Mehr als nur 'ne Plauderei?

 - 27.01.2012

"Gottschalk Live" - eine erste Bilanz nach einer Woche

Von Kai-Oliver Derks
Eine Woche Gottschalk: eine Bilanz mit Pro und Contra.
Thomas Gottschalk feierte mit seiner ersten Ausgabe seines Vorabendtalks einen fulminanten Einstand. Danach sanken die Quoten deutlich.
Thomas Gottschalk feierte mit seiner ersten Ausgabe seines Vorabendtalks einen fulminanten Einstand. Danach sanken die Quoten deutlich.

Natürlich ist die Sendung im Grunde ein Gewinn fürs deutsche Fernsehen. Etwas Vergleichbares gab es bisher noch nicht. "Gottschalk Live" kann eine willkommene Abwechslung am Vorabend werden, der seit Jahren von allen TV-Sendern mit Ausnahme des ZDF eher stiefmütterlich und fantasielos behandelt wird. Dass das Erste mit dem werktäglichen (Montag bis Donnerstag) Format nun versucht, eine halbe Stunde Familienfernsehen zu etablieren, mag wie ein Anachronismus wirken, ist aber aller Ehren wert. Indes: Die Quoten gingen nach einer verkorksten Debütsendung deutlich nach unten. Und es zeigt sich: Thomas Gottschalk erreicht wenig überraschend vor allem das ältere Zielpublikum. Das junge jedoch, das für die ARD am werbefinanzierten Vorabend im Mittelpunkt des Interesses steht, zeigt sich wenig interessiert. Eine Bilanz der ersten Woche, mit Pro und Contra.

Franz Beckenbauer war Studiogast in der zweiten Ausgabe von "Gottschalk Live". Mitte: Thomas Gottschalk, rechts Social-Media-Redakteurin Caro.
Franz Beckenbauer war Studiogast in der zweiten Ausgabe von "Gottschalk Live". Mitte: Thomas Gottschalk, rechts Social-Media-Redakteurin Caro.

Das Studio: Gemütlich, modern, mit Loft-Charakter und Che Guevara an der Wand. Ein bisschen sehr "inszeniert" vielleicht. Aber die Verantwortlichen haben Gottschalk ein rundum gelungenes Set gebaut, das ausreichend Raum für Gespräche, aber auch Bewegung bietet. Zimmer und Bühne gleichermaßen - mit vielen kleinen entdeckenswerten Plätzen. Leider auch räumlich ein bisschen außen vor ist die Redaktion, die sich nur dann ins Geschehen einbinden lässt, wenn Gottschalk aktiv auf sie zugeht. Am Mittwoch "entdeckte" er sogar seinen Politikredakteur. Nur ab und an wünschte man sich eine etwas mutigere Kameraführung mit ungewöhnlicheren Perspektiven.

Die Gäste: Seine anfängliche Behauptung, man wolle nicht in erster Linie Plattform sein für Gäste, die etwas zu bewerben haben, führte Gottschalk im Laufe der Woche selbst ad absurdum. Bully Herbig, Armin Rohde, die Darsteller der fünf Freunde - sie alle kamen, um ihre neuen Filme vorzustellen. Darüber hinaus nutzte Gottschalk in der ersten Woche seine Kontakte zur Szene und servierte mit Franz Beckenbauer und Anna Netrebko echte Superstars. In dieser Größenordnung dürfte das Niveau schwer zu halten sein. Eine echte Überraschung: der Schauspieler Karsten Speck nach seiner Haft, der in Sachen Schuldeingeständnis mit Gottschalk auf einen gnädigen Interviewer traf. Absolut passend, weil brandaktuell: Katarina Witt bezog live im Studio Stellung zu den britischen Vorwürfen, sie habe als Jurorin der Sendung "Dancing On Ice" die Kandidatin Chemmy Alcott verunglimpft. So darf es sein: hübsch boulevarig, aber eben mit exklusiver Botschaft unterfüttert und damit deutlich stärker als die Boulevardmagazine am Spätnachmittag. Klar ist aber auch: Ein junges Zielpublikum lässt sich mit Gästen wie diesen nicht erreichen. Musik spielt bisher ebenso keine Rolle wie aktueller Sport oder das Thema Social Media. Die nächsten Gäste Anke Engelke, Karl Lagerfeld und Twiggy werden daran nichts ändern.

Nach Ende der Sendung verbringt Thomas Gottschalk eine halbe Stunde vor dem Computer. Während der Sendung spielt das Thema Social Media nur eine untergeordnete Rolle.
Nach Ende der Sendung verbringt Thomas Gottschalk eine halbe Stunde vor dem Computer. Während der Sendung spielt das Thema Social Media nur eine untergeordnete Rolle.

