Wirtschaftskrise

 - 17.11.2009

Commerzbank-Chefvolkswirt warnt vor Kreditklemme

Von Günther Hörbst
Bremen. Die Rezession ist vorbei, die Wirtschaft wächst wieder. Wie nachhaltig diese Erholung ist, erklärt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, im Gespräch mit Günther Hörbst.

Die Wirtschaft soll laut Jahresbericht der Wirtschaftsweisen 2010 um 1,6 Prozent wachsen. Sehen Sie noch Gefahren, die das verhindern könnten?

Jörg Krämer: Natürlich gibt es noch Gefahren, denken Sie nur an die Finanzmarktkrise, noch ist sie nicht vollständig vorbei. Aber alles in allem haben die Wirtschaftsweisen wohl mit ihrem Urteil recht, dass die Rezession beendet ist und die Wirtschaft im kommenden Jahr wieder wachsen wird. Wir rechnen für 2010 mit einem Plus von gerundet zwei Prozent.

Was sagt das aus, angesichts des starken Einbruchs im vergangenen Jahr?

Wir durchleben in der Tat ein Konjunktur-Karussell. Im ersten Quartal 2009 war die Wirtschaft in Deutschland gegenüber dem vierten Quartal 2008 um beispiellose 3,5 Prozent geschrumpft. Im dritten Quartal hat sie dann wieder um 0,7 Prozent zugelegt, in normalen Zeiten ein starkes Plus. Jetzt holen die Unternehmen weltweit einen Teil der Investitionen nach, die sie wegen der Angst vor dem drohenden Zusammenbruch im Herbst 2008 abrupt gestrichen hatten. Die Wirtschaft wächst jetzt so schnell, weil sie nach dem Schock der Lehman-Pleite noch stärker eingebrochen war.

Aber hilft Wachstum wirklich?

Chefvolkswirt Jörg Krämer: Der 43-Jährige begann 1992 in der Konjunkturabteilung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und hat bei dessen Ex-Präsidenten Horst Siebert promoviert. Danach arbeitete er als Deutschland-Volkswirt bei Merrill Lynch, später bei Invesco Asset Management als Senior Economist und ab dem Jahr 2000 als deren Chefsvolkswirt. 2005 bis Juli 2006 war er Chefvolkswirt der Hypo Vereinsbank, wechselte dann zur Commerzbank.
Chefvolkswirt Jörg Krämer: Der 43-Jährige begann 1992 in der Konjunkturabteilung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und hat bei dessen Ex-Präsidenten Horst Siebert promoviert. Danach arbeitete er als Deutschland-Volkswirt bei Merrill Lynch, später bei Invesco Asset Management als Senior Economist und ab dem Jahr 2000 als deren Chefsvolkswirt. 2005 bis Juli 2006 war er Chefvolkswirt der Hypo Vereinsbank, wechselte dann zur Commerzbank.

In dieser historischen Ausnahmesituation sollte man nicht nur über Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts sprechen. Mindestens genauso wichtig ist der Blick auf das in Euro gemessene Niveau des Bruttoinlandsprodukts. Und hier zeigt sich, dass die deutsche Wirtschaft trotz starken Wachstums im zweiten Halbjahr Ende 2009 nur ein Viertel des Produktionseinbruchs aufgeholt haben wird, den sie in der Rezession erlitten hatte. Man kann dann nicht sagen, es ginge ihr gut. Noch lässt lediglich der Schmerz nach.

Wird die Krise also schöngeredet?

Die Menschen wollen von der Krise nichts mehr hören. Deshalb ist es normal, dass sie sich freuen, wenn die Wirtschaft wieder wächst. Das ist ein psychologischer Effekt. Allerdings sollte man die hohen Zuwachsraten nicht bedenkenlos in die Zukunft fortschreiben. Glauben Sie, dass die Wirtschaft im nächsten Jahr noch einmal in die Rezession zurückfallen wird? Nein. Asien wächst kräftig, die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins auf nur noch ein Prozent gesenkt, und in den USA haben die Hauspreise aufgehört zu sinken. Wir glauben deshalb nicht, dass die Wirtschaft 2010 zurückfällt in die Rezession.

