Prüfungen der Schüler gefährdet

 - 18.05.2011

Beluga College braucht 20.000 Euro

Von Frauke Fischer
Bremen. Im ersten Stockwerk schreiben Oberstufenschüler konzentriert an ihren Langzeitklausuren in Recht und Geografie. In der Etage darunter ringen Schulleiter Gerd May und sein Team um die Zukunft des Beluga College. Bis Dienstag müssen 20.000 Euro für die Wochen bis zum Schuljahresende aufgetrieben werden. Über die Zeit danach laufen Gespräche mit möglichen neuen Trägern. Sie sollen den College-Betrieb fortführen, dessen Existenz durch die Insolvenz der Beluga-Unternehmensgruppe bedroht ist.
Schulleiter Gerd May hofft auf eine Zukunft des Beluga College als Schule in freier Trägerschaft und auf schnelle Unterstützung für die Wochen bis zum Ende des Schuljahres.
Schulleiter Gerd May hofft auf eine Zukunft des Beluga College als Schule in freier Trägerschaft und auf schnelle Unterstützung für die Wochen bis zum Ende des Schuljahres.

Für elf Schülerinnen und Schüler stehen noch eine schriftliche und vier mündliche Prüfungen für den sogenannten mittleren Schulabschluss an. Die Abiturienten haben noch mindestens eine mündliche Prüfung vor sich. Sie sollen sie im Juni ablegen. "Dafür müssen wir gerettet werden", sagt Schulleiter Gerd May. 42 Schüler und zehn Lehrer setzen darauf. Und auf den weiteren Betrieb.

Eine Reihe von Spenden - darunter eine namhafte von der Kieserling-Stiftung - für die Zeit bis zu den Ferien sind schon eingegangen. Das Wohl und Wehe in der einst von Reeder Niels Stolberg auf den Weg gebrachten Oberstufe hängt nun davon ab, ob sich weitere Menschen finden, die helfen. Darauf hoffen Marleen, Jennifer, Max, Philipp und ihre Mitschüler. "Wir sind von der Situation extrem betroffen", sagt Max. "Wir sind in der Qualifikationsphase und können nicht so einfach auf eine andere Schule wechseln."

Wechseln - das würde bedeuten, aus dem Bildungskonzept am Beluga College in eine Regelschule zu gehen, die in ihrer Methodik und auch Notengebung komplett anders ist als das, was die 15- bis 19-Jährigen derzeit erleben. Die Bildungsbehörde hat einen solchen Notfallplan,, nach dem die Schüler verteilt werden könnten, bereits erstellt.

Seitdem das College als Schule in freier Trägerschaft 2009 nach dem Konzept von Mitbegründer Gerd May mit Unterstützung von Beluga startete, haben sich etliche Mädchen und Jungen ganz bewusst für das Lernen dort entschieden. Statt in großen Klassenräumen sitzen sie in kleinen Teams in Großraumbüros zusammen. "Jeder hat seinen eigenen Arbeitsplatz. Die Lehrer stehen beratend zur Seite und sind fast auf Augenhöhe mit den Schülern", sagt Gerd May. Organisiert wie in einem Unternehmen ist der Arbeitsalltag zwischen 8 und 18 Uhr, in dem die Schüler ihre täglichen acht Stunden unterbringen müssen. Präsenzpflicht ist in der Kernzeit von 9 bis 12 und 13 bis 16 Uhr. Es gibt Pflicht- und frei wählbare Veranstaltungen in den einzelnen Fächern. Abgesehen von den Ferien gibt es Gleitzeit- und Urlaubstage, die die Schüler nach ihrem individuellen Lernprogramm festlegen. Der Computer ist für sie nicht nur Schreibgerät, sondern Kommunikations-, Organisations- und Recherchemittel wie in einem großen Unternehmen.

Während Philipp und Marleen ihre Ergebnisse einer Arbeit in Betriebswirtschaftslehre vergleichen, hat Max ein dickes Lernbuch aufgeschlagen. "Auf dieser Schule braucht man viel Eigeninitiative", sagt Philipp. So hat er sich wie viele andere auch nicht von seinen Eltern herschicken lassen, sondern selbst für das College entschieden - wegen des Lernkonzepts. "Meine Eltern haben oft gefragt: Hast du dir das gut überlegt?", erzählt Jennifer. "Und ich habe noch keinen Tag bereut."

Tatsächlich, so betonen Gerd May und Patricia Grashoff, die Recht unterrichtet, hat kein Schüler das College bislang verlassen. Auch von den 20 Anmeldungen für das kommende Schuljahr sei noch keine zurückgezogen worden. Die Dozentin schätzt das soziale Miteinander unter Schülern und Lehrern. "Es gibt hier keine Probleme mit Gewalt, Zerstörung oder Mobbing." Das oft jahrgangsübergreifende Lernen bringt die Schüler einander nahe. "Hier hilft jeder jedem", sagt Philipp.

Ein Teil der Schüler ist an diesem Mittwoch in der Erwachsenenschule. Da das Beluga College eine genehmigte Ersatzschule ist, darf es Prüfungen nicht allein abnehmen. Das geschieht nun in Kooperation mit der Erwachsenenschule, wo Prüfungskommissionen aus collegeeigenen und fremden Lehrern für die Termine zusammenkommen. Mit den bisherigen Ergebnissen ist Schulleiter May mehr als zufrieden: "Und das spricht doch für unser Konzept."

Am Dienstag, 24. Mai, soll es einen Informationsabend mit Eltern, Lehrern, Schülern, Vertretern der Schulbehörde und des Insolvenzverwalters geben. Weitere Infos gibt es unter www.beluga-college.de. Das Spendenkonto: Rechtsanwaltsanderkonto Tobias Haas, Bremer Landesbank, BLZ 290 50000, Kto. 200 111 09 08.






Dossier zur Krise der Beluga-Reederei

Am 28. Februar 2011 berichtete der WESER-KURIER von Übernahmeplänen der Bremer Reederei Beluga durch den US-Hedgefond Oaktree. In unserem Online-Dossier finden Sie ausführliche Informationen rund um die Reederei, ihren Ex-Chef Niels Stolberg und die Folgen der Insolvenz in Bremen.

Chronologie der Beluga-Krise

Lange galt Beluga als erfolgreichste Reederei Bremens und ihr Gründer Niels Stolberg als Vorzeigeunternehmer der Stadt. Doch dann wird Stolberg überraschend entmachtet, wenige Wochen später ist Beluga dem Untergang geweiht. Wir erinnern an die dramatischen Ereignisse und berichten über die neuesten Entwicklungen.

 

Niels Stolberg

Das Verfahren

Die Insolvenz

Reederei und Flotte

Der Investor

Die Banken

Beluga School for Life

Das Offshore-Geschäft

Experten-Videos zur Beluga-Krise

Krischan Förster, Wirtschaftsredakteur des WESER-KURIER und Experte in Sachen Beluga, gibt in unseren Video-Interviews Einschätzungen zur Insolvenz der Bremer Reederei.

 

Video-Interview vom 24. März 2011

Video-Interview vom 18. März 2011