Der Social-Media-Ansatz: Der mutige Plan lautete: "Über Homepage, Facebook oder Twitter werden die Zuschauer Teil der Sendung. Ihre Meinungen, Videos und Fotos greift Thomas Gottschalk auf und diskutiert auch schon mal via Skype mit seinem Publikum." Die Realität: All das fand bisher nicht statt. Hier und da eine belanglose Frage aus Facebook an einen Prominenten, viel mehr geschieht in der Live-Sendung nicht. Als sich in der Premierensendung innerhalb von wenigen Minuten Tausende bei Facebook über die unglückliche Platzierung der Werbung beschwerten, wurde diese Tatsache von Gottschalk geflissentlich ignoriert. Auch in den weiteren Folgen setzte sich weder Moderator noch Redaktion in der Show aktiv on air mit dem Feedback aus dem Netz auseinander. Erst im Anschluss steht Gottschalk zum "Chat" bereit. Die dort am Montag aufgeworfene (zugegeben etwas naive) Frage, ob man die Werbeunterbrechungen abschaffen könnte, wurde indes mit einem flapsigen "von mir aus gerne, wenn ihr mehr gebuehren zahlen wollt" beantwortet. Wohl aber zeigte sich, dass die ARD, wenn sie denn genügend Zeit hat, ihre User durchaus ernst nimmt. Nach der harschen Kritik an der Gestaltung der drei Werbeunterbrechungen in der ersten Ausgabe wurde beim zweiten Mal reagiert. Sicher eher ein Verdienst der Facebook-User denn der tags darauf berichtenden Presse, die Gleiches anmahnte.

Der Faktor Tagesaktualität: Die offizielle Vorgabe: "Thomas Gottschalk, wird in seiner Sendung auf die Themen eingehen, die Tagesgespräch sind, ihm relevant erscheinen und die die Menschen bewegen." Tatsächlich geschah das nur selten. Gottschalk hängt zwar die "Bild"-Zeitung und auch andere Blätter aus, kümmert sich aber zu selten um deren Inhalt. Abgesehen davon, dass er beinahe täglich seine Gäste nach ihrer Haltung zur Trennung von Seal und Heidi Klum fragte, die streng genommen aber schon am Montag beim Debüt ein "alter Hut" war. Schlimmer noch: Gottschalk ist offensichtlich schlecht informiert. Als er die vier Hauptdarsteller aus dem Kinofilm "Fünf Freunde" zu Gast hatte, allesamt Kinder, fragte er sie zunächst nach den Nachrichten des Tages, die sie am meisten beeindruckt hätten. Zweifellos eine optimistische Eröffnung eines Gesprächs mit Elf- und Zwölfjährigen. Einer von ihnen offenbarte als sein persönliches Highlight, dass er sich sehr für Sport interessiere und sich darüber gefreut hatte, als er beim Hinflug erfuhr, dass Deutschland beim Handball noch den Ausgleich gegen Polen erzielt habe. Gottschalks Entgegnung: "Richtig." Um dann noch als zweites Highlight zu ergänzen: "Und Ihr seid bei mir zu Gast." 3,9 Millionen Zuschauer hatten am Nachmittag im ZDF die 32:33-Niederlage und das Ausscheiden der deutschen Mannschaft aus der EM verfolgt (Gottschalk hatte an diesem Tag 2,2 Millionen Zuschauer). Was gleich zwei Probleme offenbart: Erstens: Gottschalk interessierte sich in diesem Fall nicht wirklich für die Ausführungen seines jungen Gastes. Und zweitens: Das herausragende sportliche Ereignis des Tages war bis dahin völlig am Moderator vorübergegangen. Andere junge Themen blieben in der Woche gleich völlig außen vor: Dschungelcamp (nur eine Erwähnung am Rande), neue CDs, "DSDS", der Rückzug von Piraten-Frontfrau Marina Weisband. Gottschalk wird, wenn er das junge Publikum erreichen will, nicht umhinkommen, sich jungen Themen und damit inhaltlich auch den Angeboten von Konkurrenzsendern zu öffnen.

Der Moderator: Gottschalk ist Gottschalk, mit allen positiven wie negativen Konsequenzen. Mit betonter Leichtigkeit führt er durch die Sendung, schaffte früh ein vertrautes Gefühl, lange Monologe beim Talk eingeschlossen. Bei den Gesprächen mit seinen Gästen bewegt er sich weiterhin auf "Wetten, dass ..?"-Niveau, will sagen: Es ist Geplauder. Mal mehr (Armin Rohde, Franz Beckenbauer), mal weniger unterhaltsam (Anna Netrebko, Bully Herbig, Alice Schwarzer). Wurde im Eventfernsehen noch meist mit einem leisen Lächeln über Gottschalks spürbares Desinteresse für manche Themen (Sport, junge Musik u.a.) hinweggesehen, könnte dies in einer tagesaktuellen Sendung zunehmend zum Problem werden. Die Hilfe könnte indes von nebenan kommen: Eine stärkere Einbindung seiner Redaktion, womöglich gar die Einführung eines echten Sidekicks als Korrektiv könnte dieses Problem wie weiland bei Harald Schmidt und Manuel Andrack lösen.

1 / 6