Dass wir dennoch keine Massenarbeitslosigkeit haben, keine Pleitewelle – ist das ein Beleg dafür, wie stark die deutsche Wirtschaft strukturell ist?

Das stimmt. Sie wurde trotz dieser Einbrüche nicht aus der Bahn geworfen.

Welche Stärken sind das genau, die die deutsche Wirtschaft so robust machen?

Ihre Wettbewerbsfähigkeit. Die Lohnstückkosten im verarbeitenden Gewerbe steigen in allen Ländern der Welt. In Deutschland sinken sie seit 1990. Das ist zur Hälfte der langjährigen Lohnzurückhaltung geschuldet, aber auch einem sehr starken Produktivitätsfortschritt. Deutschland ist es wegen der gesunkenen Lohnstückkosten gelungen, seinen Anteil am Welthandel konstant zu halten. Das ist eine große Leistung. Schließlich holt China auf und erhöht laufend seinen Weltmarktanteil.

Welche gibt es noch?

Die bilanzielle Stärke. Deutsche Unternehmen haben in den Jahren nach dem Platzen der Internetblase 2000/2001 ihre Schulden abgebaut und ihre Bilanzen bereinigt. Seither haben sie die Schulden stabil gehalten. In anderen Ländern des Euroraums haben die Unternehmen dagegen neue Verbindlichkeiten aufgetürmt. Hinzu kommt: Wir hatten in Deutschland keinen Immobilienboom. Die Häuserpreise hier fallen nicht, sondern sind stabil. Die Sparquote der Deutschen ist auch hoch. Die Bilanzen der Privathaushalte sind anders als in den USA in Ordnung. Hohe Wettbewerbsfähigkeit, geordnete Bilanzen der Unternehmen und Privathaushalte – an diesen drei grundlegenden Stärken der deutschen Volkswirtschaft hat die Finanzkrise nichts geändert.

Wie ist es möglich, dass die Öffentlichkeit kaum etwas davon weiß?

Weil die deutsche Wirtschaft stark vom Export abhängt. Und der ist in der Krise eingebrochen. Da hilft es zunächst nicht, wenn man wie Deutschland strukturell stärker aufgestellt ist als der Rest der Welt.

Weil wir vor allem Maschinen und andere Investitionsgüter ins Ausland exportieren?

Genau. Die Industrie bedient zum guten Teil die weltweite Nachfrage nach Investitionsgütern. Und die ist in der zurückliegenden Rezession nun einmal eingebrochen.

Viele Unternehmen klagen darüber, dass sie nur noch schwer an Kredite kommen. Sehen Sie eine Kreditklemme 2010?

Nein. In einer Rezession fragen die Unternehmen von sich aus weniger Kredite nach. Das ist normal. Dass auf der anderen Seite die Banken ihre Kreditbedingungen verschärft haben, hat bis zuletzt nicht die Hauptrolle gespielt. Ich kann in den Daten noch keine breit angelegte Kreditklemme erkennen. Ich glaube aber, dass das Risiko einer Kreditklemme im Frühjahr steigen wird, wenn das Wirtschaftswachstum den Kreditbedarf der Unternehmen wieder erhöht.

Und was ist mit den Schulden? Wie kommen wir da wieder runter? Sind Steuersenkungen das richtige Mittel?

Grundsätzlich habe ich Sympathie für niedrigere Steuern – trotz der zugegeben sehr hohen Staatsdefizite. Aufgrund der Haushaltslage Steuersenkungen komplett abzulehnen, wäre nicht richtig.

Ist es der richtige Zeitpunkt?

Eine hohe Steuerbelastung dämpft langfristig das Wachstum und hemmt die Anreize zum Arbeiten und Investieren.

Sie weichen einer Antwort aus. . .

. . .wenn man immer auf den richtigen Zeitpunkt wartet, läuft man Gefahr, es am Ende gar nicht zu tun.



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