Ermittlungsverfahren wegen Veruntreuung von Spendengeldern

 - 06.10.2011

Stolberg beteuert Unschuld

Von Krischan Förster
Bremen. Anfang April tauchten erstmals Vorwürfe auf, Beluga-Gründer Niels Stolberg könnte Spendengelder für sein Tsunami-Hilfsprojekt in Thailand in seine Reederei umgeleitet haben. Binnen weniger Tage präsentierte der Förderkreis der Beluga School for Life damals ein Gutachten, das Stolberg komplett entlastete. Nun aber scheint die Bremer Staatsanwaltschaft neue Indizien gefunden zu haben. Denn sie hat jetzt offiziell ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Untreue gegen den 50-Jährigen eingeleitet.
Niels Stolberg
Beluga-Reeder Niels Stolberg.

Bereits seit Anfang März laufen Ermittlungen gegen Stolberg und weitere ehemalige Reederei-Führungskräfte wegen Betrugsverdachts und Bilanzfälschung. Die Anzeige kam vom US-Finanzinvestor Oaktree, der zeitgleich die Kontrolle über Beluga übernommen und Stolberg rausgeworfen hatte. Das Verfahren zieht sich nun schon seit sechs Monaten hin, ein Ende ist lange noch nicht in Sicht. Nun rollt ein zweites Ermittlungsverfahren auf Stolberg zu. Worum geht es?

Im Herbst 2009 war beim "RTL-Spendenmarathon" um Hilfe für das von Stolberg gegründete Waisendorf im thailändischen Khao Lak geworben worden. 1.062.871 Euro kamen im Laufe der Fernsehsendung zusammen, gedacht für den Neubau einer Schule. Stolberg selbst hatte zuvor 500000 Euro als sogenannte Startspende eingezahlt, um bereits mit einem hohen Betrag beginnen zu können. Diese Summe wurde, wie vertraglich vereinbart, anschließend von RTL wieder zurückgezahlt. Aus bis heute unbekannter Quelle tauchte dann vor sechs Monaten der Vorwurf auf, Stolberg habe eine weitere halbe Million unrechtmäßig für Beluga abgezweigt, um Finanzlöcher in der Reederei zu stopfen.

Diesen Untreue-Vorwurf untersucht nun auch die Staatsanwaltschaft ganz offiziell. Anzeige wurde nicht erstattet, die Behörde habe aufgrund der vielen Nachfragen "von Amts wegen" die Ermittlungen eingeleitet, sagt Frank Passade, Sprecher der Staatsanwaltschaft. In den vergangenen Monaten seien Geschäftsunterlagen und E-Mail-Korrespondenzen intensiv ausgewertet sowie Zeugen befragt worden, so der Behördensprecher weiter. "Am Ende konnten wir den Anfangsverdacht bejahen." Offenbar interpretieren die Bremer Strafverfolger die vertraglichen Vereinbarungen anders als der seinerzeit vom Förderkreis eingesetzte Gutachter.

Gutachter sahen keine Verfehlungen

Der Frankfurter Wirtschaftsprüfer Hendrik Ansink, der zuvor schon Affären um den Bremer Flughafen und die Bremerhavener Havenwelten untersucht hatte, war zu dem Ergebnis gekommen, dass die Prüfung "keine Anhaltspunkte für Verfehlungen" ergeben habe. Unstrittig ist, dass tatsächlich ein Betrag in Höhe von 500000 Euro vom Konto der Beluga School for Life an die Reederei überwiesen wurde, einen Tag nach Eingang der RTL-Spendensumme. Zulässig? Ja, sagt der Gutachter. Auch Stolberg meldete sich am Mittwoch nach langem Schweigen zu Wort: "Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen."

Aus Ansinks Sicht ist dieser Transfer vertraglich abgedeckt. Das habe er in seinem Gutachten auch nachgewiesen. Die fragliche halbe Million sei mit Zahlungen verrechnet worden, die von Beluga vorfinanziert worden seien - "was rechtlich wie betriebswirtschaftlich nicht zu beanstanden" sei. So sei es im Sponsorenvertrag zwischen der Reederei und der Beluga School for Life auch vorgesehen gewesen. "Das Geld, das für die Schule gedacht war, ist in voller Höhe auch in Thailand angekommen. Es wurde nichts veruntreut." Die Summe habe sogar um 56294 Euro über dem vereinbarten Gesamtbetrag gelegen. Über alle Ausgaben und Buchungen lägen detaillierte Nachweise vor, so Ansink. Die Staatsanwaltschaft sieht den Fall anders. "Eine Verrechnung hätte es nach unserem Verständnis nicht geben dürfen", sagt Passade. Ansink, der zu seinem Gutachten steht, kann sich das nicht erklären. "Ich stehe gern zur Verfügung, um den Fall aufzuklären." Bislang sei er nicht einmal gefragt worden.






Dossier zur Krise der Beluga-Reederei

Am 28. Februar 2011 berichtete der WESER-KURIER von Übernahmeplänen der Bremer Reederei Beluga durch den US-Hedgefond Oaktree. In unserem Online-Dossier finden Sie ausführliche Informationen rund um die Reederei, ihren Ex-Chef Niels Stolberg und die Folgen der Insolvenz in Bremen.

Chronologie der Beluga-Krise

Lange galt Beluga als erfolgreichste Reederei Bremens und ihr Gründer Niels Stolberg als Vorzeigeunternehmer der Stadt. Doch dann wird Stolberg überraschend entmachtet, wenige Wochen später ist Beluga dem Untergang geweiht. Wir erinnern an die dramatischen Ereignisse und berichten über die neuesten Entwicklungen.

 

Niels Stolberg

Das Verfahren

Die Insolvenz

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Der Investor

Die Banken

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Das Offshore-Geschäft

Experten-Videos zur Beluga-Krise

Krischan Förster, Wirtschaftsredakteur des WESER-KURIER und Experte in Sachen Beluga, gibt in unseren Video-Interviews Einschätzungen zur Insolvenz der Bremer Reederei.

 

Video-Interview vom 24. März 2011

Video-Interview vom 18. März 2011