| Das Wilhelm Kaisen-Quiz » |
Diese Reise konfrontiert uns mit extremen Unterschieden. Heute Morgen noch sind wir, das Team „Kreativnomaden“, fröstelnd in Tallinn in den Flieger gestiegen, und jetzt weht uns ein lauer Sommerwind um die Nase.
In Tallinn haben wir erfahren, wie wichtig es für die Menschen ist, den öffentlichen Raum für sich zurückzuerobern, aus ihren Häusern zu kommen, etwas gemeinsam zu machen. In Istanbul findet das Leben auf der Straße statt – die Straße ist das Leben, und die Straßen sind immer voll. Und doch gibt es etwas, das beide Städte verbindet: Die Entwicklung der zeitgenössischen freien Kunst- und Kulturszene hat eine relativ junge Geschichte. Nach einer langen Zeit der Reglementierung und des Stillstands ist nun alles in Bewegung. Alles findet sich, alles richtet sich nach vorn, und zwar in beiden Städten unter schwierigen finanziellen Bedingungen.
Beide Orte sind von unterschiedlichen Einflüssen geprägt: Tallinn versucht sich zwischen Finnland, Russland und Westeuropa zu positionieren, Istanbul verbindet Orient und Okzident und ist Melting Pot eines Vielvölkerstaats. Kein Wunder, dass dieser Ort uns verwirrt. Wir brauchen viel länger um uns zu orientieren als in Tallinn. Die Zeichen der Stadt sind viel schwerer zu lesen. Alles dauert länger und kostet mehr Kraft – und das nicht nur der Größe wegen.
Der Hunger der jungen Istanbuler Szene auf alles Neue scheint unersättlich. Die Gefahr bestehe darin, so haben wir gehört, dass der flirrende Zustand keine Ruhe für eine organische Suche nach der eigenen künstlerischen Identität lässt. Stattdessen ist die Verführung groß, sich von vorhandenen westlichen Strömungen tragen zu lassen.


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