Für Sie ist es heute der letzte Arbeitstag als Werkleiter in Bremen. Wie fällt Ihre Bilanz nach drei Jahren aus?
Peter Schabert: Ich freue mich zunächst einmal, dass der Vorstand entschieden hat, mit Andreas Kellermann einen Kollegen aus dem Werk zu meinem Nachfolger zu machen. Das macht es ihm leichter. Und mir auch - es ist keine umfangreiche Einarbeitung notwendig.
Zurück zur Eingangsfrage: Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?
Ich bin besonders stolz darauf, dass wir mit der hervorragenden Mannschaft hier in Bremen die verschiedenen Produktionsanläufe neuer Modelle so gut gemeistert haben, etwa den Kombi der C-Klasse, den Geländewagen GLK und natürlich das Cabrio und das Coupé der E-Klasse.
Die beiden Modelle scheinen ganz gut am Markt anzukommen.
Wir können derzeit kaum so viel bauen wie der Markt verlangt. Die geplanten Werksferien wurden wegen der hohen Nachfrage bereits um eine Woche verkürzt. Wir fahren im zweiten Halbjahr Sonderschichten. Die Autos sind der erhoffte Knaller geworden.
Sie haben eine Berg- und Talfahrt hinter sich: Sie kamen 2007 am Höhepunkt des Autoabsatzes, mussten dann das tiefste Tal 2009 bewältigen und erleben jetzt wieder diesen unerwarteten Aufschwung. Wie erklären Sie sich diese Ausschläge?
2007 konnten wir uns alle nicht vorstellen, wie schnell wir auf eine solche Wirtschaftskrise reagieren müssen. Dennoch ist es uns zusammen mit dem Betriebsrat und der Arbeitsagentur Bremen gelungen, mit dem Instrument der Kurzarbeit die Lage zu beherrschen. Zugleich mussten wir aber die Vorbereitungen auf neue Produkte vorantreiben. Diese Balance halten zu können, das war schon großartig. Und jetzt profitieren wir davon, dass wir Produkte haben, die für die Wachstumsmärkte, vor allem in China, aber auch in den USA und anderen Märkten sehr gut passen. Begleitet wurde das alles von einer Qualitätsoffensive, für die wir hier in Bremen eine Reihe renommierter Auszeichnungen von unabhängiger Seite bekommen haben. All das trägt dazu bei, dass Mercedes, getragen von einer sich erholenden Konjunktur, ganz vorne mitfährt .
Was sind die Projekte, die Ihr Nachfolger als Werkleiter, Andreas Kellermann, nun von Ihnen erbt?
Wir bereiten gerade den Nachfolger unseres SLK und das neue Coupé der C-Klasse vor, der neue SL steht auch vor der Tür. All das, getragen von dieser guten Marktstimmung, sorgt natürlich auch für gute Stimmung in der Fabrik.
Investieren Sie auch in das Werk?
Ja. Um die Nachfrage nach den Coupés und Cabrios der E-Klasse zu befriedigen, werden die Kapazitäten in unserer Rohbauhalle mit einer Investition von 18 Millionen Euro erweitert. Das wird bis zum Jahresende abgeschlossen sein. Und als weltweites Kompetenzzentrum für die C-Klasse-Produktion wird noch eine erhebliche Investition in die Gebäude erfolgen. Wir werden ab 2014 immerhin 20 Prozent mehr dieser Autos bauen als bisher. Die Planer sind da schon kräftig dran.
All das führt dazu, dass Daimler in Bremen 300 Leiharbeiter einstellt. Dass es keine feste Stellen sind - ist das eine Lehre aus der Wirtschaftskrise?
Erst mal sind wir stolz darauf, dass wir niemanden entlassen mussten. Deshalb werden wir auch mit der Stammbelegschaft in die nächsten Jahren gehen. Sollten wir absehbar neue Leute benötigen, werden wir das mit Leiharbeitern abdecken. Es gibt keine Planungen dazu, neue Stammkräfte einzustellen. Das Gewitter ist noch nicht ganz vorüber. Wir sehen es abziehen und beobachten die Märkte sehr genau.
Was nehmen Sie aus Bremen mit zu Ihrem neuen Job als Chef der Daimler-Motorensparte in Stuttgart?
Vor allem die Erinnerung an die Phasen, in denen neue Autos in die Produktion kamen. Das war nicht immer leicht, aber immer spannend. Ich nehme viel Stolz mit, diese schwierige Phase im Jahr 2009 mitgemacht zu haben. Und ich hoffe, dass der Weg, den ich mitgeholfen habe, zu bereiten, jetzt weiterverfolgt werden kann. Die Grundausrichtung steht. Und Andreas Kellermann kann den Weg nun auf seine eigene Art und Weise weitergehen. Stolz bin ich auch auf die Leistung aller an diesem Standort hier.
Ein Teil der Belegschaft scheint dennoch unzufrieden zu sein. Die Kollegen in Sindelfingen haben eine Beschäftigungsgarantie bis 2020 bekommen, die Bremer nur einen Vereinbarung bis 2018. Können Sie den Ärger nachvolltziehen?
Die Situation in Sindelfingen ist eine andere als die in Bremen. Dort wurde mit der C-Klasse eine komplette Baureihe abgezogen. Eine Kompensation dafür ist, die Montage des Sportwagens SL ab 2014 von Bremen nach Sindelfingen zu verlagern. Ich kann verstehen, dass das der eine oder andere nicht mitträgt - der SL ist ein sehr emotionales Produkt. Man muss aber sehen, was wir dafür bekommen haben: Nämlich 20 Prozent mehr Volumen von einer der Kernbaureihen des Konzerns. Das wird eine Menge auslösen für das Bremer Werk. Das kann man jetzt noch nicht sehen. Aber wenn hier die Bagger anrollen, dann wird das auch jedem Mitarbeiter im Werk Bremen klar werden. Der Abschluss ist also eine Bestätigung des Standorts Bremen. Aber ich verstehe, dass der Abzug der SL-Montage viel Unsicherheit hervorgerufen hat.
Wie wichtig ist es denn vor diesem Hintergrund, dass mit Andreas Kellermann ein Mann aus den eigenen Reihen neuer Werkleiter wird?
Es ist ein tolles Signal, weil damit ein schneller und reibungsloser Übergang erfolgt. Andreas Kellermann war schon lange mein Stellvertreter und kennt deshalb die Historie von Entscheidungen und die Zusammenhänge. Das bietet sicher auch eine gute Basis für die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat.



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