaus finden aufmerksame Beabachter so manche erotische Darstellung in Stein gemeißelt.
Am Bremer Rathaus finden aufmerksame Beobachter so manche erotische Darstellung in Stein gemeißelt.

Andreas Calic beginnt seine Tour auf dem Bremer Marktplatz mit Blick auf das Rathaus. Die calvinistische Fassade des Unesco-Weltkulturerbes ist reich bestückt mit kunstvoll arrangierten Figuren. Zwei auf der linken Seite über den Rundbögen küssen sich innig. Ihre Nacktheit haben sie mit vielen anderen Steinwesen am Rathaus gemein. „Es sind Amor und Venus“, erklärt Calic. Ach so - mögen sich manche Tour-Gäste denken - die dürfen das. Aber bei näherem Betrachten gibt es noch viel mehr gemeißelte Gestalten, die in unsittlichen Posen das Bauwerk zieren.

Einige Meter weiter, vor dem Brautportal an der Nordseite des des St.-Petri Doms, geht der 40-Jährige Gästeführer näher auf die Geschichte und Wissenschaft des Kusses ein. So erläutert er den Kuss im Alten Testament und nennt schließlich Fakten, dass beispielsweise ein durchschnittlicher Kuss aus 67 Milligramm Wasser besteht.

Bei seiner Recherche für den Rundgang von StattReisen Bremen ist Calic im Bremer Staatsarchiv auf einen Briefwechsel zwischen Bremens ehemaligem Bürgermeister Johann Smidt und seiner Schwester gestoßen, aus einer Zeit als der junge Smidt noch studierte. Darin möchte seine Schwester von ihm wissen, wer um ihre Hand angehalten hat. Das Handanhalten folgte Ende des 18. Jahrhunderts noch strengen Regeln, die in dem Briefwechsel greifbar werden. Ein Darsteller liest die Briefe den Gästen auf dem Rundgang im Innenhof des Bremer Landgerichts vor.

Neben all der Romantik erzählt Calic seinen Gästen im Gerichtshof aber auch vom Mordfall Carmen Kampa – einem Sexualverbrechen aus dem Jahr 1971, das erst kürzlich vollständig aufgeklärt worden ist. Eine verloren geglaubte DNA-Spur brachte letzte Gewissheit, dass der Wachmann Hermann R., inzwischen verstorben, die 17-Jährige damals vergewaltigt und ermordet hatte. Als Hauptverdächtiger war damals jedoch der homosexuelle Otto Becker verurteilt und nach einem sensationellen Revisionsverfahren wieder freigesprochen worden. Anhand dieses Falls thematisiert der Historiker Calic Vorurteile gegenüber Homosexuellen.

Anschließend geht es in den Schnoor, wo man erfährt, warum Erzbischof Albert II. von Bremen-Hamburg seine Männlichkeit in einer Badestube öffentlich zur Schau stellen musste und was Intersexualität bedeutet. Ein paar Schritte weiter wird die Geschichte des Hochzeithauses im Schnoor erzählt. Und spätestens hier wird manch ein Gast rot vor Scham – nicht wegen des Hochzeithauses oder der Hochzeitsnächte darin – sondern wegen eines Sexspielzeugs, das der Gästeführer in die Runde reicht, und dessen Zeck nicht für jeden gleich auf den ersten Blick ersichtlich ist. Das Produkt der Bremer Fun Factory hat nämlich ein sehr elegant Design.

Auf dem Weg zum Ulrichsplatz ins Viertel haben alle Zeit, sich nach dem Erlebnis im Schnoor wieder zu beruhigen. An diesem recht unscheinbaren aber sehr beliebten Platz im Ostertor berichtet Calic von Karl Heinrich Ulrichs, der den Titel „Der erste Schwule der Weltgeschichte“ bekam, weil sich der deutsche Jurist im 19. Jahrhundert erstmals öffentlich für Schwule eingesetzt hatte. Auf der Tour erfährt man, warum dem Mann im Jahr 2000 in Bremen ein ganzer Platz gewidmet wurde, und warum es keine einzige Adresse mit einer zugehörigen Hausnummer am Ulrichsplatz gibt.

Erste Kontrollstraße weltweit

Schließlich führt die Tour zur Helenenstraße, der Bremer Rotlichtmeile. „Die Helenenstraße war die erste sogenannte Kontrollstraße weltweit“, erklärt Calic. Auf Initiative des Senats der Stadt sei 1878 die Rotlichtmeile eingerichtet worden, um Prostitution unter Kontrolle zu bringen. Innerhalb eines Jahres seien Prostituierte in die Häuser gezogen, die zuvor noch von Malern und Postsekretären bewohnt wurden. In der damaligen Zeit sei so eine Einrichtung ein absolutes Novum gewesen – es gab sogar Anfragen aus New York und Moskau nach dem Bremer Konzept.

Im Zweiten Weltkrieg ist ein Großteil der Gebäude in der Helenenstraße zerstört worden. Zum Teil arbeiten die Frauen bis heute in den inzwischen ausgebauten Wintergärten der zerstörten Altbremerhäuser, weil ein Großteil der Gebäude nicht wieder aufgebaut wurde.

Um die zweistündige Tour gutgelaunt abzuschließen, wird am Ende Porno-Ping-Pong gespielt. Was das ist, wird aber an dieser Stelle nicht verraten.

Die letzte offene Führung „Liebe Lust und Leidenschaft“ in dieser Saison findet am 22. September statt. Treffpunkt ist um 19.30 Uhr am Roland am Markt. Die Tour kostet 12 Euro, ermäßigt 11 Euro. Mehr Informationen gibt es unter www.stattreisen-bremen.de






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