Herr Weber, was ist rückblickend das Wichtigste an Ihrer Zeit in Bremen?
Hubert Weber: Die Freude, eine tolle Organisation ein ganzes Stück vorangebracht zu haben. Ich denke, ich habe dazu beigetragen, dass Kraft Foods wieder stärker mit der Stadt Bremen, mit der Politik und der Gesellschaft in Bremen, verwoben ist.
Als Sie hier antraten, befand sich der Gesamtkonzern in einem harten Umstrukturierungsprozess, in dem vieles infrage gestellt wurde. Wie steht die Deutschlandorganisation heute im Konzern da?
Weber: Deutschland ist ein wichtiger Markt für Kraft und hat durch die Veränderungen, die wir durchgeführt haben, bewiesen, dass wir ein leistungsfähiger Teil des Unternehmens sind, der zum Wachstum des Unternehmens beiträgt.
Herr Leiße, Sie übernehmen jetzt den Stab von Herrn Weber. Werden Sie den eingeschlagenen Kurs im wesentlichen fortsetzen oder wird jetzt alles ganz anders?
Jürgen Leiße: Wir haben gemeinsam Strategien entwickelt und die Plattform für die Umsetzung gelegt. Das werde ich so weiter führen. Das heißt aber auch: nicht stehenbleiben. Nach der Umstrukturierung ist jetzt Mitarbeiterentwicklung für mich der nächste wichtige Schritt, um die Organisation weiter nach vorn zu bringen.
Das heißt, mit weiteren Entlassungen ist nicht zu rechnen?
Leiße: Man muss da immer etwas vorsichtig sein; kein Mensch weiß, wie sich die Wirtschaft entwickelt. Aber wenn wir uns die Pläne des Unternehmens für die nächste Zeit ansehen, gibt es in Deutschland keinen Grund, sich Sorgen zu machen.
Weber: Von der Grundstrategie her sind wir in Deutschland im Investitionsmodus. Wir sind mit Milka in den Keksmarkt eingestiegen, wir haben in mehreren Produktsegmenten noch etwas vor. Das heißt, wir werden in das Marketing und in den Vertrieb entsprechend investieren, nachdem wir in Bremen und in Fallingbostel bereits einiges in die Produktion investiert haben.
In einem Gespräch mit Hasso Nauck von Hachez in dieser Zeitung hat Herr Weber kritisiert, die Politik in Bremen gehe zu wenig auf die Unternehmen zu. Das habe sich aber verbessert, nachdem er den Kontakt gesucht habe. Herr Leiße, wie ist Ihre Meinung dazu?
Leiße: Ich glaube, dass wir mit Bremen einen wunderbaren Standort haben. Auch ich werde die Verbindung mit der Stadt suchen, um Kraft Foods und die Mitarbeiter hier gut zu vertreten. Wir wollen auch dabei helfen, Bremen noch ein bisschen populärer zu machen, damit Bremen von mehr Menschen entdeckt wird.
Weber: Wir wollen nicht nur als amerikanischer Multi gesehen werden, sondern als aktives Mitglied dieser Stadtgemeinde.
In Ihrer Branche wird viel darüber diskutiert, dass Deutschland für den Lebensmittelhandel ein schwieriger Markt ist, weil Verbraucher angeblich mehr auf den Preis achten als auf Qualität. Wie sehen Sie das?
Leiße: Man muss das differenziert betrachten. Es gibt in allen Bevölkerungsgruppen Fans von Lebensmitteln. Aber die große Masse ist anders eingestellt. Im Durchschnitt werden zehn bis elf Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben. Das ist im europäischen Vergleich nicht viel. Wir investieren in Qualität, in moderne technische Anlagen, in Forschung und Entwicklung. Qualität ist einer unserer wichtigsten Maßstäbe. Dafür stehen unsere Marken wie Jacobs Kaffee oder Milka.
Weber: Unsere Investitionen in Deutschland stehen dafür, dass wir im Spannungsfeld von Qualität und niedrigen Preisen ein möglichst hohes Niveau halten wollen.
Im Geschäftsjahr 2009 haben die Discounter zum ersten Mal nicht mehr zugelegt, sondern Marktanteile an Märkte wie Rewe und Edeka abgegeben. Ist das eine Trendwende, weg von den Billigheimern?
Leiße: Wir haben uns sehr genau angesehen, was da passiert ist. Konsumenten fahren immer seltener einmal in der Woche, am Wochenende, mit dem Auto zum Großeinkauf. Sie gehen häufiger einfach um die Ecke, zu Edeka, zu Rewe, auch mal zu Lidl. Sie tun das, um Zeit und Sprit zu sparen, aber auch, weil sie im Markt um die Ecke Preise finden, die genau so niedrig sind wie in den großen Läden. Die Frage wird aber sein: Was ist nach der Krise? Wir wissen noch nicht, ob dieser Trend anhält.
