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Irene Heiner erinnert sich sehr gut an die Zeit, als "Angel" noch nicht bei der Familie aus der Nähe von Aachen war. Das war bis vor zwei Jahren. Irene Heiner schlief jede Nacht bei ihrem heute 19 Jahre alten Sohn Christian im Bett. Der Grund: Christian leidet an einer besonders extremen Form von Epilepsie, die dazu führt, dass er täglich und vor allem nachts mehrere Krampfanfälle durchmacht.
Dabei kann Christian in einen sogenannten Status epilepticus fallen, einen Zustand, in dem Körperfunktionen wie Atmung, Blutdruck und Temperaturregelung ausfallen.Lebensgefahr droht, wenn Christian nicht schnell aus diesem Zustand geholt wird. "Die Gefahr ist nachts besonders groß. Deshalb habe ich mein Leben lang neben Christian im Bett geschlafen - immer im Halbschlaf, damit mir nicht die kleinste Veränderung entgeht", erzählt die Mutter. Christian ist zudem geistig behindert.
Seit 20 Jahren Hundeausbildung
Durch Zufall hat Irene Heiner damals von sogenannten Anfall-Warnhunden erfahren. Dies sind speziell ausgebildete Hunde, die die Vorboten eines epileptischen Anfalls erkennen können - Stunden oder auch schon Tage vorher. "Ein Wunder", sagt Irene Heiner. "Und genau das Richtige für uns." Die Mutter nahm Kontakt zu Erik Kersting auf. In seinem Hundezentrum "canis familiaris" in der Eifel beschäftigt sich Kersting seit mehr als 20 Jahren mit der Ausbildung von Service-Hunden.
Dazu zählen der Blindenführhund, der seine Bezugsperson sicher durch den Alltag führt, der Behindertenbegleithund für Menschen im Rollstuhl, der Therapiehund, der ein autistisches Kind aus dessen Welt holt, der Diabetes-Warnhund, der eine drohende Über- oder Unterzuckerung erkennt, und der Epilepsiehund. "Golden Retriever, Labrador und Pudel sind besonders gut geeignet", sagt Kersting. Der Grund: "Sie bauen eine sehr starke Beziehung zu ihren Schützlingen auf. Durch diese Abhängigkeit erreicht man es schon früh, dass der Hund Anfälle signalisiert. Der Hund muss sich hundertprozentig auf den kranken Menschen einstellen können", erklärt der Trainer.
Ob das Tier die Grundvoraussetzungen für einen Anfall-Warnhund mitbringt, wird bereits in den ersten Lebenstagen getestet. "Wie viel bewegen sich die Welpen? Welche Strecke legen sie zurück, und wie lange brauchen sie dafür? Was für Geräusche machen sie? Wie groß ist die Saugkraft?", nennt Kersting einige Fragen aus dem Test, den er gemeinsam mit Forschern der Universität Budapest entwickelt hat.
Ungarn ist neben Frankreich und den Niederlanden eine Hochburg für Anfall-Warnhunde in Europa. "In Deutschland steckt das Thema immer noch in den Kinderschuhen", sagt Kersting. Dies liegt aus seiner Sicht daran, dass selten darüber berichtet wird und die Betroffenen die Kosten aus eigener Tasche zahlen müssen, in anderen Ländern engagiert sich der Staat.
15000 bis 20000 Euro kostet ein Hund wie "Angel", zwei Jahre intensive Ausbildung liegen dann hinter ihm. Kersting hat bislang 110 Epilepsiehunde ausgebildet - nur zwei für Patienten in Deutschland.Erik Kersting hat die "Stiftung Hunde helfen Leben" gegründet; mit ihrer Hilfe hat die Familie Heiner "Angel" finanziert. Die Golden-Retriever-Hündin weicht nicht mehr von Christians Seite. Seit zwei Jahren ist sie jetzt bei ihm und erkennt zuverlässig die Vorboten eines Epilepsieanfalls. "Dann leckt sie Christian über das Gesicht, bellt und lässt nicht locker." Je näher der Anfall ist, desto auffälliger wird das Verhalten.
"Angel" erspart dem 19-Jährigen auch Klinikaufenthalte: Musste Christian früher mit Hilfe von Notfallmedikamenten aus dem Status epilepticus geholt und danach im Krankenhaus überwacht werden, sind diese Maßnahmen jetzt nicht mehr notwendig. "Angel leckt ihm so lange über das Gesicht, bis er aufwacht", erzählt die Mutter.
"Angel" gibt Sicherheit
Auch wenn es nur ein kurzer Weg ist, aber mit "Angels" Begleitung kann Christian sogar allein zum Einkaufen in den Supermarkt um die Ecke gehen. Draußen trägt die Hündin eine orangefarbene Warnweste. Bei einem nahenden Anfall würde sie Passanten durch Bellen aufmerksam machen oder, wenn genug Zeit bleibt, Christian nach Hause in Sicherheit bringen. "Während eines Anfalls könnte er sich schwer verletzen", erklärt die Mutter.
Woran genau die Hunde erkennen, dass sich ein Epilepsieanfall anbahnt, weiß man nicht genau. "Vermutlich sind es Veränderungen im Verhalten und die Zusammensetzung des Schweißes", sagt Erik Kersting. Gemeinsam mit "Angel", Christian und dessen Mutter wirbt er am kommenden Wochenende auf der "Bremen tierisch" für Service-Hunde.