Zum Interview erscheint Benjamin von Stuckrad-Barre nicht im Anzug. Hätte ja sein können, schließlich moderiert der 37-Jährige, der als Autor ("Soloalbum") schon mit 23 reges Medieninteresse auf sich zog, mittlerweile eine Polit-Talkshow. Als er sich mit Mantel und Tasche im Restaurant zwischen zwei Tischen durchquetscht, stößt er ein Glas um. Er bemerkt, das sei typisch für ihn, ist deswegen aber nicht genervt. So wie der Freund von Christian Ulmen und Bewunderer von Helmut Dietl auf eigene Fehler verweist und von "beinahe geisteskranken Umarmungen" erzählt, wird deutlich, wie gerne er pointiert und besessen 45 Minuten durch "Stuckrad Late Night" rast. Wenn er ab 9. Februar zwölf Wochen lang immer am Donnerstag, ab 23.30 Uhr, auf ZDFneo in die zweite Runde als Gastgeber geht, will er sich die kurze Zeit anders einteilen. Dafür arbeitet er mit klugen Köpfen zusammen, vermeidet "Gründeln in sich selbst". Von Stuckrad-Barre interessiert sich nicht nur für Politik, sondern auch für andere und versteht besser, wer er ist. Und das Glas war übrigens leer.
teleschau: Was bedeutet es Ihnen, dass Sie mit "Stuckrad Late Night" in die Verlängerung gehen dürfen?
Benjamin von Stuckrad-Barre: Es freut mich, weil sich meinem Empfinden nach gen Ende der ersten Staffel die Sendung in eine gute Richtung entwickelte - so ganz hatten wir es aber noch nicht, und deshalb ist es erst mal schön, da weitermachen zu können.
teleschau: Müssen Sie einen neuen Sessel erst mal einsitzen?
Von Stuckrad-Barre: Ich muss mich schon erst zurechtfinden und selbst in einer solchen Rolle kennenlernen. Dazu gehört, mich auszuprobieren und zu sehen: Was kann ich in diesem Rahmen, und was kann ich nicht. So was kann man zwar theoretisch erörtern, doch erst die Praxiserfahrung bringt wirklich belastbare Erkenntnisse - die dann umzusetzen, die Sendung fortlaufend zu verändern, das ist eine mir angenehme Verfahrensweise.
teleschau: Was haben Sie denn für Staffel zwei optimiert?
Von Stuckrad-Barre: Wir alle fanden den Teil mit Gast immer besser als den ohne, also kommt mein Gast jetzt zu Anfang, und nicht mehr wie bisher erst nach etwa der Hälfte. Diese Lehre zogen wir aus der ersten Staffel - und wir sind gespannt, was jetzt der Fehler sein wird (lacht). Außerdem drehen wir in der "Fernsehwerft", einem richtigen Fernsehstudio, in dem es laut Produzent Christian Ulmen sogar eine Klimaanlage gibt.
teleschau: Dabei berichteten viele so beflissen davon, dass Sie bei den Aufzeichnungen schwitzen.
Von Stuckrad-Barre: Ich finde das nicht schlimm, denn das alles ist ja Arbeit. Es ist also völlig in Ordnung, wenn nicht folgerichtig, dass ich am Ende der Sendung sichtbar durchgeschwitzt und fern der Heimat bin, gar den Eindruck vermittle, dass mir mal dringend jemand beruhigend über den Kopf streicheln müsste. Mein Ziel ist es nicht unbedingt, ohne sichtbare Schäden aus so einer Sendung herauszukommen. Warum auch? Ich bin nicht Kai Pflaume, der noch in Minute 78 perfekt gepudert geradewegs aus der Herrenboutique-Ankleidekabine zu stolzieren scheint. Für die ihm gegebene Fähigkeit, unangetastet durchs Leben zu spazieren, vergöttere ich ihn. Nur bei mir ist es komplett anders. Mich reißt es hin. Wenn ich mich in so etwas hineinbegebe, soll das gern Spuren hinterlassen, durchaus auch an mir selbst.
teleschau: Sollte man eine Sendung mit jemandem machen, den man persönlich mag?
