Überrascht sind die Leute von Schlecker nicht, als die Menge sich Sonnabendvormittag dort versammelt, wo in den Regalen das Klopapier liegt. Zwei Männer von der Sicherheit sind engagiert worden, damit die Sache nicht aus dem Ruder läuft. Sie wehren am Eingang das Kamerateam von Radio Bremen ab, und auch die Fotografen müssen draußen bleiben. So geheim und spontan ist der Flashmob also nicht, die Medien wissen Bescheid und Schlecker eben auch. Trotzdem oder gerade deswegen geht abgesehen von ein paar Rangeleien alles glimpflich ab.
Der Protest wendet sich gegen eine neue Unternehmensstrategie von Schlecker. Nach Einschätzung der Organisatoren des Flashmobs - ein Bremer Bündnis mit Namen 'Wir zahlen nicht für eure Krise' - will der Konzern den Druck auf seine Beschäftigten weiter erhöhen. Unter der Bezeichnung 'Schlecker XL' würden neue und größere Filialen eröffnet, die kleineren dafür geschlossen.
Einher gehe dies mit der Kündigung vieler Mitarbeiterinnen, denen von Schlecker angeboten werde, in eine eigens gegründete Leiharbeitsfirma zu wechseln - für acht Euro die Stunde statt vorher zwölf. 'Mit diesem arbeitsrechtlichen Trick will das schuldenfreie Unternehmen eine über 30-prozentige Lohnkürzung durchboxen', informiert das Bündnis, dem eigenen Angaben zufolge verschiedene Erwerbsloseninitiativen, Gewerkschafter, Unorganisierte und Vertreter der Linken angehören. Schlecker war Samstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
'Schlecker XL, Löhne XS', hat eine der Demonstrantinnen auf dem T-Shirt stehen. Sie heißt Antje Treptow, ist 38 Jahre alt und selbst Angestellte bei Schlecker, dort aber durch ihre Betriebsratstätigkeit besser geschützt als die anderen Verkäuferinnen.
'Wenn sich durchsetzt, was Schlecker vorhat, wird es bei den anderen Discountern bald genauso sein', befürchtet die Frau. 'So mir nichts dir nichts werden hier Tarifverträge umgangen.' Wer dann letztlich so wenig verdiene, dass es zum Leben nicht reiche, müsse sich Unterstützung beim Staat holen. 'So saniert sich Schlecker auf Kosten der Allgemeinheit.'
Der Filialleiterin wird es jetzt langsam zu bunt. Sie fährt einen der Sicherheitsleute an. 'Machen Sie was!', sagt sie in barschem Ton, 'wozu sind Sie denn da?' Zaghaft wird daraufhin versucht, die Lautsprecheranlage abzustellen, doch keine Chance, die Menge ist stärker.
Reihum kommen jetzt auch Vertreter anderer Firmen zu Wort. Ein Mann vom Gesamthafenbetriebsverein, der die Entlohnung dort beklagt, ein Angestellter der von Massenentlassungen bedrohten mdexx GmbH und eine Taxifahrerin: 'Manchmal bleiben nach einer Zwölf-Stunden-Schicht nur 30 Euro übrig, wer soll davon leben?'
Eine andere Frau hat sich in einen Eselskostüm gezwängt, in Anspielung an die Bremer Stadtmusikanten. 'Ich habe mich aus dem Süden auf den Weg nach Bremen gemacht, und was finde ich hier vor: Ungerechtigkeit!', spielt die Frau ihre Rolle. 'Wir Stadtmusikanten hatten damals Mut, vielleicht finden diesen Mut jetzt auch andere.'
Als die Polizei eintrifft, verlässt die Menge langsam den Laden und entschließt sich kurzerhand zu einer kleinen Demonstration durch Gröpelingen. Bei Schlecker wird jetzt wieder verkauft, als wäre nichts gewesen.


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