Unser täglich Reality-Brot

 - 03.02.2012

TV-Anwalt Ingo Lenßen kehrt ins SAT.1 Programm zurück ("Lenßen" ab 05.03., montags bis freitags um 18.30 Uhr)

Von Eric Leimann
Als SAT.1 2009 "Lenßen & Partner" aus dem Programm nahm, sahen viele Kritiker das Ende des Fake-Reality Booms im TV gekommen. Doch Pustekuchen. Ab 5. März ist TV-Anwalt Ingo Lenßen samt seiner Detektive wieder täglich auf Sendung.
TV-Anwalt Ingo Lenßen kehrt am 5. März auf den SAT.1-Bildschirm zurück.
TV-Anwalt Ingo Lenßen kehrt am 5. März auf den SAT.1-Bildschirm zurück.

Ingo Lenßen ist Sportler durch und durch. Auch wenn sein kunstvoller Zwirbelbart von diesem Wesenszug ablenkt. Bevor der gebürtige Krefelder als Strafverteidiger und TV-Anwalt ("Lenßen & Partner") Karriere machte, spielte er Eishockey. Bis in die Jugend-Nationalmannschaft brachte ihn das, doch eine schwere Verletzung bedeutete das frühe Ende der Karriere. Seinen langen Atem und eine fast amerikanisch anmutende Bereitschaft zum Abenteuer, hat der 51-Jährige dennoch behalten.

Glück auf in Essen: Anwalt Ingo Lenßen (Mitte) und seine Detektive suchen im Ruhrgebiet fünfmal pro Woche erdige Fälle.
Glück auf in Essen: Anwalt Ingo Lenßen (Mitte) und seine Detektive suchen im Ruhrgebiet fünfmal pro Woche erdige Fälle.

Einer seiner schönsten Siege dürfte der gegen den ehemaligen SAT.1-Chef Guido Bolten sein. 2009 nahm Bolten das scheinbar wahre Kriminalfälle nachstellende Format "Lenßen & Partner" aus dem Programm. Der TV-Boss setzte stattdessen auf Telenovela am Vorabend. Und er vollzog einen Strategiewechsel seines Senders. Für viel Geld holte Bolten Johannes B. Kerner und Oliver Pocher. "Colour Your Life" hieß es plötzlich bei SAT.1. Vorbei die Zeiten, als sich in den Niederungen der "Scripted Reality" Format um Format ausbreitete. Der Medienmanager scheiterte mit seinem Glamour-Konzept, Anfang 2010 wurde er entlassen. Nun kehrt Ingo Lenßen ins Programm zurück. SAT.1, so scheint es, ist wieder am Boden angekommen ("Lenßen": ab 05.03., montags bis freitags, 18.30 Uhr bei SAT.1).

Richter spielen Richter, Anwälte mimen Anwälte, Polizisten agieren als Polizisten. Dabei sind die geschilderten Fälle trotz pseudodokumentarischem Stil bestenfalls von der Realität inspiriert. Formate, die so tun, als würden sie Realität abbilden, obwohl ihre Handlung frei erfunden ist, waren einer der großen TV-Trends des vergangenen Jahrzehnts. Vor allem die großen Privatsender RTL und SAT.1 bauten sich wahre Marathonstrecken überdramatisierten Alltags in ihr Tagesprogramm.

Kein Verdächtiger wird je übersehen: TV-Anwalt Ingo Lenßen (links) leuchtet mit seinen Helfern ins Angesicht des Verbrechens.
Kein Verdächtiger wird je übersehen: TV-Anwalt Ingo Lenßen (links) leuchtet mit seinen Helfern ins Angesicht des Verbrechens.

Als "Lenßen & Partner" - einer der Dinos dieses Trends - 2009 nach sechs Jahren Dauerermittlung abgesetzt wurde, feierten die zahlreichen Kritiker des Fake-TV eine Zeitenwende. Der Zuschauer, so hoffte man, habe endlich keine Lust mehr, inszenierte Räuberpistolen im Doku-Stil als Realität zu begreifen. Echte Polizisten, die täglich in Schießereien verwickelt werden, oder - wie bei "Lenßen & Partner" - Privatdetektive, die durch Einbrüche in Wohnungen täglich das Gesetz brechen - nein, das war doch ein zu starkes Stück.

Für die unrealistisch-fehlerhafte Darstellung detektivischer Methoden wurde "Lenßen & Partner" übrigens vom Berufsverband Deutscher Detektive e.V. heftig angegangen. "Kritik ist immer gut, wenn konstruktiv", sagt Lenßen dazu. "Aber der Zuschauer schaut schon genau hin und weiß sehr wohl, dass wir uns an echten Fällen anlehnen, die dann durch dramatische Stilmittel erweitert werden."

Comeback im SAT.1-Vorabendprogramm: Ingo Lenßen (Mitte) und seine Ermittler hat es von München ins Ruhrgebiet gezogen.
Comeback im SAT.1-Vorabendprogramm: Ingo Lenßen (Mitte) und seine Ermittler hat es von München ins Ruhrgebiet gezogen.

Logisch, dass einem gewieften Taktiker wie Lenßen derlei Kritik nicht neu ist. Jovial füht er hinzu: "Klar, als echter Anwalt weiß ich natürlich, dass kaum einer meiner Kollegen derart intensiv mit Detektiven zusammen arbeitet. Aber wir machen ja Unterhaltung. Und die Detektive sind ein Stilmittel, das wir hinzugenommen haben. Wenn die Detektive mal über die Stränge schlagen, werden sie vom Anwalt immer gemaßregelt. Da ist der Anwalt sozusagen das Korrektiv in Richtung Realität."

