DIW-Chef Klaus Zimmermann warnt vor drastischen Folgen für die Wirtschaft durch drohenden Fachkräftemangel

 - 29.10.2010

'Der Zug ist eigentlich schon abgefahren'

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle macht Druck für eine klare Regelung, um ausländische Fachkräfte ins Land zu holen. Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, hält die Ankündigung für überfällig. Im Gespräch mit Günther Hörbst warnt der Ökonom vor fatalen Folgen für den Standort Deutschland, sollte das Fachkräfteproblem nicht bald gelöst werden.

Derzeit müssen alle Nicht-EU-Ausländer, die in Deutschland arbeiten wollen, einen Jahresverdienst von 66000 Euro nachweisen. Ist das nicht anachronistisch angesichts des akuten Fachkräftemangels?

Klaus Zimmermann: Es ist eine symbolische Grenze, die eine bestimmte Zuwanderungspolitik signalisiert, die da sagt, man will im besten Fall Spitzenkräfte ins Land holen. Es könnten viel mehr kommen. Im Moment kommen aber höchstens einige Hundert. Dabei wären rund 80000 nötig. Die aktuellen Regelungen schrecken ab.

Sollte man diese Grenze absenken?

Ja, aber nicht nur das. Man muss Signale setzen, dass diese Fachkräfte auch gewollt sind. Das findet aber aktuell nicht statt.

Das ist schwer verständlich. Es gab und gibt ja lange genug Warnungen vor den Folgen des Fachkräftemangels. Hat die Politik den Trend verschlafen?

Die Politik reagiert nur, wenn das Fass überläuft. Das ist im Moment noch nicht der Fall. Die Firmen sind durch die Krise etwas von dem Thema weggekommen. Es war nicht mehr so wichtig, als alle im tiefen Tal der Konjunktur lagen. Zudem wurden die Fachkräfte gehalten. Im Moment unterschätzt die Wirtschaft gewaltig die Probleme, die auf sie zukommen. Noch ist der Fachkräftemangel auf bestimmte Berufe und Branchen beschränkt. Irgendwann wird es aber zum Massenthema - und dann wird es zu spät sein. Ab 2014 werden dem Arbeitsmarkt in Deutschland jährlich rund 250000 Menschen weniger zur Verfügung stehen. Das Problem wird also explosionsartig zunehmen. Die Politik will das Problem aktuell hinter die nächste Bundestagswahl verschieben. Das wird sich jedoch rächen.

Ab wann wird es zum volkswirtschaftlichen Problem werden?

Es ist schon die Frage, ob der Aufschwung überhaupt so weiterlaufen wird. Denn es fehlen die Fachkräfte, um die Produktion auszuweiten. Wir können die Fachkräfte nicht schnell genug nachbilden. Aus den Schulen kommen zu wenig junge Leute nach. Übrig bleibt, die Überstunden heranzuziehen, dass also Fachkräfte immer länger arbeiten müssen.

Wie lange denn?

Es wird in Richtung 45- bis 48-Stunden-Woche gehen. Da wird es große Widerstände geben. Vor allem von den Gewerkschaften. Aber das wird nicht lange halten. Mittelfristig sehe ich das Wachstum gefährdet. Spätestens in vier, fünf Jahren, nach der nächsten Rezession, werden wir große Schwierigkeiten bekommen.

Was muss jetzt passieren?

Der Widerstand gegen eine gemeinsame europäische Öffnung für Zuwanderung von Fachkräften muss aufgegeben werden. Da sind Länder wie Deutschland und Österreich noch die letzten Falken auf dem Arbeitsmarkt. Das muss man ernsthaft beenden. Man muss ein klares Konzept der EU-weiten Öffnung vertreten. Die EU hat einen gemeinsamen Markt. Der muss auch als solcher vertreten werden. Zudem muss es den Absolventen der deutschen Hochschulen attraktiver gemacht werden, im Land zu bleiben. Und schließlich muss das Zuwanderungsgesetz verändert werden.

Woran denken Sie?

Es gibt viele kurzfristige Bedarfe in vielen Berufen. Etwa bei Technikern, Pflegeberufen, im Gesundheitswesen. Da sollten alle Vorrangprüfungen gestrichen werden. Wer einen Job vorweisen kann, soll kommen - und so lange bleiben dürfen, wie der dringendste Bedarf besteht. Wenn der befristete Vertrag ausläuft, müssen diese Leute auch wieder gehen. Aber es gibt auch einen Dauerbedarf. Das muss man aber steuern. Man kann nicht jeden einwandern lassen, der das möchte. Deutschland hat einen Bedarf von 500000 Zuwanderern jährlich.

500000 Fachkräfte?

Nein, das nicht. Aber bei diesen Zuwanderern müssten die Fachkräfte drin sein. Die Politik muss sich entschieden für dauerhafte Zuwanderung entschließen. Man könnte mit 100000 Menschen beginnen und die Zahl dann ansteigen lassen. Dabei würde nach einem Punktesystem den Zuwanderern erlaubt, sich zu bewerben. Man kann sich dann für die besten entscheiden. Und kann so viele Leute holen, bis die gewünschte Quote erreicht ist.

Nach dem Vorbild der Green Card?

Das ist eine dauerhafte Green Card, ja. Das sollte eine Perspektive eröffnen, um später eine Staatsbürgerschaft zu erwerben.

Warum erkennt das die Politik noch nicht?

Die Regierung erkennt das Problem. Die Widerstände kommen eher aus den Reihen der Union. Diese Kreise argumentieren mit den Arbeitslosen in Deutschland und fürchten, deshalb entschiedene Zuwanderung ihren Wählern nicht erklären zu können. Ein Problem ist auch die Angst vor Überfremdung. Muslime haben nicht automatisch Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Hier gibt es viele Missverständnisse. Es kommt auf die richtige Auswahl an. Deutschland benötigt Zuwanderer, die qualifiziert sind und arbeiten wollen.

Die Regierung und die Bundesagentur für Arbeit wollen Ältere, Frauen und junge Migranten fördern, die derzeit arbeitslos sind. Kann das das Problem lösen?

Man muss natürlich versuchen, diesen Menschen wieder Arbeit zu verschaffen. Aber es wird das Fachkräfteproblem nicht lösen. Diese Menschen verfügen nicht über den Stand des Wissens, den man auf dem Arbeitsmarkt benötigt. Es kann höchstens helfen, das Problem eine gewisse Zeit zu lindern. Eine Lösung ist es nicht. Wir müssen nun anfangen, das Problem zu lösen. Sonst verspielen wir unsere Chancen für das nächste Jahrzehnt.

Wie viel Zeit bleibt denn noch?

Ich würde sagen, die Zeit ist eigentlich schon dafür abgelaufen, in fünf Jahren so handlungsfähig zu sein, wie wir es sein müssten. Der Zug ist eigentlich schon abgefahren. Wir werden in einigen Jahren Probleme bekommen, unser Wachstum zu halten.





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seema am 23.05.2012
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djtose1983 am 23.05.2012
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