Stadtteilserie: Folge 5

 - 25.09.2010

Bremer Sanssouci und Babyboom in Schwachhausen

Von Maren Beneke
Bremen. Der Ortsteilname Radio Bremen ist eigentlich schon längst überholt. Vor knapp drei Jahren ist die Rundfunkanstalt umgezogen. Wo früher einmal Musik gespielt und moderiert wurde, entsteht heute eine Reha-Klinik mit 200 Betten. Schwachhausen ist ein Stadtteil im ständigen Wandel.
Alte Villen findet man in Schwachhausen überall.
Alte Villen findet man in Schwachhausen überall.

Was einst als bäuerliches Marschendorf ohne Dorfkern und Kirche entstand, ist heute ein urbanes Viertel, das Tradition und Moderne miteinander verbindet. Nirgendwo sonst lässt sich das besser sehen als in der Wachmannstraße: Typische Altbremer Häuser reihen sich an Gebäude im Stil der 60er-Jahre. Eine Folge des Bombenhagels im Zweiten Weltkrieg. Wo früher vor allem das Bürgertum lebte, wohnt heute die Mittel- und Oberschicht in direkter Nachbarschaft mit jungen Familien und Studenten.

Der Rechtsanwalt, Notar und Buchautor Detlev Gross ist im Ortsteil Schwachhausen aufgewachsen. „In meiner Schulzeit gab es in der Wachmannstraße nicht so viele Läden“, erinnert sich der 53-Jährige. „Heute gibt es hier alles, was man braucht. Deswegen funktioniert die Gemeinschaft.“

Die Wachmannstraße ist für viele Schwachhauser zum Mittelpunkt des alltäglichen Lebens geworden. „Mich erinnert es immer ein wenig an Hamburg-Eppendorf oder den Ostertorsteinweg“, sagt Gross. Gegen Mittag sind viele Mütter mit Kinderwagen auf den Bürgersteigen unterwegs, man trifft sich im Bistro, im Wein-Geschäft oder auf dem Wochenmarkt. In Schwachhausen hat ein regelrechter Baby-Boom eingesetzt – neue Kindergartenplätze müssen auf die Schnelle geschaffen werden und auch eine Wiederbelebung der Oberschule am Barkhof wird angestrebt.

Bremer Häuser prägen den Stadtteil

Architektonisch ist der Stadtteil von den Altbremer Häusern geprägt. Viele von ihnen wurden Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut. Damals noch meist für eine einzige Familie, die sich die Etagen mit ihrem Dienstpersonal geteilt hat. Wegen der großen Räume, der Flügeltüren und der Stuckelemente sind die Häuser bei vielen Wohnungssuchenden sehr begehrt. Gerade in Bürgerparknähe sind die Preise daher in den vergangenen fünf Jahren in die Höhe geschossen. Aus den Häusern sind richtige Liebhaberstücke geworden, die häufig nur unter der Hand den Besitzer wechseln.

Auch Detlev Gross ist in einem typischen Altbremer Haus aufgewachsen. Wo heute Patentanwälte ihre Kanzlei haben, hat der Schwachhauser als Kind im Haus der Großeltern gelebt. Das Gebäude in der Hollerallee 32 macht mit seinen großen Fenstern, den Erkern und den hohen Decken mächtig Eindruck. Es verbirgt sich aber noch ein weiteres Geheimnis hinter den Mauern: Im ersten Stock gab es ein Zimmer, in dem Gemälde und Erinnerungsstücke von Karl Rudolph Brommy (1804–1860) aufbewahrt wurden.

Gross, ein direkter Nachfahre der Ehefrau des ersten deutschen Admirals, kann diesen Raum noch heute genau beschreiben. „Da stand ein großer Sekretär, und überall gab es Bilder seiner Flotten zu sehen“, sagt er. Die Gegenstände sind mittlerweile in das Braker Schiffahrtsmuseum umgezogen und Gross lebt im Gete-Viertel.

In diesem Teil von Schwachhausen steht mit dem Bremer Sanssouci in der Gravelottestraße eines der wohl faszinierendsten Gebäude der Stadt. Beim Bau im Jahr 1927 wurde das Schloss in Gravelotte zum Vorbild genommen. Von Weitem sieht es tatsächlich aus wie ein einziger großer Gebäudekomplex. Aber wer genauer hinschaut, ist überrascht: Der Bau besteht aus vielen einzelnen Bremer Häusern.

Jedes ist ungefähr sieben Meter breit und hat die typischen sieben Stufen hoch zur Eingangstür. Hier treffen traditionelle auf moderne Elemente. Gleich gegenüber steht ein Neubau, der mit seinen weißen Sprossenfenstern, den grünen Türen und dem dunklen Backstein die Architektur des älteren Gebäudes aufgreift. „Dort war damals die Welt zu Ende“, sagt der 53-Jährige.

Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein prägten große Bauernhöfe den Stadtteil. Ab 1800 errichteten Kaufleute in Schwachhausen ihre Landhäuser, es entstanden Tanzsalons und Gartenlokale. Bis jetzt säumen große Grundstücke mit herrschaftlichen Villen die Schwachhauser Heerstraße. „Menschen, die von außerhalb in die Stadt kamen, sollten sehen, wie schön Bremen ist“, sagt Gross.

So lässt sich auch erklären, warum die Stadtplaner in direkter Nachbarschaft zu diesen Gebäuden oftmals Straßenzüge mit kleineren Häusern bauen ließen. „Dort haben Leute gewohnt, die nicht so viel Geld hatten. Die Stadt wollte keine soziale Trennung“, sagt Gross.

An jene Zeit, in der Bauern das Land in Schwachhausen bestellt haben, erinnern auch die jahrhundertealte Eichen, die noch immer auf einigen Grundstücken zu finden sind. So zum Beispiel vor der Remberti-Kirche, aufgrund ihrer Architektur auch das „Landhaus Gottes“ genannt.

Detlev Gross wurde in dieser Kirche konfirmiert, er denkt gerne an den Pastor zurück, der dort damals gepredigt hat. „Das war ein ehemaliger U-Boot-Kommandant, der während der Konfirmandenfreizeit an der Ostsee noch seine Uniform-Mütze aus der Marinezeit trug. So etwas gibt es wohl auch nur in der Bremer Kirche“, sagt er schmunzelnd.

Direkt an das Gete-Viertel schließt sich der Ortsteil Riensberg an, bekannt vor allem wegen des Friedhofs und des Focke-Museums. Als Kind ist Detlev Gross auf den kleinen Wasserläufen Schlittschuh gelaufen, heute faszinieren ihn die vielen Exponate aus 1200 Jahren Bremer Geschichte im Museum.

Und was wäre Schwachhausen ohne den Bürgerpark? Für Gross ist die Grünanlage eine echte Bremensie – schließlich wird sie nicht vom Staat, sondern allein durch Spenden der Bremer erhalten. Im Jahr 1866 wurde ein großer Teil der Bürgerweide in den Bürgerpark umgewandelt, später der Stadtwald als Erholungsfläche angelegt.

Der Rechtsanwalt geht am Wochenende gern in den Park, am liebsten zum Restaurant Emma am See, das Ende April wiedereröffnet wurde. „Man hat dort einen traumhaften Blick in die Landschaft“, sagt er. Viele Besucher zieht es auch zum Tiergehege.

Gross findet aber auch den neuen lyrischen Pfad reizvoll, der mit Gedichten über Parklandschaften versehen ist. „Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen sagt keine Tafel, was verboten ist“ lautet Gross’ Lieblingszeile von Kurt Tucholsky. „Liest man das und schaut hoch, dann blickt man direkt auf ein Verbotsschild. Das finde ich drollig“, so Gross.

Sogar cineastisch kann Schwachhausen mit anderen Stadtteilen mithalten. Die „Gondel“ an der Schwachhauser Heerstraße nennt sich Filmkunsttheater. „Es wird kein Knallaballa gezeigt“, sagt Detlev Gross. „Alle Filme, die ich in der Gondel gesehen habe, waren niveauvoll.“ Vor dem Kino reiht sich auch noch am späten Abend Hollandrad an Hollandrad, und auch das kleine Bistro in der „Gondel“ ist beliebt.

Schräg gegenüber vom Kino liegt ein weiterer Geheimtipp von Detlev Gross. Der 53-Jährige versichert, dort beim Bäcker gebe es die besten Brötchen der ganzen Stadt. Nicht umsonst sei die Schlange vor dem kleinen Geschäft am Wochenende mehrere Meter lang. „Ich stelle mich auch immer an. Das ist es mir wert“, sagt Gross.

Sendesaal mit erlesenem Programm

Mit dem Umzug von Radio Bremen ist im gleichnamigen Ortsteil 2007 eine Ära zu Ende gegangen. Doch der Sendesaal von Radio Bremen in der Bürgermeister-Spitta-Allee ist weiter in Betrieb – nach längerem Gerangel. Detlev Gross ist seit seiner Schulzeit ein regelmäßiger Gast bei Konzerten in dem 50er-Jahre-Gebäude. Ein Freund hat ihn damals zum Jazz gebracht, und seine Liebe zu dieser Musikrichtung ist geblieben.

Den Charme der Veranstaltungen macht besonders die großartige Akustik aus. Namhafte Musiker wie Stefan Gwildis oder Chick Corea waren bereits zu hören. „Die Atmosphäre ist immer ganz intim“, sagt Gross. „Man hat ein wenig das Gefühl, die Musiker würden im eigenen Wohnzimmer spielen.“

In direkter Nachbarschaft zum Sendesaal entsteht nun die Reha-Klinik. Wenn sie Anfang 2011 eröffnet, wird sich das Publikum in dem Ortsteil wieder von Grund auf verändern. Der Wandel von Schwachhausen ist noch lange nicht abgeschlossen.






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