Nun macht Comebacker Ingo Lenßen mit seinem neuen Format "Lenßen" im Prinzip dort weiter, wo er 2009 unfreiwillig aufhörte. Das gilt auch für Lenßens Detektive, die neu sind. Ebenso wie das Setting Ruhrgebiet, welches die alte Spielstätte München ablöst. Ingo Lenßens Hauptquartier liegt nun in einem Büro am Essener Hauptbahnhof. Dort empfängt er seine Ermittler zu konspirativen Besprechungen. Nach zwei Jahren Pause, in denen Lenßen seine Anwaltstätigkeit wieder aufgenommen und ganz nebenbei in Wildwestmanier aus eigener Tasche "Lenßen - Der Film" inszeniert hatte, ist er nun wieder täglich bei SAT.1 im Geschäft. Wie der Mann tickt, zeigt die Hintergrundgeschichte zu "Lenßen - Der Film".

Guido Bolten blieb als SAT.1-Umbauer glücklos. Nach nur einem Jahr Amtszeit wurde er als Senderchef im Januar 2010 entlassen.
Guido Bolten blieb als SAT.1-Umbauer glücklos. Nach nur einem Jahr Amtszeit wurde er als Senderchef im Januar 2010 entlassen.

Fast eine Million Euro bezahlte der Anwalt für den TV-Film. Das gesamte Geld stammte aus eigener Tasche - ohne dass ein Abnehmer für den Streifen feststand. Das Drehbuch stammt übrigens von Lenßens Frau. Ihre Qualifikation? "Weil ich mir keine bessere Drehbuchautorin für diesen Stoff hätte vorstellen können", grinst der Anwalt. "Sie hat die Produktion von 'Lenßen & Partner' sieben Jahre lang hautnah mitverfolgt und kannte sie die Charaktere nur zu genau."

Als das "Lenßen"-Abenteuer in Spielfilmlänge fertig war, ging der robuste Ex-Schlittschuhläufer zu seinem alten Sender - nach der Entlassung von Guido Bolten. Dort kaufte man ihm das sicher nicht Grimme-Preis-verdächtige Werk ab und zeigte es an einem Samstag-Vorabend im Januar 2011 im Programm. Mit insgesamt 2,8 Millionen Zuschauern war "Lenßen - Der Film" die erfolgreichste Sendung des Tages bei SAT.1. In der Zielgruppe lag man mit elf Prozent auf Senderschnitt. Ordentliche Argumente für eine Fortsetzung.

Echter Anwalt und an die Realität angelehnte Fiction: Für Rat suchende Menschen, so heißt es, war Ingo Lenßen und sein Ermittler-Team oft die letzte Hoffnung.
Echter Anwalt und an die Realität angelehnte Fiction: Für Rat suchende Menschen, so heißt es, war Ingo Lenßen und sein Ermittler-Team oft die letzte Hoffnung.

Seit ein paar Wochen ist Ingo Lenßen wieder voll zurück im Wettkampfmodus. Fünf Drehtage absolviert der am Bodensee lebende Familienvater derzeit im Ruhrgebiet. Die Strecke mit dem Taxi zum Züricher Flughafen, den Flug nach Düsseldorf und zurück, das Leben im Hotel unter der Woche - alles ist Ingo Lenßen schon in Fleisch und Blut übergegangen. Vom "Kohlenpott", wie er sein neues Arbeitsfeld etwas nostalgisch nennt, ist der Anwalt schlichtweg begeistert: "Die Locations sind super, und hier ist an allen Ecken etwas los. Ich schätze die ehrliche und direkte Art der Menschen in der Region. Dass wir aus München weggehen, war eine bewusste Sache. Wir haben das Ruhrgebiet ausgesucht, weil wir glauben, dass wir hier etwas erdiger erzählen und arbeiten können. Auch die Fälle, die wir behandeln wollen, sollen näher dran sein an den Alltagsproblemen der Menschen."

"Lenßen" will serviceorientierter sein als das Vorgängerformat. "Die Tendenz geht weg von den ganz großen Kriminalfällen, eher das Alltägliche: Ein kleiner Diebstahl, der zur Kündigung führt. Mobbing oder auch Mietnomaden, dies sind die Themen, mit denen wir uns unter anderem beschäftigen werden." Den "Lenßen"-Auftakt macht am 5. März allerdings eine Doppelfolge, in der es um ein fünfjähriges verschwundenes Mädchen geht. Dieser Fall wird am gleichen Tag bereits am Nachmittag in "Richter Alexander Hold" ausgebreitet - also in jener Gerichtsshow, die Ingo Lenßen einst als Anwaltsdarsteller bekannt machte.

Fast schon Trash-nostalgisch darf man das nennen. Kurze Zeit nach seinen ersten Auftritten bei Richter Alexander Hold bekam Ingo Lenßen sein eigenes Format. Fast könnte man nun also wieder denken, es wäre 2003 - und Ingo Lenßen nie weg gewesen. Wie es aussieht, müssen sich Kritiker jenes Fernsehens, für das der Zwirbelbart-Anwalt steht, noch eine Weile bis zu dessen Götterdämmerung gedulden.