Von Stuckrad-Barre: Das ist kein Hinderungsgrund. Da die Gäste Politiker sind, entsteht automatisch eine Spannung. An Menschen, die ein ganz anderes Leben führen als ich, habe ich mehr Fragen als an einen Interviewpartner, dessen Leben meinem etwas mehr ähnelt.
teleschau: Ist es fordernder?
Von Stuckrad-Barre: Interessanter.
teleschau: Hat Sie das früher interessiert?
Von Stuckrad-Barre: Vor zehn Jahren nicht - und vielleicht auch in zehn Jahren nicht mehr. Momentan aber sehr.
teleschau: Ist Interesse an Politik eine Frage des Alters?
Von Stuckrad-Barre: Dass ich die Politik zu meinem bevorzugten Beobachtungsgebiet gewählt habe, fing mit einem Porträt über Berlins Regierenden Oberbürgermeister Klaus Wowereit an. Alles an diesem Politikeralltag interessierte mich, weil ich keine Ahnung hatte, welchen Regeln dieser folgt. Parallel dazu fing ich an, mit Helmut Dietl am Drehbuch für den Kinofilm "Zettl" zu schreiben, der im Regierungsviertel spielt. Als wir mit dieser Arbeit fertig waren, begleitete ich verschiedene Politiker für mein Buch "Auch Deutsche unter den Opfern", und da bestätigte sich meine Vermutung, dass dieses Feld neben allem anderen auch eine Menge Komik bereithält.
teleschau: Wenn man ein leicht ungeduldiger Mensch ist, kann das als Unhöflichkeit missverstanden werden. Ist das eine Gefahr bei der Moderation mit den Gästen?
Von Stuckrad-Barre: Kann passieren und ist blöd, wenn der Gast das so empfindet. Ich will aber weder um Verständnis noch um Entschuldigung werben, sondern setze darauf, dass der Gast sieht, dass ich mich in geradezu geisteskranker Umarmung auf ihn freue und mich umfassend vorbereitet habe. Ich freue mich wirklich, dass sie kommen. Die haben ja anderes zu tun!
teleschau: Vor welchen Gästen haben Sie am meisten Angst?
Von Stuckrad-Barre: Ich habe immer bei dieser Veranstaltung ganz große Angst, im Sinne einer hohen Nervosität, die als Folge meiner Überspanntheit sowieso eine Grundeigenschaft von mir ist. Aber diese Nervosität finde ich auch richtig, solange sie sich nicht durchgängig auf den Zuschauer überträgt. Eigentlich finde ich es nicht unsympathisch, aufgeregt zu sein - angebracht ist es auf jeden Fall. Es ist eine absolut künstliche Situation, vor Publikum mit Menschen zu sprechen, die man nie zuvor getroffen hat. Das will ich nicht verleugnen, sondern im Zweifel zum Stilmittel erheben.
teleschau: Finden Sie es schade, dass die Sendung nur auf ZDFneo eine Plattform hat?
Von Stuckrad-Barre: Ich finde es da perfekt, ein "nur" kann ich nicht erkennen. Bei diesem Sender ist es ausdrücklich erwünscht, Sachen auszuprobieren, und das ist mir sehr recht. Ich weiß gar nicht, ob ich dem größeren Druck bei einem größeren Sender standhalten könnte.
teleschau: Trotzdem: Warum wird die Generation, die einst nicht erwachsen werden wollte, im Fernsehen so wenig repräsentiert?
Von Stuckrad-Barre: Zunächst mal: Ich finde im deutschen Fernsehen immer was, da man sich aus verschiedensten Quellen sein Programm zusammenstellen kann. Aber eine Firma wie Ulmen TV, die "Stuckrad Late Night" produziert, ist als Reaktion auf die Verwahrlosung und Mutlosigkeit der großen Sender entstanden. Und aus dem Überdruss, mit denen ewig zu verhandeln und sich Ideen zerreden zu lassen. Das kann man als Notwehr bezeichnen, aber auch als Akt der Befreiung. Das ist doch wunderbar.
teleschau: Es ist wunderbar, dass Christian Ulmen sein Geld da reinstecken muss?
