Weihnachts-Serie (Teil 4)

 - 23.12.2011

Geschenke-Klassikern auf der Spur: Steiff-Tiere

Von Arno Schupp
Giengen . Der Bär ist überall. Giengen ist eine 20.000-Seelen-Stadt, in der sich fast alles um ein plüschiges Imperium dreht. Die kleine Stadt lebt Steiff. Sie macht das zum Beispiel im Steiff-Museum oder auf dem Weg vom Bahnhof in die Innenstadt, der von roten Bärentatzen markiert wird, die auf den Asphalt gemalt worden sind.
Alt-Bärenriege: So sehen die Plüschgesellen der ersten Stunde aus, als der Teddy einfach nur Bär hieß.
Alt-Bärenriege: So sehen die Plüschgesellen der ersten Stunde aus, als der Teddy einfach nur Bär hieß.

Und dann ist da noch die kleine Fußgängerzone – von Bären gesäumt, mit unzähligen Schaufenstern, die mit Stofftieren dekoriert sind. In Giengen ist man stolz auf Steiff, denn hier hat sie begonnen, die Geschichte der Bären mit dem berühmten Knopf im Ohr, und hier werden sie noch heute produziert. 1,5 Millionen Exemplare werden pro Jahr verkauft, das Tier ist zum Sammlerobjekt geworden und hat in Kinderzimmern sowie auf Gabentischen einen festen Platz – wie es sich für einen Weihnachtsklassiker gehört.

Steiff, das ist die Geschichte des Teddybären – und die eines kleinen Elefanten, aber dazu später mehr, denn erst einmal ist Steiff die Geschichte einer jungen Frau, die sich nicht mit dem begnügen wollte, was die Zeit für sie bereitgehalten hat: Es ist die Geschichte von Margarete Steiff.

1847 wurde die Firmengründerin in Giengen geboren. Sie ist noch keine zwei Jahre alt, als sie plötzlich hohes Fieber bekommt. Als die akute Krankheit abklingt, kann sie ihre Beine nicht mehr bewegen, den rechten Arm nur noch unter Schmerzen. Ihre Eltern schicken sie zu Ärzten, sie kommt in Kurkliniken, doch nichts hilft. Drei Jahre später dann die Diagnose: Kinderlähmung, Mitte des 19. Jahrhundert das Aus für so ziemlich jede berufliche Laufbahn, schon gar bei einer Frau.

Mit dem „Elefäntle“ fing alles an

Doch die junge Margarete will sich damit nicht abfinden. Trotz aller Widrigkeiten besucht sie die Schule, im Leiterwagen lässt sie sich von ihren Geschwistern und Nachbarskindern hinfahren. Später schließt sie trotz ihrer Schmerzen im rechten Arm eine Schneiderlehre ab, in dem sie die für Rechtshänder konzipierten Nähmaschinen einfach umdreht. Sie macht sich sogar selbstständig, gründet 1877 ein Filzkonfektionsgeschäft und macht im Dezember 1879 schließlich in einem Modemagazin eine Entdeckung, die nicht nur ihr Leben grundlegend verändern sollte: Sie stößt auf das Schnittmuster eines Nadelkissens in Elefantenform – mit Sattel und Stoßzähnen, mit allem Drum und Dran. Eines Abends näht sie das kleine Tierchen zusammen, und legt damit den Grundstein für ein inzwischen weltweit bekanntes Unternehmen.

„Das Nadelkissen war bei ihren Neffen so beliebt, dass sie rund um die Uhr damit gespielt haben“, sagt Steiff-Sprecherin Melanie Heim. Binnen kürzester Zeit avancierte das „Elefäntle“, wie das kleine Spielzeugtier getauft wurde, auch in anderen Kinderzimmern zum Star – nicht zuletzt, „weil es damals keine weichen Puppen zum Kuscheln gab“. Innerhalb der ersten Jahre wurden Tausende Exemplare des kleinen Elefanten produziert. Schnell kamen andere „textile weich gestopfte Spieltiere“ hinzu, die Unternehmungen der Margarete Steiff wurden so erfolgreich, dass sie schon 1890 ihr erstes Fabrikgebäude bauen ließ – inklusive behindertengerechter Wohnung.

Heute ist Steiff ein Weltkonzern – und vermutlich der einzige Betrieb, der ein Krankenhaus und ein Wellness-Center für Teddy und Co. hat. Hierher werden sie gebracht, die in die Jahre gekommenen Plüschtiere. So wie das „Füchsli“, ein kleines Stofftier von Familie Schwartz aus Landberied, einer kleinen Gemeinde aus dem Oberbayerischen. Das kleine Kuscheltier sieht aus, als hätten ihn bereits Generationen von Kleinkindern vollgespeichelt, ein Auge fehlt, die besten Tage des Plüschgesellen liegen eindeutig hinter ihm. Deswegen hat Familie Schwartz Füchsli nach Giengen in die Teddybär-Klinik geschickt, doch der Besuch im an die Klinik angegliederten „Teddy-Spa“, Waschen, Legen, Föhnen – all das bleibt ihm verwehrt. „Die Besitzer wollen nur das Auge ersetzt haben“, sagt Teddy-Doktorin Isolde Beck. Ansonsten soll Füchsli bleiben wie er ist.

