Die vielen Stellen blieben frei aus Mangel an geeigneten Bewerbern, heißt es. Viele Firmen suchen noch und sprechen von einem Kampf um die besten Schulabgänger. Von Jahr zu Jahr werde dieser härter.
Ein Blick in die Statistik des Bundesinstituts für Berufsbildung zu den jährlichen Schulabgängerzahlen offenbart den Kern des Dilemmas: Die Zahl der Absolventen sinkt kontinuierlich. Vor zehn Jahren strömten noch 65000 junge Menschen mehr von den Schulen auf den Arbeitsmarkt - im selben Zeitraum nahmen die Abschlüsse mit Fach- und allgemeiner Hochschulreife zu, um über 20000 pro Jahr. Die Folge: Weniger, aber besser ausgebildeter Nachwuchs, der sich häufiger für ein Studium als eine Lehre entscheidet.
'Als Abiturient kann man heute viele Wege einschlagen', sagt Jörg Nowag von der Agentur für Arbeit in Bremen. Das Verhalten sei deshalb kaum noch kalkulierbar. 'Auch diejenigen, die mit dem Gedanken spielen, eine Lehre zu machen, entscheiden sich am Ende immer öfter für ein Studium.' Nicht zuletzt wegen der kürzeren und vielfältigeren Bachelor-Studiengänge, die weniger abschreckend wirken. 'Früher haben Abiturienten häufiger eine Lehre gemacht und danach studiert', sagt er. 'Nun wird die Lehre übersprungen.' Ein Problem vor allem für den Dienstleistungssektor, die Banken und den Einzelhandel, die ihre Ausbildungsstellen bevorzugt mit Abiturienten bestücken.
Nowag nennt die Zahlen für das laufende Jahr: Knapp 4000 neue Ausbildungsstellen haben die Unternehmer in der Hansestadt bei der Agentur für Arbeit gemeldet. Nach aktuellem Stand sind noch 440 unbesetzt. Vorläufige Zahlen, warnt der Arbeitsmarktexperte, mit Vorsicht zu genießen, nicht viel mehr als eine Wasserstandsmeldung. 'Wir wissen nur von den Ausbildungsverhältnissen, die uns bekannt sind, endgültige Zahlen können wir erst gegen Ende des Jahres liefern.'
Doch bei den Bremer Unternehmen gibt es immer öfter die Befürchtung, keinen geeigneten Kandidaten mehr zu finden. 'Es ist schwieriger geworden, vor allem für die Kaufleute und in den technisch-mathemathisch orientierten Berufen', erläutert Karlheinz Heidemeyer von der Bremer Handelskammer. Er sieht die Verantwortung in erster Linie bei den Schulen, die ihrem Bildungsauftrag nicht mehr angemessen nachkämen und junge Menschen entließen, die oft nicht einmal die Grundregeln des Lesens, Schreibens und Rechnens sicher beherrschen. Schon heute muss mehr als die Hälfte aller Lehrlinge im Betrieb nachgeschult werden, sagt er.
Firmen, die früher Abiturienten als Auszubildende einstellten, greifen nun auf Realschüler zurück. Und die Hauptschüler rücken unterdessen in Positionen auf, die vormals größtenteils mit Realschülern besetzt wurden. 'Die Such- und Rekrutierungsstrategien der Unternehmen müssen sich ändern', sagt Karlheinz Heidemeyer von der Bremer Handelskammer. Eine stärkere Marktorientierung sei wichtig. Es gelte, die besten Bewerber mit dem besten Ausbildungsangebot zu locken, zum Beispiel mit einer besseren Bezahlung, mit attraktiveren Karrieremöglichkeiten und interessanteren Lehrinhalten. Dafür müssten die Betriebe offensiver auf den Nachwuchs zugehen, in Schulen werben und sich auf Kennenlern-Veranstaltungen präsentieren.
Sein Kollege von der Bremer Handwerkskammer, der Ausbildungsberater Reinhard Bröker, weiß ebenfalls um die Knappheit qualifizierter Kandidaten auf dem Ausbildungsmarkt. 'Wenn die Betriebe einen passenden Lehrling finden, setzen sie sofort einen Vertrag auf und legen ihn uns vor', erläutert er. 'Früher hatten sie es oft nicht so eilig, ließen sich deutlich mehr Zeit mit den Formalien - doch heute haben sie Angst, dass der Kandidat wieder abspringt, weil er von einem anderen Betrieb ein besseres Angebot bekommen hat.'
Reinhard Bröker nennt es wie viele in der Branche, den Kampf der Unternehmen um die besten Auszubildenden. Doch er hält es für ebenso wichtig, die weniger qualifizierten Schulabgänger mitzunehmen und gezielt nachzuschulen. 'Wenn wir das nicht konsequent angehen, ist da bald niemand mehr - wir müssen um jeden einzelnen Jugendlichen kämpfen.' Man dürfe nicht immer nur über die zu geringen Qualifikationen meckern, sondern müsse bei der Rekrutierung nun endlich umdenken und vorhandene Lücken dann eben während der Ausbildung schließen. 'Uns bleibt ja nichts anderes übrig, als der Realität ins Auge zu gucken.'






Regenwahrscheinlichkeit:

