Christian Weth Bremen. Auch wenn der Senat erst kürzlich Nein zu weiteren Nachtflügen gesagt hat, ist die Debatte nicht vom Tisch - nicht für Jürgen Bula. Der Airport-Chef dringt auf einen offenen Diskurs. Dabei soll es nicht bloß um die Betriebszeiten, sondern obendrein um die Betriebsgenehmigung gehen. Aus Lärmschutzgründen darf die Startbahn im Regelfall nämlich nicht in ihrer Gesamtlänge genutzt werden. Doch Bula will die komplette Piste. Bei manchen Fraktionen hat er schon vorgefühlt.
Was er will, daraus habe er nie einen Hehl gemacht: "Dass offen darüber nachgedacht wird, wie der Bremer Flughafen im Jahr 2020 aufgestellt sein soll." Das beinhaltet für den Airport-Geschäftsführer sowohl Gedankenspiele über veränderte Nachtflugzeiten als auch über eine Startbahn, die von Anfang bis Ende genutzt wird. Und zwar von allen Flugzeugen, egal welchen Typs - nicht sofort, vielleicht jedoch in den nächsten Jahren.
2634 Meter ist die Piste lang, aber nur 2034 Meter dürfen standardmäßig zum Starten verwendet werden - um Abstand zu Wohnhäusern zu wahren, heißt es. Nach Bulas Rechnung liegen 20 Prozent des Pistengrundes brach. Jedenfalls meistens: Nur ein einziger Flieger darf jeden Meter nutzen, der Airbus A300/600ST. Das ST steht für Supertransporter. Im Bauch des Kolosses stecken Tragflächen made in Bremen, die nach Toulouse zur Endmontage geflogen werden.
Warum Bula die gesamte Startbahn will, sagt er nicht genau. Er spricht einzig von "mehr Effizienz" und "größerer Wirtschaftlichkeit". Was dahinter steckt, können sich andere aber sehr gut denken. "Dürfen weitere Maschinen die Startbahn komplett nutzen, würde das den Weg für zusätzliche Großflugzeuge ebnen", spekuliert Monika Morschel von der Vereinigung zum Schutz Fluglärmgeplagter (VSF). Dass auf diese Weise das flaue Frachtgeschäft des Airports angekurbelt werden soll, ist keineswegs auszuschließen. Wie berichtet, blieb der Gütertransport auch im vergangenen Jahr das Sorgenkind von Bula.
Bei manchen Fraktionen der Bürgerschaft hat der Flughafen-Chef das Thema bereits vorgebracht, zumindest andeutungsweise. Bei der CDU hat er angeregt, "mal über eine Ausweitung der Startbahn nachzudenken", sagt Fraktionssprecher Gunnar Meister. Bei den Grünen soll er hingegen von "künftig leiseren Starts" gesprochen haben, erinnert sich Maike Schaefer, verkehrspolitische Sprecherin der Fraktion. Denn können die Flugzeuge jeden Meter der Startbahn ausnutzen, brauchen sie nicht in einem steilen Winkel nach oben. Der Schub fällt geringer aus und mit ihm der Lärm und der Kerosinverbrauch.
Diese Rechnung ist auch Andreas Krüger vom Senator für Wirtschaft und Häfen schon zu Ohren gekommen. Nur glaubt er nicht, dass sie auch aufgeht: "Wird der Schub gedrosselt, dann sicherlich nicht so stark, dass die Maschine tatsächlich viel leiser unterwegs ist." Außerdem dürfe nicht vergessen werden, dass die Maschinen bei einem geringeren Steigungsgrad dichter über den Hausdächern fliegen, meint der Mann von der Flug-Genehmigungsbehörde. Ein Gutachten, wie viel Lärm weniger entsteht, wenn der Flugwinkel flacher ausfällt, gibt es seines Wissens nach nicht.
Enges Paragrafen-Korsett Ganz zu schweigen von einem rechtlichen Spielraum, um die Begrenzung der Startbahn überhaupt aufzuheben: "Die eingeschränkte Nutzung steckt in einem engen Paragrafen-Korsett", weiß Krüger. Er verweist auf einen Kontrakt, der die Vollnutzung limitiert. "Flughafenvertrag Stuhr - Bremen" heißt das Papier, das laut Ralf Selter von der Bremer Fluglärmkommission keine Lücke für mehr Starts von XXL-Maschinen lässt. "Die Beschränkung ist wie in Stein gemeißelt." Deshalb geht er davon aus, dass ein Antrag - sei es von Bula oder einer Fraktion - von Anfang an zum Scheitern verurteilt wäre.
Es sei denn, der Vertrag wird aufgehoben und in eine neue Form gegossen. Doch daran mag Selter nicht glauben. Eine andere Möglichkeit wäre, dass der Vertragspartner seine Zustimmung gibt: Stuhr. Die Gemeinde muss gefragt werden, ob die Startbahn in Gänze und für alle Maschinen freigegeben wird. Stellt sie sich stur, wird nichts draus. "So ist es festgehalten", sagt ihr Bürgermeister Cord Bockhop. Ob Verwaltung und Politik ihr Einverständnis geben würden, weiß er nicht, aber: "Darüber reden kann man ja." Nur über ein Thema will er nicht mehr diskutieren. "Weitere Nachtflüge wird es mit uns nicht geben." Schon jetzt sei die äußerste Grenze des Zumutbaren erreicht - für Initiativen wie die Vereinigung zum Schutz Fluglärmgeplagter sogar mehr als das. Vorsitzende Monika Morschel hat nach eigenem Bekunden errechnet, dass die Zahl der Ausnahmegenehmigungen in den vergangenen Jahren weiter zugenommen hat. Sie lässt die einzelnen Fälle derzeit von einem Anwalt prüfen.





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