| Das Wilhelm Kaisen-Quiz » |
Herr Brink, Sie gehen nächstes Jahr in Pension und halten dieses Jahr Ihre letzte Weihnachtspredigt. Was wollen Sie den Menschen noch mitgeben?
Brink: Ich möchte in diesem Jahr über die Klimaerwärmung sprechen. Auch an Weihnachten geht es um einen Klimawandel – allerdings um einen erwünschten Klimawandel. Denn Gott möchte herbeiführen, dass es zwischen den Menschen wärmer wird. Dieser Aspekt der Weihnachtsgeschichte ist mir wichtig, denn ich stelle schon fest, dass es zwischen den Menschen kälter geworden ist.
Worauf führen Sie das zurück?
Brink: Bei der Arbeit geraten die Menschen immer mehr unter Druck und müssen deswegen schon mal die Ellenbogen einsetzen. Darunter leidet das zwischenmenschliche Klima, auch Familien haben nicht mehr so viel Zeit für einander.
Und das ist ein Thema für die Weihnachtspredigt?
Brink: Ja, als das Jesuskind geboren wurde, ist es ja auch wärmer geworden. Die Hirten, die eigentlich außen vor waren, wurden zuerst angesprochen und bekamen dadurch Anerkennung. Das ist etwas ganz Wichtiges, das auch den Bogen in die Gegenwart schlägt, zu den Burnout-Schlagzeilen unserer Tage. Ich glaube nicht, dass wir mehr arbeiten als andere Generationen, aber es fehlt die Anerkennung, die Wertschätzung.
Frau Klaus, wäre das auch ein Thema für Ihre Weihnachtspredigt?
Klaus: Die Idee mit dem Klimawandel finde ich super - das Thema kam im letzten Jahr auch in meiner Weihnachtspredigt vor. Generell würde ich Weihnachten aber nicht politisch predigen. Ich frage mich immer, was die Menschen, die in den Gottesdienst kommen, wirklich bewegt. Und ich glaube das ist nicht die Weltpolitik und auch nicht die Weltwirtschaftskrise.
Sondern?
Klaus: Am Heiligabend geht es um weichere Themen. Ich glaube, dass Menschen in der Weihnachtszeit sehr stark auf ihr eigenes Leben blicken und nicht auf die große Weltpolitik. Das ist vielleicht an Silvester ein Thema. Aber an Weihnachten geht es um das eigene, private Leben.
Und was ist mit der Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium?
Klaus: Ganz ehrlich: Das ist keine einfache Geschichte - mit der Jungfrau, der Gottesgebärerin. Und trotzdem wollen die Menschen im Heiligabend-Gottesdienst genau diesen Text im Luther-Deutsch hören…
Sind Sie sich da sicher?
Klaus: Ja, diese Erwartungshaltung bekomme ich immer wieder zu hören. Das hat viel mit Tradition zu tun, so wie das gesamte Weihnachtsfest. Bestimmte Dinge dürfen von Weihnachten einfach nicht weggenommen werden. Die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium gehört genauso dazu wie die Vanillekipferl und Zimtsterne. Ich glaube, dass die Menschen, die nur Weihnachten in die Kirche kommen, erschrocken wären, wenn der Engel in der Weihnachtsgeschichte plötzlich nicht mehr sagen würde: „Fürchtet euch nicht, euch ist heute der Heiland geboren“. Klar, das ist ein fürchterliches Engel-Deutsch. Aber das gehört zu Weihnachten, genauso wie „Oh du Fröhliche“ und „Stille Nacht“.
Sie persönlich könnten also auf die Weihnachtsgeschichte verzichten?
Klaus: Ja, ich bräuchte Sie nicht unbedingt. Aber ich füge mich in das Traditionsgeflecht ein. An Weihnachten gibt es das Lukas-Evangelium und auch die alten Lieder.
Herr Brink, gab in Ihrer Berufslaufbahn als Pastor auch Momente, in denen Sie am liebsten auf die Weihnachtsgeschichte oder „Stille Nacht“ verzichtet hätten?
Brink: Es hat bei mir bestimmt 20 Jahre gedauert, bis in meinen Gottesdiensten das erste Mal „Stille Nacht“ gesungen wurde. Ich konnte den Text des Liedes nicht mit der Weihnachtsbotschaft zusammenbringen, weil es da ja nicht um einen "holden Knaben im lockigen Haar" geht, sondern um Gottes Menschwerdung in unserer kalten Welt.
Und wie ist das heute?
Brink: Heute kann ich die traditionellen Erwartungen der Gottesdienstbesucher einerseits erfüllen und andererseits in der Predigt eigene Akzente setzen. Ich will in erster Linie Freude rüberbringen. Ich möchte, dass die Menschen sich im Gottesdienst wohlfühlen. Deswegen lese ich auch gerne aus dem Lukas-Evangelium vor. Die Besucher haben das Recht, die Botschaft von der Freude zu hören. Und ich glaube, die Weihnachtsgeschichte würde mir sonst selbst fehlen.
Wie sieht es denn mit den Erwartungen an die Predigt aus? Wollen die Leute heute etwas anderes hören als zu Beginn ihrer Pastorenlaufbahn?
Brink: Auf jeden Fall. Früher war Weihnachten ein Fest, an dem man als Pastor in der Kirche politisch ganz konkret Position bezogen hat – und das haben die Leute auch erwartet. Ein Pastor musste zeigen, wo er politisch steht. Das ist heute nicht mehr so. Die Frage ist: Was stellen wir an die Stelle, wo wir früher konkret Stellung genommen haben? Ich frage mich häufig, ob wir konkret genug sind, dass wir nicht ins Allgemeine abrutschen.
Im zweiten Teil des Interviews, den wir heute im Laufe des Tages online stellen, lesen Sie unter anderem, was die beiden Pastoren über althergebrachte Formulierungen in der Weihnachtsgeschenke denken und ob Sie selbst schon mal an der Geburt von Bethlehem gezweifelt haben.
Das Gespräch bildet den ersten Teil unserer Serie „Glaube – Liebe – Hoffnung“, die WESER-KURIER Online am Heiligabend und den beiden Feiertagen präsentiert. Unsere Redakteure sprechen mit Experten über zentrale Fragen der Feiertage. Die nächsten Folgen: Wie hält die Liebe den Weihnachtsstress aus? (25. Dezember). Und: Warum schmieden wir gerade zum Jahreswechsel Pläne und hegen Hoffnungen? (26. Dezember).


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