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Zum Weihnachtsgottesdienst kommen ja einerseits diejenigen, die oft in die Kirche gehen und andererseits diejenigen, die nur Weihnachten kommen. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen diesen beiden Gruppen?
Klaus: Ich unterscheide da nicht. Ich predige jeden Sonntag so, also hätte sich aus Versehen ein Schäfchen aus der Weihnachtsgemeinde in die Kirche verirrt. Mir ist es ganz wichtig, dass Gottesdienste frei von Floskeln sind.
Was für Floskeln?
Klaus: Da gibt es einige: Zum Beispiel: „Die Gnade Gottes sei mit dir“ oder „Der Heiland ist für deine Sünden gestorben“ oder „Ich verkündige euch heute große Freud“ – niemand spricht heute noch so, und man versteht es kaum noch. Die Bibelsprache ist manchmal so fremd. Das versuche ich in meinen Predigten zu vermeiden – nicht nur an Weihnachten.
Herr Brink, haben Sie den Anspruch, diejenigen, die nur am Heiligabend in die Kirche kommen, zu überzeugen, öfter die Gottesdienste zu besuchen?
Brink: Nein, das ist überhaupt nicht mein Interesse. Ich bin kein missionarischer Typ. Ich predige auch nicht anders zu Gemeindemitgliedern, die jeden Sonntag da sind und zu denen, die nur am Heiligabend kommen. Die Weihnachtsgeschichte wendet sich nicht an Insider. Das ist eine Botschaft, die für alle Menschen da ist. Ich versuche die Menschen mit meiner Predigt da abzuholen, wo sie gerade sind. Aber natürlich ist die Heiligabend-Gemeinde eine andere als die Sonntagsgemeinde.
Heißt das, dass Sie an Heiligabend nicht so religiös predigen?
Brink: An Weihnachten geht es um den Menschen. Gott ist schließlich Mensch geworden, er will nicht Gott sein ohne uns Menschen. Wenn ich nur von jemandem da oben im Himmel erzählen würde, dann hätte ich Weihnachten nicht verstanden.
Klaus: Ich habe das Gefühl, dass die Weihnachtsgeschichte zu Weihnachten dazugehört, aber nicht das hauptsächliche Thema ist. Ich versuche den Menschen an Weihnachten näher zu bringen, dass es etwas Größeres gibt, in dem unser Leben aufgefangen ist.
Meinen Sie Gott?
Das kann man Gott nennen, muss man aber nicht. Vielleicht reicht es schon, wenn jeder Mensch an Weihnachten sagen kann: Es gibt etwas in meinem Leben, für das es sich lohnt, zu kämpfen. Und ich gebe nicht auf, ich höre nicht auf daran zu glauben, dass mein Leben einen Sinn hat. Ein gläubiger Mensch sagt dann: Komme was will, ich weiß dass ich nicht allein gehen muss, dass Gott bei mir ist.
Was für ein Gottesbild vermitteln Sie?
Klaus: Ich glaube nicht, dass Gott der große Weltenlenker ist, der mit weißem Rauschebart im Himmel sitzt. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott einfach nur fühlbar ist – ohne Bild und Bart.
Herr Brink, ist es Ihnen schon mal schwer gefallen, sich eine Weihnachtspredigt auszudenken?
Brink: Ja, als es mir persönlich nicht gut ging. Da konnte ich von der Weihnachtsfreude eigentlich nur predigen, indem ich sie mir selbst durch die Weihnachtsgeschichte zusprechen ließ. Ich musste mir Mut machen lassen und habe dann versucht, diesen Mut weiter zu geben. Schließlich musste ich das, was ich predige, auch aus eigener Erfahrung bestätigen können. Und das war in jener Zeit nicht so einfach.
Haben Sie denn eigentlich schon mal am Inhalt der Weihnachtsgeschichte gezweifelt?
Klaus: Ja, aber ich finde das nicht schlimm. Sie ist eher wie ein schönes Märchen zu verstehen, wie Sterntaler vielleicht. Lukas war schließlich kein Historiker, sondern Schriftsteller. Er hat sich für seine Zeit viel Mühe gegeben, eine schöne Geschichte zu erzählen. Jeder sollte verstehen, dass Jesus ein wirklich wichtiger Mensch gewesen ist. Und dass man heute daran zweifelt, finde ich gerechtfertigt. Ich kenne viele, die sich an der Geschichte mit der Jungfrau stoßen.
Brink: Lukas hat eine Geschichte erzählt, mit Bildern, die damals geläufig waren. Die Jungfrauengeburt war ein geläufiges Erklärungsschema dafür, dass Gott Mensch wird. Außerdem wurde die Frage mit der Jungfrauengeburt doch schon in den 60er Jahren geklärt….
Klaus: Ja, die Theologen haben das vielleicht geklärt. Aber für Menschen, die nicht Theologie studiert haben, ist das immer noch unverständlich.
Brink: Aber wie will man die Menschwerdung Gottes sonst erklären? Darüber kann man nur in Bildern sprechen. Heute hätten wir natürlich andere…
Also doch ein Märchen mit Bildern und Symbolen?
Brink: Nein, mit Sterntaler kann man die Weihnachtsgeschichte nicht vergleichen. Das ist eine Geschichte, die 2000 Jahre viele Menschen bewegt hat und ihnen geholfen hat, mit dem Leben klar zu kommen. Ich nehme diese Geschichte nicht wortwörtlich, aber die Aussage, die dahinter steht, die glaube ich: Gott wird Mensch, damit die Menschen menschlich werden, menschlich miteinander umgehen. Jesus hat sich um die Kranken gekümmert, auf Gewalt verzichtet, das sind alles Dinge die ich verstehe, mit denen ich etwas anfangen kann.
Klaus: Aber die Menschen waren ja auch schon vor Jesus menschlich. Allerdings konnten viele Menschen damals aufgrund ihrer Abstammung nicht an Gott glauben. Ich würde daher weniger betonen, dass Gott Jesus in die Welt gebracht hat, sondern, dass Jesus Gott in die Welt gebracht hat. Jesus hat es möglich gemacht, dass Menschen etwas mit Gott anfangen konnten, die zuvor keinen Bezug zu ihm hatten.
Zum Abschluss: Was sagen Sie Menschen, die noch überlegen, ob sie Weihnachten in die Kirche gehen sollen?
Klaus: Kommen Sie ruhig. Es kann nicht schaden.
Brink: Ja, kommen Sie auf jeden Fall. Ich würde davon ausgehen, dass Sie bestimmt mit einem neuen Gedanken, einer guten Idee oder einem wohltuendem Wort wieder rausgehen werden.
Das Gespräch bildet den ersten Teil unserer Serie „Glaube – Liebe – Hoffnung“, die WESER-KURIER Online am Heiligabend und den beiden Feiertagen präsentiert. Unsere Redakteure sprechen mit Experten über zentrale Fragen der Feiertage. Die nächsten Folgen: Wie hält die Liebe den Weihnachtsstress aus? (25. Dezember). Warum schmieden wir gerade zum Jahreswechsel Pläne und hegen Hoffnungen? (26. Dezember).


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