Die Margen für Sie als Hersteller sinken, durch den Preisdruck der Discounter auf der einen und die steigenden Rohstoffpreise auf der anderen Seite, gerade wieder bei Kaffee. Wie können Sie da in Zukunft noch Geld verdienen?
Leiße: Zu dem, was Sie genannt haben, kommen noch die Eigenmarken der Händler, deren Marktanteil steigt, nicht nur bei den Billigangeboten, sondern auch im oberen Preissegment - wobei man wissen muss, dass wir keinen Einfluss haben auf den Preis, der nachher am Regal steht. Zu unserer Strategie: Erstens, wir haben unsere Innovationskraft beschleunigt und in den letzten zwölf Monaten eine Vielzahl neuer Produkte auf den Markt gebracht. Wir sind mit Milka ganz neu in den Keksmarkt eingestiegen. Neue Produkte reizen den Konsumenten. Damit können wir uns von den Eigenmarken abheben. Zweitens versuchen wir, den Konsumenten die Produkte über starke Werbung näherzubringen. Drittens werben wir mit Qualität.
Ein Merkmal für Qualität ist für eine wachsende Gruppe von Konsumenten die Nachhaltigkeit. Das ist immer noch eine Nische, aber Biosiegel wachsen überdurchschnittlich. Ist das für Sie auch attraktiv?
Leiße: Ich kann Ihnen versichern, dass wir den Markt genau beobachten. Wir sind bereits heute der weltweit größte Abnehmer nachhaltig angebauten Kaffees, der von Rainforest Alliance zertifiziert wurde. Doppelt zertifizierte Kaffees, also mit Bio-Siegel und Rainforest Alliance-Siegel, bieten wir heute schon für die Gastronomie an.
Haben Sie da ein Glaubwürdigkeitsproblem?
Leiße: Finden wir nicht, denn wir haben eine ganze Menge vorzuweisen. Mit der unabhängigen Umweltschutzorganisation Rainforest Alliance arbeiten wir schon seit 2003 zusammen. Die Rainforest Alliance zertifiziert nachhaltige Anbaumethoden und berücksichtigt nicht nur ökologische, sondern auch soziale Aspekte. Denn auch den Kaffeebauern im Ursprung soll es gut gehen.
Dieses Nachhaltigkeitssiegel hat Chiquita mit initiiert. Das wirft für einige Konsumenten Fragen auf. In England sind Sie über Ihre Neuerwerbung Cadbury mit dem Fair-Trade-Siegel im Markt.
Leiße: Ja, stimmt, wir werden jetzt von beiden Organisationen zertifiziert - sowohl Fairtrade als auch Rainforest Alliance setzen sich für nachhaltige Landwirtschaft ein. Wir tun schon viel und sollten mehr darüber reden. Wir machen zum Beispiel gerade mit unseren Skistars, die für Milka werben, eine Initiative zum Schutz der Alpen. Es gibt eine Menge von Stellschrauben für Nachhaltigkeit. Kraft Foods ist übrigens das einzige Lebensmittelunternehmen in den USA, das im Dow Jones Nachhaltigkeits-Index gelistet ist.
Morgen übernehmen Sie offiziell das Ruder. Was sind die ersten drei Punkte auf Ihrer Agenda?
Leiße: Wir haben neue Strategien entwickelt und sind mit unserem Geschäft auf einem guten Pfad. Das muss weitergeführt werden. Wir wollen den Mitarbeitern Sicherheit geben und sie motivieren, und wir wollen weiter wachsen. Wachstum ist das Schlüsselelement: Stabilität und Sicherheit durch Wachstum.
Was bedeutet der Anstieg der Rohstoffpreise für die Verbraucherpreise? Werden Schokolade und Kaffee teurer?
Leiße: Ich kann nur wiederholen: Mit der Gestaltung der Verbraucherpreise haben wir nichts zu tun. Wir geben Preise an den Handel ab, haben aber keinen Einfluss darauf, was der Handel daraus macht.
Werden die Handelspreise steigen?
Leiße: Es gibt aktuell keinen Rohstoff, der billiger wird. Das gilt für Argrarprodukte ebenso wie für Metalle. Das ist eine Reaktion auf die wieder anziehende Nachfrage. Deshalb wird es irgendwann eine Konsequenz geben. Aber wir machen zu unserer Preispolitik keine Aussagen.
Für den Verbraucher ist es schwer nachzuvollziehen, dass ein Hersteller mit dem Händler, der sein Produkt verkaufen soll, nicht über den Preis reden kann.
Leiße: Wir können über den Preis reden. Wir dürfen unverbindliche Preisempfehlungen geben und auch Preisobergrenzen mitteilen. Aber was der Handel dann daraus macht, das liegt eben nicht in unserer Hand.


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