04.09.2009

"Wirtschaftsethik muss in die Lehrpläne"

Von Günther Hörbst
Bremen. Bremen. Hans Heinrich Driftmann, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), macht den Jugendlichen wieder Mut. Warum sie bessere Chancen auf eine Lehrstelle haben als vor der Krise, erklärte er Günther Hörbst.

DIHK-Präsident Hans-Heinrich Driftmann ist hauptberuflich Chef der Firma Peter Kölln.
DIHK-Präsident Hans-Heinrich Driftmann ist hauptberuflich Chef der Firma Peter Kölln.

Frage: Anfang August hat das neue Ausbildungsjahr begonnen. Können Sie sagen, wie sich die Lehrstellenlage entwickelt hat?

Hans Heinrich Driftmann: Ende August 2009 waren bei den Industrie- und Handelskammern (IHKs) 272318 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge registriert – ein Rückgang um 9,2 Prozent gegenüber August 2008. Das ist leider zum einen die Folge der Wirtschaftskrise. Zum anderen registriert die Bundesagentur für Arbeit aber auch rund 14 Prozent weniger Bewerber als im Vorjahr. Weniger Bewerber heißt auch weniger Möglichkeiten für die Betriebe, Ausbildungsverträge abschließen zu können. Wichtig für die Jugendlichen ist die klare Botschaft: Die Chancen, in diesem Jahr eine Lehrstelle zu erhalten, sind aktuell sogar besser als vor der Krise.

14 Prozent weniger Bewerber: Was ist der Grund für den Rückgang?

Die demografische Entwicklung. Es verlassen immer weniger Jugendliche die Schulen. Das ist auch der Trend für die Zukunft und entlastet im Moment den Ausbildungsmarkt. Sehr bald werden wir deshalb jedoch einen erheblichen Mangel an Bewerbern haben. Vor allem in den neuen Bundesländern ist das jetzt schon ein großes Problem. Die Betriebe haben dort immer größere Schwierigkeiten, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Dies ist eine gute Chance für noch suchende Jugendliche aus dem Westen, einen Ausbildungsplatz im Osten zu finden.

Wie mobil sind die Jugendlichen heute?

Das hängt sehr vom Ausbildungsstand ab. Je weniger gebildet die Jugendlichen sind, desto weniger mobil sind sie. Ein anderes Problem ist, dass bei vielen Jugendlichen nur eine Handvoll Berufe als chic gelten. Maurer, Fleischer, Müller – das klingt für viele nicht attraktiv genug. Da müssen wir mehr Überzeugungsarbeit leisten.

Wie wollen Sie das machen?

Ich sehe ein großes Problem in den Schulen. Die Lehrer sind nicht in der Lage, ausreichend gut über Berufe zu informieren – weil sie in der betrieblichen Arbeitswelt nicht zu Hause sind.

Was ist nötig, damit Lehrer bessere Kenntnisse über die Arbeitswelt vermitteln?

Die Initialzündung muss von der Schule ausgehen. Die Wirtschaft kommt schwerer an die Jugendlichen heran als die Schulen. Deshalb benötigen wir eine Reform der Lehrerausbildung. Es ist unbedingt erforderlich, dass es eine vernünftige Vorbereitung auf die Arbeitswelt bereits im Unterricht gibt. Damit die Lehrer das richtig vermitteln können, muss es entsprechende Anpassungen der Ausbildung der Pädagogen geben. Nicht nur Wilhelm von Humboldt und die große deutsche Bildung sind wichtig, sondern es zählen auch Fertigkeiten und Informationen, die die ganz normale Arbeitswelt betreffen. Die Schüler benötigen ein Rüstzeug, um die richtigen Entscheidungen für ihre spätere Berufswahl treffen zu können. Im Moment sind sie gezwungen, bei sich selbst Begabungen und Interessenschwerpunkte zu erkennen. Plädieren Sie für ein eigenes Fach Wirtschaft in der Schule? Das wäre sicher die beste Lösung. Bis dahin kann man diese Themen aber auch in jedes bestehende Fach einfügen. Es macht einen Unterschied, ob man in der Mathematik einfach nur Trigonometrie lehrt, oder ob man erklärt, welchen Bezug das zum normalen Leben hat. Den Bezug zur realen Welt herzustellen, ist pädagogisch eine große Herausforderung. Der müssen sich Lehrer stellen.

Aber wohl auch die Politiker. Denn die müssten das ja umsetzen. Bei 16 verschiedenen Bildungssystemen in den Ländern eine fast aussichtslose Sache.

Aber dafür gibt es doch die Kultusministerkonferenz. Ich finde schon, dass dieses Gremium sich des Themas annehmen sollte.

Wie schnell müsste die Politik ihrer Meinung nach handeln?