Von Stuckrad-Barre: Dafür können wir frei arbeiten, ohne hunderte von Gremien. Ich finde das konsequent und richtig, sehe mich auch als meine eigene Ein-Mann-Firma, funktioniere so am besten. Man muss dann natürlich in einem nächsten Schritt Verbündete auch in großen Sendern oder Verlagen finden, mit denen man gerne Zeit verbringt und sich Sachen ausdenkt, Menschen, die einen nicht ermüden. Die gibt es ja.
teleschau: Warum bilden Christian Ulmen und sie kein Team vor der Kamera?
Von Stuckrad-Barre: Weil er sich entschied, die Live-Regie und die Orchestrierung des Teams zu übernehmen. Vielleicht würde der Funke vor der Kamera gar nicht überspringen, einfach, weil wir uns zu gut kennen, viele Gewohnheiten und Ansichten teilen und all das unter Freunden Selbstverständliche, also Ungesagte, gar nicht abbildbar ist.
teleschau: Was antworten Sie auf die Frage: Was ist Ihr Beruf?
Von Stuckrad-Barre: Der Blick zurück zeigt, dass es in meinen Arbeiten, seit ich die Schule verlassen habe, um die Erschaffung von Text ging. Kokett gesagt: Ich mache so Sachen.
teleschau: Dazu gehörte jüngst das Drehbuch zur Politkomödie "Zettl". Hat Sie der Stoff oder die Person Helmut Dietl dazu bewogen?
Von Stuckrad-Barre: Ich hätte mich auch für alles andere angeboten, das mit Helmut Dietl zu erarbeiten gewesen wäre. Er ist ein herausragender Künstler, den ich sehr verehre. Diese Haltung musste ich dann allerdings erst einmal zur Seite räumen, denn davon hätte er ja nichts gehabt. Als in Ehrfurcht erstarrter Fan wäre ich ihm kaum nützlich gewesen. Also haben wir einfach losgelegt, geguckt, ob das klappt mit uns, es ging sofort. Das war mit Abstand die schönste Sache, an der ich je mitarbeiten durfte.
teleschau: Sie machen den Eindruck, als hätten Sie den Teamplayer in sich geschult.
Von Stuckrad-Barre: Das Zusammenarbeiten mit klugen Köpfen bewahrt einen vor Stumpfsinnigkeit und davor, nur in sich selbst zu gründeln. Sich immer wieder in neuen Konstellationen mit anderen zusammenzutun, dadurch auch permanent die Waffen zu wechseln, die Formen zu variieren, das ist unerlässlich, wenn man nicht einsam am Schreibtisch verblöden will.
teleschau: Haben Sie Im Nachhinein eine Erklärung, warum sie als Autor so früh so hochkatapultiert wurden?
Von Stuckrad-Barre: Nein, das wäre aber auch nicht gut, das selbst erklären zu wollen oder gar zu können. Wenn einem von außen so Kitschbegriffe zugeordnet werden, hat man nur eine Aufgabe: lachen und schnell weitermachen. Mir können diese Bezeichnungen ja nichts über mich oder meine Arbeit sagen, weder Lob noch Tadel. Texte, Sendungen, Filme wollen Publikum. Wenn es auf so eine Wortmeldung dann Reaktionen gibt, muss ich die auch aushalten.
teleschau: Eloquenz ist also nicht immer nur ein Segen?
Von Stuckrad-Barre: Hier muss in der Schriftform stehen: "Pause". (lacht) Gerne schnell und viel zu reden, birgt auch die Gefahr, den eigenen Worten hinterherlaufen zu müssen, um zu gucken, was die wieder angerichtet haben. Ich bereite mich ausführlich vor, beispielsweise bei "Late Night", und will dann viel zu viel. Ein elementarer Fehler, und ich mache ihn immer wieder gerne. Hinterher bin ich zwar fix und fertig, obwohl - oder gerade weil - ich wieder nur etwa drei Prozent dessen, was ich vorhatte, sagen konnte, aber das ist in Ordnung. Man muss es halt immer wieder probieren - um wenigstens einmal auf vier Prozent zu kommen (lacht).