Stadtführungen durch Bremen (Teil 19)

 - 23.09.2011

Von Küken-Ragout und Flussneunaugen

Von Regina G. Gruse
Bremen. Bremen hat mehr zu bieten als Knipp und Babbeler. Welche Spezialitäten hier ihren Ursprung haben, wer hinter Fisch Lucie steckt und wie frühere Generationen gekocht und gegessen haben, erfahren Touristen und interessierte Bremen bei der Stadtführung „Essen und Trinken in Bremen.
Der Neptunbrunnen erinnert an den Bremer „Exportschlager“ des Mittelalters: das fischähnliche Neunauge.
Der Neptunbrunnen erinnert an den Bremer „Exportschlager“ des Mittelalters: das fischähnliche Neunauge.

Die Führung „Essen und Trinken“ verläuft vor allem rund ums Bremer Rathaus. „Wir gehen nur wenige Schritte und schon begegnen uns typische Bremer Speisen“, sagt Isabell Müller, Stadtführerin bei Stattreisen Bremen. So ist eine der ersten Stationen direkt am Rathaus. Dort ist eine Frau abgebildet, die eine Henne und Küken im Arm hält. „Geflügel war das Fleisch des Mittelalters“, sagt Müller. Denn Hühner waren günstig in der Haltung und in vielen Formen nutzbar – vom Ei bis zum Suppenhuhn. So sei auch das Bremer Küken-Ragout eine besondere Spezialität gewesen. Heute gibt es dieses Gericht immer noch, dann zumeist allerdings als ein normales Hühnerfrikassee - ohne Küken.

Körbe voller Flussneunaugen

Am Neptunbrunnen erinnert Müller an eine Bremer Spezialität, die es heute nicht mehr gibt. Im Mittelalter war das Flussneunauge wegen seines Fettgehalts sehr begehrt. Man hätte nur einen Korb in die Weser gehalten und schon seien viele der aalähnlichen Tiere gefangen worden. „Man musste sogar aufpassen, dass der Korb nicht zu schwer wurde“, sagt Müller. Inzwischen ist das Neunauge fast ausgestorben und kehrt nur langsam in die Wümme zurück.

Die Geschichte der Fisch Lucie

Indirekt mit Essen hat auch eine Anekdote über die Fischverkäuferin Lucie Flechtmann zu tun. Die Geschichte der Bremerin ist in der Hansestadt recht bekannt. Auf dem Markt habe sie gehört, wie ein Verbrechen begangen wurde. Den Täter konnte sie an seiner Stimme erkennen. Das reichte dem Gericht jedoch nicht: Da sie den Angeklagten nicht gesehen hatte, sollte sie als Zeugin nicht zugelassen werden. „Sie stürmte wütend aus dem Gerichtssaal und knallte die Tür hinter sich zu“, sagt Müller. Das wollte sich der Richter nicht gefallen lassen. Also sei sie zurückgerufen worden, um für ihr respektloses Verhalten bestraft zu werden. Doch das Gericht hatte nicht mit ihrer Schlagfertigkeit gerechnet: Lucie argumentierte, dass der Richter sie ja nicht gesehen, sondern nur gehört hatte. Nach dieser Logik durfte sie schließlich doch noch aussagen.

Zutaten aus aller Welt

Bremen hatte auch früher schon einen Zugang zum Meer und kam so an Nahrungsmittel, die zu dieser Zeit im Süden Deutschlands noch vollkommen unbekannt waren. Durch die Lage Bremens war die Hansestadt wohlhabend. Die Kaufleute konnten sich sogar Steinhäuser leisten. „Diese waren weniger anfällig für Feuer als Holzhäuser“, sagt Müller. Deshalb habe der normale Bremer Bürger auch nicht gekocht. Die Gefahr eines Feuers war zu groß gewesen. Nur wer reich war und in einem Steinhaus lebte, konnte sich eine Köchin leisten. Diese musste dann mit den verschiedensten - ihr oft unbekannten - Zutaten kochen. Die Gästeführerin hat einige davon mitgebracht. Die Gruppe erkennt darunter Wachholder, Sternanis, Kaffee und Kakao.

Der Erfinder von löslichem Kaffee

Ludwig Roselius' Vater war Kaffeeverkäufer. „Er starb an einem Herzinfarkt, weil er jeden Tag so viel Kaffee trank“, erzählt Müller. Deshalb überlegte sich sein Sohn Anfang des vorigen Jahrhunderts, dass es auch Kaffee geben müsste, der besser für das Herz ist. Bald war der koffeinfreie Kaffee erfunden. „Das dauerte ihm aber alles zu lange und so erfand er auch gleich den löslichen Kaffee“, sagt die Stadtführerin. Seine dritte Erfindung habe ihn schließlich reich gemacht: Kaba. Er habe seinen Kaffee nämlich gerne mit ein wenig Kakao getrunken, der sich aber schlecht in Milch auflöste. Deshalb entölte er den Kakao und fügte etwas Zucker hinzu. „Mit dieser Erfindung traf er den Nerv der Zeit“, sagt Müller. Es sei ein Verkaufsschlager gewesen, da es froh machte und Kraft durch den Zucker gab. Das alles sei für wenig Geld zu haben gewesen – ideal zur Zeit der Wirtschaftskrise. Ludwig Roselius habe damit so viel Geld verdient, dass er die Böttcherstraße gestalteten und sie der Stadt schenken konnte.

Weitere Informationen und Termine für die Führung gibt es auf www.stattreisen-bremen.de






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