Das gilt auch für den bald kniehohen Bären auf Rollen. Rund 80 Jahre leistet er bereits treu seinen Dienst als Reittier, schätzt die Teddy-Doktorin. Die Spuren sind nicht zu übersehen: Der Rücken vollkommen abgewetzt, an einer Stelle dort, wo das Schulterblatt säße, verdeckt ein roter Flicken in Mausform ein Loch. „Aber arbeiten sollen wir nur an seinem Gesicht“, sagt Isolde Beck. Ein paar Fäden an der Nase fehlen, das muss nachgebessert werden, mehr nicht.

Normale Arbeiten für Isolde Beck und ihre Kollegin. Aber „es ist gut, dass die Kinder nicht sehen, was wir hier mit ihren Plüschtieren machen“. Wie die Frauen den Tieren große Nadeln durch die Nasen treiben, oder durch den kompletten Kopf. „Selbst für manchen Erwachsenen ist das schwer zu ertragen“, sagt Melanie Heim. Für den Kunden zum Beispiel, dessen Bär den berühmten Knopf verloren hat.

„Wir haben ihm angeboten, dass er uns seinen Bären schickt und wir ihn reparieren“, sagt die Steiff-Sprecherin. Doch der Mann wollte nicht. Man weiß ja, wie viele Pakete verloren gehen. Nicht auszudenken, wenn ausgerechnet seines... Er hat seinen Bären lieber selber in die Bärenklinik gebracht, damit bloß nichts schiefgeht. So stand er eines Tages vor Isolde Becks Tisch, er sah ihr beim Arbeiten zu, sah, wie sie die Zange ansetzte, wie sie zudrückte, um sich entrüstet zu beklagen, „wie wir hier mit seinem Bären umgehen“, sagt Melanie Heim. So sind sie, die Steiff-Liebhaber, besonders aber die Männer und Frauen, die sich in Clubs zusammengefunden haben, selbst organisierten oder im werkseigenen Steiff-Club. Sie sammeln und bieten auf Auktionen, um ihren Stoff-Lieblingen ein Heim zu bieten. Bei einer davon erzielte ein Steiff-Teddy übrigens einen Preis von 230.000 Euro.

„Gerade den erwachsenen Kunden geht es ums Sammeln“, sagt Melanie Heim, „darum, möglichst seltene Exemplare zu haben, die limitierten Sonderserien oder wertvollen Klassiker“. Bären wie zum Beispiel den 55PB. Hinter der schnöden Produktionsbezeichnung verbirgt sich der allererste Bär, der 1902 bei Steiff produziert worden ist – wobei 55 für seine Größe in Zentimetern steht, P für Plüsch und B für beweglich. „55PB“ wurde ein Jahr später auf den Namen „Bär“ getauft und auf der Leipziger Frühjahrsmesse vorgestellt. Zu Anfang hielt sich das Interesse der Besucher in Grenzen, „Bär“ drohte ein Flop zu werden, bis sich gegen Ende der Messe doch noch ein amerikanischer Einkäufer fand, der 3000 Exemplare bestellt. Bereits ein Jahr später verkaufte Steiff schon 12.000 Stück dieser Bären, die kurz darauf den Namen „Teddybär“ bekamen. Und Schuld daran ist ein amerikanischer Präsident: Theodore „Teddy“ Roosevelt.

Roosevelt weigerte sich bei einem Jagdausflug, einen angebundenen Bären zu erschießen und wird aufgrund dieses Vorfalls von dem Karikaturisten Clifford K. Berryman in der Washington Post immer mit einem Bären dargestellt. Damit löst Berryman nicht nur den ersten Teddy-Boom aus, er verhilft der von Margarete Steiff gegründeten Firma zu weltweiter Bekanntheit.

Im Laufe der Jahre bekam der Bär Gesellschaft, und inzwischen kann Steiff einen kompletten Zoo bevölkern – mit Tieren von jedem Kontinent. Doch es gibt noch eine Menge mehr. Die „Bibi Blocks“ zum Beispiel, einen Bauklotz-Kasten für Mädchen. Oder Filzfiguren, mit lustigen Gesichtern, die es so nie wieder geben wird, wie sie einst produziert worden sind. „Wir wissen nicht mehr wie“, sagt Steiff-Sprecherin Melanie Heim. „Im Laufe der Jahre ist die Technik verloren gegangen.“

Auch vom 55PB gibt es kein Original mehr, nur noch ein paar Nachbauten. Vieles andere hat überlebt. Gezeigt wird es in Giengen im Steiff-Museum. Dort hängen die Schnittmuster alter Teddys und Figuren, dort liegen Formen, die im Laufe der Firmengeschichte benutzt worden sind, Muster unterschiedlicher Felle und nicht zuletzt Plüschtiere aus allen Zeiten. Auch ein kleiner Elefant hat dort einen Platz, obwohl er zwischen den teilweise lebensgroßen Tieren unterzugehen droht. Er hat Stoßzähne, einen Sattel, alles drum und dran. Und so hat das „Elefäntle“schon vor mehr als 100 Jahren die Neffen von Margarete Steiff begeistert.






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