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Bremen. Europäischer als am vergangenen Sonnabend hat sich ein Besuch in der Stauerei selten angefühlt. Bilder, Geschichten und vor allem Ideen aus elf Städten des Kontinents wurden den Besuchern in Inszenierungen, Filmen oder Gesprächen nähergebracht. Zusammengetragen hatten die Eindrücke zwölf Bremerinnen und Bremer. Im Auftrag des Klub Dialog waren sie im Sommer aufgebrochen, um Europa aus kreativwirtschaftlicher Perspektive zu erforschen. "Expedition" lautete der Titel des bislang einzigartigen Bildungsausflugs. In vier Teams sollten sich die Reisenden erfolgreiche Projekte aus Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft in verschiedenen Städten ansehen. Die Initiatoren erhofften sich nach eigenen Angaben praktische Anleitungen für eine entsprechende Umsetzung in Bremen.
Die Bremer Regisseurin und Performerin Katrin Bretschneider war mit ihrem Team in Istanbul unterwegs. Per Diashow und selbst auf einem Laufband marschierend nahm sie das Publikum mit auf einen Spaziergang durch den pulsierenden Stadtteil Beyoglu. Dort hatte sie unter anderem das "Depot" besucht. Die nicht-kommerzielle Galerie ist in einem ehemaligen Tabak-Depot untergebracht. Sie dient jungen Künstlern einerseits als Ausstellungsort, aber auch Atelier- und Büroarbeitsplätze hält die Einrichtung vor. "Die künstlerische Arbeit ist sehr stark politisch geprägt", berichtete Bretschneider. Themen wie die Rolle des Militärs im Land oder Wohnungsnot in Istanbul spielten eine prägende Rolle. Der türkische Staat hält sich aus der Finanzierung der Galerie gänzlich heraus. Getragen wird die Einrichtung in erster Linie durch einen türkischen Geschäftsmann und Zuschüsse der EU.
Schweigegelübde in Paris
Ein weiteres Projekt, das die Bremer in der Bosporus-Metropole entdeckt haben, hat der Deutsch-Türke Erdogan Altindis entwickelt. Der Architekt und freischaffende Künstler hat mehrere Apartements individuell gestaltet und vermietet sie an Touristen. Die Zimmer sind bestückt mit Bildern aus seiner Galerie, in der er lokalen und internationalen Künstlern ein Forum bietet. Die Apartment-Gäste können die Werke kaufen. Außerdem bietet Altindis seinen Besuchern alternative Stadtführungen an, die einen Blick auf das Istanbul abseits der gängigen Touristenattraktionen ermöglicht. Das Konzept ist so erfolgreich geworden, dass Erdogan Altindis sich mittlerweile ernsthaft überlegen muss, wie viel Wachstum sein Unternehmen verträgt, um nicht zu anonym zu werden und seinen ursprünglichen Charme zu verlieren.
Der estnische Aktivist Erko Valk hat seine Arbeit am Sonnabend persönlich in Bremen vorgestellt. Die Expeditionsteilnehmer haben ihn in Tallinn kennengelernt, wo er mit einer Gruppe Gleichgesinnter ein altes Holzhaus namens Seltsimaja (etwas gemeinsam machen) betreibt. Die Einrichtung dient als Impulsgeber für einen Stadtteil, der zwar über lange Tradition und hübsche Bausubstanz verfügt, allerdings kaum öffentliches Leben kennt. Mit Straßenfesten, Workshops und vielen weiteren Impulsen hat die Gruppe es geschafft, die Nachbarschaft zu mobilisieren. "Und wenn das für manche auch nur bedeutet, sich über uns zu beschweren", erklärte der Kulturaktivist scherzend.
Aus Stockholm berichtete eine Bremer Reisegruppe vom Unternehmen Green Fortune. Dessen Belegschaft besteht aus Designern und Architekten, die sich zum Ziel gesetzt haben, städtische Räume mithilfe neuer Herangehensweisen zu begrünen. So hat die Firma etwa Pflanzenteppiche konzipiert, die ganze Wände einnehmen können. Sie sollen laut ihren Entwicklern sowohl Schadstoffe filtern als auch die Luftfeuchtigkeit regulieren.
In Lissabon war ein Bremer Expeditionsteam den Machern des Projekts Crono auf der Spur. In Portugals größter Stadt herrscht Wohnungsnot. Gleichzeitig verfallen unzählige Gebäude. Crono hat auf diesen Missstand aufmerksam gemacht, indem es die Bauruinen im Stadtbild deutlich hervorhob. Für das Vorhaben gewannen die Organisatoren 16 Streetart-Künstler aus aller Welt. Sie bemalten und beklebten die leerstehenden Häuser auf ihrer gesamten Höhe mit grellen Motiven. Auf diese Weise wurde der ungenutzte Wohnraum unübersehbar. Die Aktion hatte bereits Konsequenzen - wenn auch zweischneidige: Viele der bemalten Häuser sind mittlerweile abgerissen. "Aber immerhin entsteht an ihrer Stelle jetzt neuer Wohnraum", sagt Expeditionist Ole Schiesser.
Als weniger aussagekräftig erwiese sich das Pariser Künstlerkollektiv "Les Ux". Die Gruppe hatte durch nicht immer legale Kunst im öffentlichen Raum von sich reden gemacht. Einer der Protagonisten erklärte sich bereit, den Bremern seine Werke zu zeigen. Gleichzeitig nahm er ihnen jedoch das Versprechen ab, nichts darüber zu verraten - und so gab es auch nichts zu berichten.
Was nun konkret aus den 25 Konzepten und Ideen werden soll, die die Expeditionsreisenden mit nach Bremen gebracht haben, steht noch nicht fest. Der Klub Dialog hat sämtliche Projekte in einem aufwendig gestalteten Magazin katalogisiert. "Wenn auch nur ein Funke zündet, haben wir alle viel erreicht", sagte die Klub-Vorsitzende Nicole Kahrs. Nachdem nun alle Informationen zusammengetragen worden seien, gelte es zu prüfen, welche Möglichkeiten daraus ergeben könnten. Fest steht unterdessen, dass es auch im kommenden Jahr wieder eine Expedition geben soll. "Darüber hinaus wollen wir ein Stipendium ins Leben rufen, das dabei helfen soll, solche Projekte weiter umzusetzen", sagte Kahrs.


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