Die Mitarbeiter und Manager von übermorgen sind schon geboren. Es handelt sich hier um keine Dunkelziffer. Die demografische Entwicklung ist ziemlich exakt bekannt. Im Fachkräftebereich und im gehobenen Management werden wir bald an Grenzen stoßen. Und wenn wir nicht das Potenzial, das schon da ist, entsprechend vorbereiten, dann geraten wir in eine Position, die es uns unmöglich macht, unsere Spitzenstellung beim Export zu halten und die Probleme, die wir in Deutschland haben, zu lösen.

Wenn man Ihre Annahme zugrunde legt, bleiben noch gut zehn Jahre. Die gerade Geborenen kommen dann in eine weiterführende Schule. . .

…wir müssen auch das Studium miteinbeziehen. Dann hätte man noch gut 20 Jahre Zeit. Denn auch da fehlen mir inzwischen bestimmte Schlüsselqualifikationen. Ich brauche keinen Manager, der mir mit Zahlen exakt belegen kann, warum etwas nicht geht. Ich brauche einen, der mir ein Geschäftsmodell entwickelt, das tragfähig ist.

Ihnen fehlen die Macher?

Die Macher gibt es schon. Wir brauchen nur mehr davon. Was wir aber vor allem brauchen, sind mehr Macher mit einem zielführenden theoretischen Hintergrund. Und wir brauchen Leute, die einen besseren ethischen Hintergrund haben.

Also wieder mehr anständige Kaufleute.

Wir können nicht zusehen, wie zwei Hände voll von Managern das Renommee einer ganzen Berufsgruppe durch ihre Unmäßigkeit verschandeln. Das ist kein ethisches Verhalten. Wir werden also in den Lehrplänen auch Wirtschaftsethik einbauen müssen. Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht. Das geht beim Verhalten in der Klasse los: Man mobbt seine Mitschüler nicht. Man verhält sich nicht aggressiv auf dem Schulhof. Da müssen frühzeitig richtige Grundlagen geschaffen werden. Wer Mitschüler mobbt, hat große Chancen, später als Ellbogentyp in irgendeinem Management zu landen. Das alles brauchen wir nicht.

Ist es nicht ein bisschen viel verlangt, das alles der Schule aufzubürden? Wo sehen Sie die Verantwortung der Eltern?

Das ist völlig richtig. Wir müssen es schaffen, das Bewusstsein für den Wert der Familie zu erhöhen. Die Vermittlung von Verhaltensnormen muss im Elternhaus erfolgen.

Welche Erklärung haben Sie, dass der Wertekompass durcheinandergekommen ist?

Die 68er-Generation hat durch ihre Ablehnung der bestehenden Wirtschaftsordnung eine Entweder-oder-Situation heraufbeschworen. Entweder lehnte sie alles, was mit Wirtschaft zu tun hatte, ab und bekämpfte, was wirtschaftlichen Erfolg hervorbrachte. Oder sie koppelte sich davon ab und lebte Wirtschaftsliberalismus in ungebremster Form aus. Beides ist natürlich falsch. Wir müssen immer den Brückenschlag hinbekommen und Wirtschaft mit einem menschlichen Antlitz praktizieren.

Die Krise ist da doch ein wunderbarer Anlass, die bisherige Praxis zu überdenken.

Die Krise ist ja nicht von ungefähr gekommen. Es haben sich fragwürdige Aktivitäten aus den Finanzmärkten entwickelt. Viele sind sehr reich dabei geworden. Viele haben auch die Werte, die wir bisher für gut gehalten haben, gründlich diskreditiert. Das wird aufgearbeitet. Eines steht aber fest: Wir werden nie wieder in eine Zeit zurückkehren, wie sie vor der Krise bestanden hat.

Haben sich die Unternehmen schon geändert? Die Firmen gehen beispielsweise viel bedächtiger mit Entlassungen um.

Bei der letzten Krise sind falsche Signale ausgesandt wurden. Das bedauern viele Unternehmer jetzt. Es ist viel Know-how verlorengegangen, das später mit hohen Kosten wiederbeschafft werden musste. Das hat man heute besser gehandhabt. Auch die Politik hat klug und nicht hektisch reagiert. Angela Merkel hat richtige Entscheidungen getroffen. Auch Wirtschaftsminister zu Guttenberg weiß genau, was er veranlasst hat und noch veranlassen muss. Das geschieht aus Kenntnis der wirtschaftlichen Situation in Deutschland und der Welt. Und meine Gespräche mit Finanzminister Steinbrück haben mir deutlich gemacht, dass da nicht mit einer Stange im Nebel herumgestochert wird, sondern dass sorgfältig Analysen durchgeführt werden. Und wir brauchen noch weitere Maßnahmen, um einen schwachen aber nachhaltigen Aufschwung auszulösen. Aber wir müssen alle die Ärmel hochkrempeln, um das zu schaffen.





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